Anton Bernhard Fürstenau an Karl August Böttiger in Dresden
London, Montag, 3. Juli 1826

Mein sehr werther Herr und Freund!

Ihren Brief an Sir Georg Smart wurde mir durch dessen Güte mitgetheilt, und ich erstaunte zu lesen, das Sie, und wie Sie sagen, fast ganz Deutschland eine falsche Ansicht von den Verhältnissen, welche zwischen von Weber und C. Kemble statt fanden, haben. Mir, dem unpartheiischen und steten Begleiter v. Webers sey es erlaubt, Ihnen das Gegentheil zu beweisen, da ich ziemlich genau von dem seeligen alles weis, und Sie erlauben mir daher, mein sehr werther Freund, Ihnen Ihren Brief nach der Ordnung zu beantworten. – Das Sie Sir Georg Smart im Namen der Frau von Weber danken, für die ausserordentliche Aufnahme und Bewirthung H. von Weber ist sehr zu loben, nur hätte ich gewünscht das dieses mit noch mehr Herzlichkeit und Dankbarkeit geschehen wäre, da ich Ihnen versichern kann, das Sir Georg Smart kein Opfer zu groß gehalten hat, um den seeligen zu Dienen, nicht allein bey seinem Leben, sondern auch nach dessen leider erfolgtem Tode, welches ersteres Weber auch stets mit Rührung gegen mich anerkannte, und nur ich kann hier hierüber urtheilen, da ich stets Zeuge einer Theilnahme von Seiten Sir Georg Smart gewesen bin, die nicht minder sein hohes Gefühl für Webers großes Künstler Talent als für seine Tugenden, ausdrückten. – Ebenso ist das Benehmen von C. Kemble und Familie gewesen, und auch dort war ich ja so öfterers Zeuge, wie manche vergnügte und heitere Stunde Weber in diesem Kreise verlebte. – Was sein Engagement des Oberons betrift, und überhaupt sein Hierkommen anbelangt, ist das Betragen der Direction vom Coventgarden Theater äusserst zuvorkommend gewesen, und hat sehr viel über ihre übernommenen Verpflichtungen geleistet. Die Summe, welche Weber für diese Oper erhielt, ist hier von diesem Theater noch nie bezahlt worden, und nach allen Umständen zu urtheilen, wie ich sie jetzt kenne, ist, und die Bezahlung äusserst anständig gewesen, und war unmöglich zu erhöhen, da bis jetzt, troz der allgemeinen Theilnahme, die Kosten, welche der Oberon verursachte, noch nicht eingenommen sind, und so findet Jedermann, welcher mit London näher bekannt ist, das Herr Kemble den Contrackt mehr zu seinem Nachtheile, als zu seinem Vortheile, eingegangen ist. Freilich denkt man in Deutschland, man gehe in London auf ein goldenes Pflaster, ich selbst wahr früher der Meinung, doch muß man hier gewesen sein, um darüber Urtheilen zu können. | Die Herüberkunft des Herrn von Weber war nicht mit im Contrackt bedungen, sondern eine Privat Spekulation von ihm selbst, und dadurch, das die Direction des Theaters ihm durch mehre Mahle Dirigieren eine Summe von £ 380 zuwendete, auch eine Benefice Vorstellung antrug, mehr Dank von Deutschland für denselben zu erwarten, als es leider geschiehet. Der Herr von Weber war stets ausserordentlich mit dem Benehmen des Theaters zufrieden, und äusserte mehere mahle zu mir "Sie thun alles mögliche für mich’ weshalb er auch Ihren Brief welchen Sie ihm in der Englischen Sprache schrieben, niemahls gezeigt hat, denn er enthielt ja von diese Angelegenheit viel, und da er einsah das er die vielen Bemühungen und Zuvorkommenheiten der Direktion nichtz kränken durfte. – Auch nach dem leider erfolgten absterben des H. von Weber, wurde gleich mit der größten Bereitwilligkeit die Benefice-Vorstellung für seine Familie gegeben, und das dieselbe und sein Concert nicht glänzend ausfiel, ist wohl dem Publikum und nicht dem Arrangement dieser Vorstellungen zuzuschreiben. – Vielmehr sollten Sie, und wir alle, mit unsern deutschen Landsleuten, welche in London wohnen, zürnen, das diese sich so theilnahmlos gegen Weber bewiesen, den es wird doch eine ewige Schande für diese bleiben, einen Concert Saale, wo vielleicht nur 600 Personen hineingehen, nicht wohl gefüllt zu haben, ja diese nicht Theilnahme hat sich so weit erstreckt, das selbst diejenigen, an denen wir empfohlen waren, und worunter auch Ihre Freunde sind, nicht wohl die gewöhnliche aufmerksamkeit hatten, welche man von einem nicht gebildeten Menschen verlangt. Der Herr Hofrath Winckler wird Ihnen hierüber meheres aus meinem Briefe mittheilen können. –

