Friedrich Kind an Friedrich Rochlitz in Leipzig
Dresden, Montag, 24. März 1828

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Ihr Brief, mein geliebter Freund, vom 16ten dieses hat mir Freude und Beruhigung gebracht. Ich hatte von Zeit zu Zeit Manches über Ihr Befinden gehört, das mich besorgt machte, und Ihr Stillschweigen schien dieß zu bestätigen. Jetzt weiß ich ja durch Sie Selbst, daß Ihr körperliches Unwohlsein Ihre geistige Thätigkeit nicht ganz gehemmt hat, daß wir vielmehr zwei Bändchen auf einmal von Ihnen zu erwarten haben*. Da kann es ja doch so gar schlimm noch nicht gewesen seyn, und wär’ es auch so gewesen so ists doch vorüber und der nahende Lenz wird gewiß auch Ihnen neue Blüten, Blätter und Früchte bringen, woran nichts blos Sie, sondern alle Freunde des Guten und Schönen, sich erfreuen werden! So geschehe es, ruf’ ich aus voller Brust, Amen!

Aber was enthalten denn eigentlich diese zwei Bändchen? Da Sie nichts Näheres davon angeben, so vermuthe ich, es ist Fortsetzung: „Für Freunde der Musik.“* Wenn denn anders, bitte ich mir es zu melden.

Wie es um mich und die Meinigen steht? Ich würde unrecht thun, wollt’ ich klagen. Ein wenig Noth giebt es nun schon allenthalben, und so sind denn auch bei uns zuweilen Sorgen, kleine Verdrießlichkeiten, (Gott sei Dank! nur von außen her) kleine Verluste p mit durchgelaufen. Aber wir sind im Ganzen gesund gewesen, haben uns um die Außenwelt wenig bekümmert u. sind sogar, Liederkreis und Theater abgerechnet, fast nicht ausgekommen. Ich aber habe tüchtig wenigstens anhaltend doch ohne daß es meiner Gesundheit geschadet, bald gelesen, bald — und noch mehr — selbst geschrieben, wovon schuldiger Maasen eine kleine Relation folgen soll.

Daß ich von England aus zu einem zweiten Theile des Freischützen, zuförderst für England, aufgefodert worden bin, ist wahr. Es kam ein Msr. Holst* aus London, nach seiner eignen Angabe ein | sehr beliebter Volks-Componist zu mir, versicherte, daß er blos meinetwegen seiner Reise (ich glaube nach Dänemark, seinem Vaterlande, oder vielmehr von da nach England zurück) die Richtung nach Dresden gegeben habe, und foderte mich zu einer Fortsetzung oder Gegenstück auf — nicht blos in seinem, sondern einer ganzen Gesellschaft Namen. Ich erklärte mich dazu bereitwillig, jedoch nach Befinden der Umstände, und er wollte mir von London aus Nachricht geben. Auf eingezogene Erkundigung bei Göschen und meinem Vetter in London, erfuhr ich, daß der Mann solid sei, indeß hatte er gegen letztern zu erkennen gegeben, daß das Geschäft auf gleichen Gewinn abgeschloßen werden solle. Meine Meinung dagegen war, daß ich vorher eine Sum[me] mehr[e]n Guineen sehen müße. Seitdem ist die Sache in Ruhe geblieben und es wird wohl damit sein Bewenden haben. — Doch habe ich einigermaasen einen Plan entworfen, auch einige Scenen flüchtig ausgeführt. Sie sind, wenn ich einmal wieder dazu komme, schon auch anderswo zu brauchen. — Gut sollte das Ding übrigens wohl werden; aber warum soll ich aufs Ungewiße gerade etwas Bestimmtes unternehmen, da ich, wenn auch vielleicht, auf ein geringeres Gewißes schreiben kann, wozu ich eben Lust habe?

Für die Morgenzeitung bin ich seit einiger Zeit weniger thätig gewesen als im Anfange, und dieß aus Unzufriedenheit mit dem Herrn Verantwortlichen. Er ist ein eingefleischter Tiekianer und hatte, ich kann wohl sagen, etwas unredlicher Weise, einen Aufsatz gegen Müllner eingeschwärzt, der mir wegen seiner Gemeinheit und als ein Rachstückchen mißfiel. Ich habe mich daher so gestellt, daß ich an nichts Antheil nehme, | was ich nicht unter meinem Namen gebe oder, wenn es etwas Fremdes ist, in latere mit Kd. unterzeichne. Dieß muß ohne Weiteres — Verzeihung für den Schicksals-Klex!* – aufgenommen werden, und damit Punctum!

