Carl Ludwig Wilhelm Baermann an Friedrich Wilhelm Jähns
München, Dienstag, Dienstag, 27. Februar 1872

Mein lieber werthester Freund!

Zürnen Sie mir nicht daß ich auf Ihre letzte Sendung nebst herzlichen Brief, so spät meinen herzlichsten Dank hiermit abstatte, allein ich war und bin noch gegenwärtig mehr Lohnbedienter als Mensch u. Musiker. Kaum daß ein zugereister Freund u. Bekannter wieder abgereist ist, tritt ein anderer Schutzempfohlner in mein Zimmer, und somit tret ich meine Wanderungen durch mein liebes München wieder vom Neuen an. Wie oft ich seit 14 Tagen die Pinackothecken, die Glypthoteck, die Residenz und die Kirchen durchwandert habe weiß ich nicht mehr, aber das weiß ich gewiß daß ich entsetzlich dabei gefroren und mich herzlichst zuletzt ennuirt habe. Die Kunst ist etwas herrliches, aber frieren muß man nicht dabei, auch ist mein Urtheil über die blasirten Köpfe der Lohnbedienten seitdem ein viel milderes geworden, da ich überzeugt bin daß ich in den letzten Tagen auch nicht anders ausgesehen haben muß. Denken Sie sich daß ich noch gar nicht dazu gekommen bin Ihrer freundlichen Zusendung die nöthige Muße schenken zu können, da der Orchester Dienst in diesen Tagen auch nicht bitter war. Vorläufig nehmen Sie daher mit meinen besten Dank fürlieb, und daß mich die Lieder sehr gefreut haben und ich dieselben recht aufmerksam durchstudieren werde brauche ich Sie wohl nicht erst zu versichern, also nochmals: herzlichsten Dank! –

Was nun Ihre Fragen betrifft, so kann ich Ihnen hierüber reinen unverfälschten Wein einschenken. Freischütz wurde am 9t Februar nicht zum 500tmal gegeben, wie einige vorlaute Gelbschnabel von hier aus schrieben, sondern erst zum 183t mal. Sie sehen also daß die Berliner sich nicht vor den Münchner zu schämen brauchen, eher umgekehrt. Indeß war München früher eine Stadt von nur 60,000 Einwohner und Berlin hat jetzt gewiß nahe an 800,000.

Das 50jährige Jubiläum von Freischütz ist hier erst am 15t April d: J: wozu auch schon ganz neue Decorationen angefertigt werden. Der Trompeter welcher in letzter Vorstellung auf der Bühne sein Jubiläum gefeiert hat heißt Adam Metzkopp, ist oder wird vielmehr am 31t Mai 77 Jahr. Er war früher erster Trompeter beim hiesigen Leibregiment, und ist seit seiner Pensionirung beständiger Trompeter bei der Theatermusik. Das merkwürdige ist, daß er von der ersten Probe des Freischützes bis zur letzt vergangenen 183t Vorstellung nie durch einen andern ersetzt war, weder bei Proben noch bei Vorstellungen, und jedesmal also persönlich sein MW_WeV-C07, Signal Bauernmarsch geblasen hat*, ein Beweis also daß er niemals krank oder abwesend war. Sein Jubiläum ist jedoch allerdings verfrüht und sollte eigentlich erst am 15t April mit der Oper sein. Er bekam von der musikalischen Accademie (: Hofmusik :) eine Adresse auf welcher sein Portrait oben an gemalt ist, und in Knittelversen in oberbayerischer Sprache sein langjähriger Freischütz-Dienst launigst besungen ist, dazu eine Schützenkette von 31 Thlr. Vom König erhielt er 10 Ducaten. Vom Theaterpersonal 20 Thlr, vom Chor-Personal einen Pockal mit eingravirten Verse, u. verschiedene kleinere Geschenke vom Publicum, welches ihn bei der letzten Vorstellung herzlichst empfangen hat. So lieber bester Freund jetzt hab ich berichtet was ich weiß und hoffe daß Sie mit mir höchlichst zufrieden sind.

Ihre Nachrichten von Ihrer lieben Familie haben mich sehr erfreut, nur bedauere ich recht sehr Ihr eigenes Leiden, welches hoffentlich sich auch wieder geben wird, hab ich doch selbst ein ähnliches. –

Bei mir ist jetzt alles ziemlich wohl, der harte Winter hat zwar auch ein’s um’s andere in’s Bett geworfen, doch steht jetzt alles wieder auf den Beinen.

Nun kom[m] ich aber auch mit einer Bitte. Herr Robert Li[e]nau (: Schlesinger’sche Musikhandlung :) hat mir im vergangenen Jahre einmal geschrieben, ich möchte ihm Clarinett-Compositionen, mein Violoncell-Concert, u. einige Lieder zur Einsicht schicken. Ich habe nun diese Compositionen völlig überarbeitet, und bin nun damit fertig. Wollten Sie ihn nicht gefälligst fragen ob ich sie ihm schicken soll natürlich francirt. Sie sehen ich halte Sie auch im Athem, auch kennen Sie ja einige von diesen Liedern.

Nun lieber bester Freund muß ich in die Probe vom Rheingold * und somit Gott befohlen nebst herzlichsten Grüßen von meiner ganzen Familie Alt u. Jung. Immer Ihr
alter Freund
Carl Baermann

Apparat

Zusammenfassung

korrigiert, daß der Freischütz am 9. Februar 1872 nicht zum 500. mal, sondern erst zum 183.mal gegeben wurde in München, das 50-jährige Jubiläum des Freischütz ist am 15. April 1872. Der Trompeter, der in der letzten Vorstellung sein 50-jähriges Jubiläum der Mitwirkung im Freischütz feierte heißt Adam Metzkopp, der am 31. Mai 77 Jahre alt wird. Berichtet über die zahlreichen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, er hat weder Proben noch Aufführungen in 50 Jahren versäumt. Bittet Jähns bei Lienau zu fragen, ob B. ihm eigene Kompositionen zur Ansicht schicken könne.

Incipit

Zürnen Sie mir nicht daß ich auf Ihre letzte Sendung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. V. A. (Mappe XIX) 5. 3. Nr. 42.a.

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. o. Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Eveline Bartlitz, „Ich habe das Schicksal stets lange Briefe zu schreiben ...“. Der Brief-Nachlaß von Friedrich Wilhelm Jähns in der Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Die Briefe Carl Baermanns an Friedrich Wilhelm Jähns, in: Weberiana. Mitteilungen der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft e. V., Heft 8 (1999), S. 5–47

Textkonstitution

  • „nicht“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • „… MW_WeV-C07, Signal Bauernmarsch geblasen hat“Der Freischütz (JV 277), 1. Akt, Bauernmarsch in Nr. 1.
  • „… die Probe vom Rheingold “Am 16. März 1872 war eine Aufführung des Rheingold im Münchner Kgl. Hof- u. National-Theater; es dürfte sich dabei um die Uraufführungsinszenierung von 1869 gehandelt haben. Spielleiter war 1872 Franz Grandaur (nach frdl. Mitteilung von Chefdramaturg Dr. Hanspeter Krellmann, München).

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