Mit der Cantate, welche Weber dem König übersandt,* ist es gegangen, wie es mit alle dergleichen Uebersendungen geth, wenn es nicht nach früherern Anfragen mit bewilligung der Hohen geschiehet, und kann man selten als dann auf eine Antwort hoffen. Beethoven hat jetzt dieselbe Erfahrung hier gemacht. Ich weis, das Sir Georg Smart noch bey Lebeszeiten des Herrn von Weber dieserhalb viele Versuche vergebens gemacht hat. –

Sehr schmerzlich war es mir zu sehen das diese herrliche Menschen, welche ich namentlich in diesen Schreiben erwähnte, durch Ihren Brief so tief gekränkt wurden, und ich mache es Ihnen zur Pflicht, mein sehr werther Freund, nachdem Sie nun anders über diese Angelegenheit dencken werden, diese Freunde durch einige herzlichere Zeilen bald | zu beruhigen, und ich werde auch bey meiner Zurückkunft nicht ermangeln, laut und öffentlich die ausserordentliche Theilnahme dieser Freunde zu rühmen. –

Leben sie wohl! hoffentlich sehen wir uns bald wieder, schenken Sie unterdessen ein freundliches Andenken Ihrem ergebenenA. B. Fürstenau

Apparat

Zusammenfassung

Fürstenau hat Böttigers Brief an Smart lesen dürfen u. korrigiert die offensichtlichen Mißverständnisse: sowohl Smart als auch Kemble hätten sich unermüdlich um Weber bemüht; das Honorar für Oberon sei so hoch, wie es noch niemals zuvor gezahlt worden sei; nur der schlechte Besuch des Benefits für die Hinterbliebenen sei zu bedauern; B. habe Smart u. Kemble tief verletzt F. bittet, dass B. sich entschuldige

Incipit

Ihren Brief an Sir Georg Smart wurde mir durch dessen Güte mitgetheilt

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Dresden (D), Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek (D-Dl)
Signatur: Mscr. Dresd. h 37, Bd. 218, Nr. 24

Weitere Textquellen
  • Schneeberger, Bernhard Maria Heinrich, Die Musikerfamilie Fürstenau. Untersuchungen zu Leben und Werk, Teil I, Münster u. Hamburg 1992, S. 282–284
  • Englische Übersetzung in: Hogarth, George: Musical History, Biography and Criticism, New York 1848, S. 146–147; H. Bertram Cox + C. L. E. Cox (Hg.), Leaves from the Journals of Sir George Smart, London u. a. 1907, S. 255f. + 257

Textkonstitution

  • "ersteres": Hinzufügung.
  • "von": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • "… welche Weber dem König übersandt,": möglicherweise die Partitur der Jubel-Kantate (WeV B.15) gemeint, die am 26. Mai 1826 mit englischem Text unter dem Titel The Festival of Peace unter Webers Leitung in London aufgeführt worden ist

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