Außer einigen Recensionen und kleineren Aufsätzen habe ich in diesem Winter bis jetzt 3. Erzählungen geschrieben, und trage mich mit der 4ten. N. 1 . Der Liebe Maskenspiel (wird dem Salvatorello in die Schuhe geschoben) könnte man eine romantisch-juridische Novelle nennen. Sie ist nicht übel, doch vielleicht etwas gewagt. Die Schwierigkeit zog mich an. Man könnte es für ein Mittelstück von der rothen und weißen Rose und den Fastnachtsträumen halten. — Beßer, und vor der Hand, ganz gefallen mir N. 2. Cabale und Liebe und N. 3. Der Rector Magnificus*. Das erstere von diesen beiden ist eine Hof- und Würtenbergische, das zweite eine Akademie- und Wittenbergische Novelle. Von der Art der letztern möchte wohl noch nie etwas Ähnliches erschienen seyn und so hat sie wenigstens den Charakter der Neuheit. Sie werden Alles zu seiner Zeit zu sehen bekommen.

Daß Webers Oberon hier immer mehr gefalle, glauben Sie ja nicht. Ich wollte mit Ihnen eine Wette eingehen, daß er hier nicht so oft gegeben wird, als in Leipzig*. Die Decoration erdrückt die Musik, und dennoch, und ob sie gleich gegen 8/m rh. kostet, glauben Sie wohl, daß diese Decoration, dieses Costum wirklich, ich meine, im poetischen Sinne, geschmackvoll sei? Wenn das geschmackvoll ist, wo man so viel aufklebt, als halten will, dann möcht’ es wahr seyn. Aber von dem, was durch Abwechslung des | Einfach-Schönen und des Glänzenden hervorgebracht werden kann, scheint man auf dem Theater keine Ahnung mehr zu haben. Weber selbst hatte sich durch Spontini’s Elephanten irre führen laßen, meinte: Hilftz nich, so schaz nichz! Und ließ den Engländer, der wahrl. kein Licht seyn kann, Scenen einweben wegen der Decoration, da die Decoration Magd der Poesie seyn muß, glimpflich gesagt, Gesellschaftsfräulein. Genug — Enthusiasten ausgenommen – können Sie hier von jedem hören: „Ich hab’s gesehen, ich seh’s nit wieder!“ Schon, daß vom Sehen die Rede ist von einer Oper bezeichnet so ziemlich das Ganze. — Was mich anlangt, ich bin in musikalischer Hinsicht ein Laie — nun mir haben im Anfange einige Geisterchöre gefallen, späterhin aber wußt’ ich nicht mehr, ob Geister sangen oder Irdische? Die Verkörperung beider mag dazu beitragen. Meines Erachtens müßten aber die Feerien ganz anders aufgefaßt, selbst durchgängig mit anderen Instrumenten begleitet seyn, als die Erdenbegebenheiten. Vier bis fünf weibliche Subjecte, an Stricken in der Luft baumelnd, bieten meiner Phantasie nichts weniger, als Repräsentanten des Luftreichs, sondern s. v. kecke und doch auch bange Menschen. Ich schreibe Ihnen alles ohne Blume. Übrigens kann ich keine Oper für ein Kunstwerk halten, wo nicht Dichtkunst, Musik, Decoration, Tanz p ein Ganzes bilden, mithin in vollkommener | Harmonie stehen.

Aus dem Hanns Sachs hätte freilich weit mehr werden können, als Deinhardstein daraus gemacht hat*. Indeß ist das Stück, wenigstens, wie es hier gegeben worden ist, doch ungemein gefällig und spricht das deutsche Gemüth an — das sich nun einmal, und mit Recht, nicht mit Calderonscher Salbe, noch mit englischer Biersuppe, abspeißen laßen will: Difficile est, satyram non scribere. Ich habe einen Dresdner Helikon, zwar noch nicht aufgeschrieben, aber im Kopfe. Aber man würde mir, wie dem seel. Gloster im Lear, mit Pantoffel Absätzen die Augen austreten. Nun, es wär doch sublim!

Ich möchte wohl ein Volksstück für die Bühne schreiben, allein – da man Ella nicht aufzuführen wagt, mag es bleiben, man muß jetzt ein Ubersetzer nach Scribe und so etwas beim Theater zugleich seyn, oder den geltendsten, wenn auch nicht eben gültigsten, Schauspielern und Damen den Hof machen, wenn etwas aufgeführt, wenigstens gut aufgeführt werden soll. Brühl will seit 5. 6. Jahren Vandyk — seit ihrem Erscheinen Ella auf die Bühne bringen; kann er’s?* Tiek bedauert öffentlich in Druck, daß Vandyk nicht in Dresden aufgeführt werde*. Er ist Intendant, der Sache nach. Kann er’s, kann er’s nicht durchsetzen? — O Ironie des Lebens! Ironie des Seyns oder Nicht-Seyns! | Doch ich erschrecke fast, wenn ich sehe, daß schon das vierte Seitlein beginnt. Also nur noch die neuesten Novitäten.

Pro primo – ist hier eine neue literarische Gesellschaft gestiftet und getauft Albina*. Ew. Hochherrlichkeiten ergebenster Unterzeichneter ist zu einem — doch dem Unwürdigsten aller Vorsteher ernannt.

Pro secundo — ist hier eine Gesellschaft für Botanik und Gartenbau gestiftet worden und heißt: Flora. Ew. Hochherrlichkeiten ergebenster Unterzeichneter hat — in der Classe der poetischen Botanik oder botanischen Poesie — ein Patent erhalten.

