Carl Maria von Weber an Friederike Koch in Berlin
Prag, Samstag, 16. September 1815

An

Mademoiselle

Friederike Koch.

zu

Berlin.

durch Einschluß

dem H: Schleßinger.

Meine liebe Freundin!

Ich ergreiffe schnell die Feder, um zu dem mancherley Unrecht, welches Sie auf mich legen, nicht noch ein gänzlich unverschuldetes kommen zu laßen. der junge Freytag dem alles in der Welt außer dem Schlafrok und Klavier ganz unbedeutend scheint, hat mir erst heute Ihren Brief übergeben den Mad: Kysting mitbrachte*, –– statt mir ihn nach München zu schikken. Er hat mich dadurch um ein paar Monate länger in dem Glauben bestärkt daß alles auf der Welt vergänglich ist, und in dieser bitteren Zeit, habe ich denn freylich gerne alles schwarz gesehen. –– ich habe Sie gekränkt? bey Gott, es gehört zu meiner Bestimmung immer von denen Menschen deren Achtung und Freundschaft mir am liebsten ist, mißverstanden zu werden. ich scherze wahrhaftig nie mit heiligen Errinnerungen, der Scherz liegt ohnedieß weit von meiner Stimmung entfernt, und mit inniger Liebe hänge ich einzig noch an dem was wahrhaft gut war, und als solches schied. Gäbe es dieser Errinnerungen nicht mehr, ich wäre noch unglüklicher als ich mich wirklich schon fühle.

ich habe mit schmerzlichen Gefühlen der Aufzählung glüklicher Tage in ihrem Briefe gefolgt. –– und nun dagegen diese Jahre. –– Wenn ich einst wieder Ihnen gegen über stehe und mündlich meine Schicksale, Erfahrungen und Stimmung Ihnen erzählen kann, dann werden Sie erst begreiffen, wie ich todt beynah für alles bin. noch ein schweres hartes Jahr liegt vor mir, in dem ich viel nachzuholen und vorzuarbeiten habe.      dazu gehört heiterer Sinn und Muth. wird der leztere allein Kraft und Macht genug hergeben den Flug des ersteren zu ersezzen?      beynah alle meine Freunde klagen über mich. ich begreiffe das. denn ich klage am meisten über mich selbst. ich kann aber nichts thun als mich dem Gang des Schiksals hingeben. Können meine Freunde nicht begreiffen daß man auch ohne in steter Berührung mit Ihnen zu sein doch stets der alte bleibt und mit eben der Liebe und Innigkeit an Ihnen hängt wie immer, so ist die Freundschaft nur ein Prätensionsvolles Spiel der Worte, und aus einem BriefWechsel werden Wechselbriefe, die man augenbliklich bey Execution honoriren muß.      Je voller, gedrängter das Gefühl ist, desto weniger ist man im Stande sich mitzutheilen, besonders dem langsamen Schnekkengange der Feder.      Denken Sie wie oft ich stumm auf Ihrem Sopha saß. – und wir sprachen doch miteinander.

Sie haben Recht. die guten lieben Jordans haben vollkommen Ursache mit mir zu zürnen, und ich will ich es auch nächstens gut zu machen suchen. Könnten aber alle diese guten Menschen den Wust von Arbeit | sehen in dem ich stekke. und außerdem bedenken daß so manches in der Welt Anspruch auf mich macht. daß je mehr ich in die Welt trete je mehr ich ihr Sklave werde.      und daß ich endlich wenn ich sie mit meinem Herzblut genährt und erquikt habe, ich allein dastehe und vergehen kann, vielleicht noch verkannt weil ich nicht allen und jedem ganz nach seinen Wünschen thun konnte, denn jeder sagt von sich, im Gefühl seiner Freundschaft für mich, ja er hat viel zu thun, aber mir könnte er doch wohl schreiben. es ist ja so bald geschehen. – doch genug, ich will mich wirklich beßern, nach dem Welt Ausdruk.  –

Sie wollen von meinem Thun und treiben wißen? Mein Gott davon ist nichts zu sagen. Sie werden vielleicht gehört haben daß ich die 3 UrlaubsMonate in München zugebracht habe. Meiner Gesundheit ist diese Reise sehr zuträglich gewesen und ich habe mich sehr erholt. Meine Concerte waren glänzend, und meine Arbeiten fangen an recht in die Maße des Publikums einzugreiffen und zu wirken. seit d: 7t huj: bin ich wieder zurük, und schon liegt wieder schwer die Luft und meine Umgebung auf mir. ich bin so ganz allein, habe niemand mit dem ich über die Kunst, geschweige denn über den Menschen sprechen könnte. ich arbeite sehr viel, und danke Gott innigst wenn nur dazu er mir die Lust erhält.      Was ich arbeite werden Sie auch wohl durch die Berliner Zeitung erfahren haben.      Zu meiner großen Freude und Trost für wenige Tage aber nur, habe ich jezt meinen Freund Gänsbacher hier, der freundlich mich erträgt, und mit mir trägt.      Meine liebe Koch Ihr Freund ist recht finster und ernst und geworden. –– –– ––

Der guten Türk bitte ich nebst Grüßen zu sagen daß ich ihr die verlangte Adreße schikken würde. da ich den sie begehrenden Brief auch erst heute erhielt*.

Gott erhalte Sie gesund und heiter. grüßen Sie alle Bekannten aufs herzlichste, und vergeßen Sie nicht Ihren Sie herzlich liebenden unveränderten Freund Weber.

Apparat

Zusammenfassung

bittet um Nachsicht wegen Vernachlässigung seiner Berliner Freunde; schreibt über seine anhaltend trübe Stimmung; berichtet kurz über den Münchener Aufenthalt; klagt über Einsamkeit in Prag.

Incipit

Ich ergreiffe schnell die Feder, um zu dem mancherley Unrecht

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Weberiana Cl. II A e, Nr. 11

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (3 b. S. einschl. Adr.)
  • Siegelspur
Weitere Textquellen
  • Virneisel (Koch), S. 76–78 (Nr. 10)

Textkonstitution

  • "ich": durchgestrichen.
  • "S": "s" überschrieben.
  • "und": durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "… übergeben den Mad: Kysting mitbrachte": TB 15. Sept.: Briefe durch Freytag erhalten von Friedel, Türke, und Koch
  • "… Brief auch erst heute erhielt": Im Tagebuch ist der Empfang des Briefes am 15. September eingetragen

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