Pro tertio — sind die Kanonen aufgepflanzt, die uns einen, wenn nicht gar zwei, Sächsische Prinzen verkündigen sollen. Kunst- und Sach-Verständige prophezeien nämlich Zwillinge*.

Leben Sie wohl, theuerster Freund! Zur Ostermeße hoffe ich mit meiner Fritze so munter zu kommen und Sie zu sehen. Deshalb aber würd’ es mir doch höchst angenehm bleiben, noch früher etwas von Ihnen zu sehen, i e zu lesen.Ihr Kind

Apparat

Zusammenfassung

berichtet über das Angebot aus London, das Libretto einer Freischütz-Fortsetzung zu verfassen, er habe ein Szenarium aufgesetzt und einige Szenen skizziert, aber die Planungen seien zum Stillstand gekommen; erwähnt Unstimmigkeiten bei der Herausgabe der Morgenzeitung und seine neusten literarischen Werke; beurteilt die Dresdner Einstudierung des Oberon negativ, besonders das im Libretto angelegte Primat der Dekoration; kurze Einschätzung von Deinhardsteins Hans Sachs; bedauert den ausbleibenden Erfolg der eigenen Bühnenwerke; kurze Neuigkeiten aus Dresden

Incipit

Ihr Brief, mein geliebter Freund, vom 16t dieses

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler; Eveline Bartlitz

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. V (Mappe IA), Abt. 3, Nr. 18b

    Quellenbeschreibung

    • 1 Dbl. + 1 Bl. (6 b. S.)
    • auf der ersten Briefseite unten von fremder Hand mit Bleistift: „an Hofrath Rochlitz intereßt – 20“; oben links von F. W. Jähns mit Bleistift: „Friedr. Kind an Rochlitz.“
    • partielle Unterstreichungen und Markierungen am Rand mit Bleistift von fremder Hand

Textkonstitution

  • „nichts“sic!
  • „stens“über der Zeile hinzugefügt
  • „Vaterlande“sic!
  • „oder Gegenstück“am Rand hinzugefügt
  • „wegen“über der Zeile hinzugefügt
  • „für“über der Zeile hinzugefügt
  • „in“über der Zeile hinzugefügt
  • „vierte“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • „… von Ihnen zu erwarten haben“1828 erschienen bei Carl Cnobloch in Leipzig Rochlitz’ zwei Sammelbände Für ruhige Stunden.
  • „… Fortsetzung: Für Freunde der Musik.“Von der Sammlung Für Freunde der Tonkunst (Bd. 1 1824, Bd. 2 1825) erschienen die Bände 3 und 4 erst 1830 bzw. 1832.
  • „… Es kam ein Msr. Holst“Laut Freischütz-Buch von 1843 (S. 137) handelte es sich um „M.[ister] v. Holst 14. Howland Street Fitz-roy Square London“, also wohl um Gustavus (Valentine Johann) von Holst (1799–1871). Der Deutschbalte aus Riga, dessen Familie kurz nach 1800 nach England übersiedelt war, lebte zu dieser Zeit als Harfenist, Musiklehrer und Komponist in London, später in Cheltenham.
  • „… — Verzeihung für den Schicksals-Klex!“Gemeint ist ein Tintenklecks an dieser Stelle des Briefes.
  • „… N. 3. Der Rector Magnificus“Nr. 1 und 3 erschienen in W. G. Becker’s Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, hg. von Kind, auf das Jahr 1829, Leipzig [1828].
  • „… gegeben wird, als in Leipzig“In Leipzig kam der Oberon seit der Premiere am 24. Dezember 1826 bis zum 6. Mai 1828 42mal zur Aufführung, die Neueinstudierung von 1831 (Premiere 26. März) kam bis Mitte 1832 nochmal auf elf weitere Vorstellungen. In Dresden gab es zwischen der Premiere am 24. Februar 1828 und Herbst 1832 47 Aufführungen; die Oper konnte sich demnach an beiden Orten sehr erfolgreich im Repertoire behaupten.
  • s. v.Abk. von „sub voce“.
  • „… als Deinhardstein daraus gemacht hat“Das Schauspiel hatte am 10. März 1828 seine Dresdner Premiere.
  • „… die Bühne bringen; kann er’s?“Schön Ella wurde in Berlin nicht einstudiert; Van Dyks Landleben hatte am 17. August 1830 Premiere, wurde aber nur dreimal gegeben.
  • „… nicht in Dresden aufgeführt werde“Nach der letzten Aufführung am 17. Oktober 1820 kam in Dresden erst am 16. Februar 1829 eine Neueinstudierung zustande.
  • „… Gesellschaft gestiftet und getauft Albina“Die Gesellschaft stand in der Tradition des Liederkreises und hatte einen ähnlichen Mitgliederstamm (u. a. Böttiger, Kind, Winkler, Kuhn, Nostitz, Quandt).
  • „… und Sach-Verständige prophezeien nämlich Zwillinge“Am 28. April 1828 wurde Prinz Albert geboren.
  • i eAbk. von „id est“.

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