Carl Maria von Weber an Johann Friedrich Rochlitz in Leipzig
Dresden, Samstag, 15. Februar 1817

S. Wohlgeboren

dem Herrn Hofrat

Friedr: Rochlitz

zu

Leipzig.

Zürnen Sie nicht, verehrter lieber Freund, daß ich Ihren lieben Brief vom 6. huj. erst jetzt beantworte. Es war mir früher unmöglich, und ich wollte auch gar zu gerne das Ende einer verdrießlichen Geschichte abwarten, die bedeutenden Einfluß auf meine Existenz haben mußte. Der Nachricht des Grafen Vitzthum zufolge, daß der König meine Anstellung beschlossen habe, reiste ich d: 12t Januar von Berlin ab, wurde hier sehr freundlich von allen Seiten empfangen u. glaubte alles in Ordnung, als ich durch einen Zufall erfuhr, ich sei nicht Kapellmeister, sondern bloß Musikdirektor der deutschen Oper. Da dies ganz dem Antrag, den man mir gemacht hatte, entgegen war und ich nicht unter H. Morlachi stehen zu können glaubte, so erklärte ich d: 16t, daß ich die Sache durch dieses freilich für mich sehr unangenehme Mißverständnis für aufgehoben ansehen müsse und den 19t wieder abreisen werde. Welche Bestürzung dieses hervorbrachte, können Sie [sich] denken. Diesen Entschluß modelte ich aber die Tage darauf, nachdem man mir vorstellte, daß dadurch die ganze deutsche Oper für den Augenblick zu grunde gehen müsse, dahin, solange /: 3–4 Monate/ als musikalischer Volontär zu dienen, bis S: Majestät das eine oder das andere zu beschließen für gut gefunden hätte, und endlich d: 10. huj: bestimmte dann S: Majestät per Resc: mich zu Ihrem Kapellmeister. Das Detail dieser in ihrer Art einzigen Sache behalte ich mir auf mündliche Erzählung vor. Sie sehen also, teuerster Freund, wie unruhig, stürmisch und trübe der Anfang war; jetzt klärt sich aber alles zum Freundlichsten, und es wird alles gut werden und gehen. Die Geschäftslast, da in gar keiner Hinsicht Material und Geschäftsordnung da ist, ist in diesem Augenblick noch wahrhaft erdrückend, aber ich hoffe bald alles im Gleise zu haben. Unter die Lichtblicke in dieser Zeit gehört d: 6t Febr:, wo ich Ihren lieben Brief und zugleich 5 von Prag erhielt, die mir die ungemein enthusiastische Aufnahme meiner Silvana d: 2t Febr: meldeten. Jedes Musikstück wurde 2–3 mal applaudiert, und einige Dacapo gerufen. Beim Ende jedes Aktes wollte der Jubel nicht aufhören, und am Schlusse rief man Vivat Weber. Ebenso bei der Wiederholung d: 7t. Ich kann wohl sagen, daß mir dies deshalb eine große Freude macht, weil ich darin einen schönen Lohn für das sehe, was ich während meiner Direktion in Prag für fremdes Verdienst zu wirken gesucht habe, und weil es so ganz ohne Einwirkung von meiner Seite, durch eigene Aufführung usw. geschehen ist.

Ihre liebenswürdige Tochter nebst ihrem braven lieben Gatten habe ich nicht so früh gesehen als ich es wünschte, weil ich ehrlich gesagt den Namen nicht mehr recht wußte und noch immer auf Briefe von Ihnen wartete, weil ich Sie in meinem letzten um die Adresse gebeten hatte. Aber seit 14 Tagen habe ich schon einige schöne Stunden mit ihnen verlebt und besonders d: 12t, wo ich bei ihnen Mittags den Geburtstag des lieben und innig verehrten Freundes feiern half, dessen Freundschaft mir so oft Trost, Stärkung und Erheiterung gewährte und so bedeutenden Einfluß auf mein ganzes Leben und Wirken hatte und immer haben wird. Aus vollem Herzen wurde Ihre Gesundheit getrunken, und Heil, Glück und froher Sinn dem Manne gewünscht, der uns allen so unendlich teuer ist. Es müssen Ihnen billigerweise die Ohren geklungen haben.

Nun zur Beantwortung Ihres Briefes, der mir die freudige Hoffnung bringt, Sie bald zu umarmen. Ich möchte gleich wieder zuerst mit Ihnen zanken, daß Sie sich Schwätzer nennen. Wenn aus solchem Sprechen nicht wahre Teilnahme und Liebe leuchtet und darum und der dringenden Wahrheit darin nicht mit dankbarem Erkennen aufgenommen wird, so wäre ich wohl nicht wert Ihr Freund zu heißen. Ich kenne nichts Ansprechenderes und Erfreulicheres als wenn das, was man selbst fühlt, auch vom Freund klar ausgesprochen wird und dadurch befestigt und bestätigt tiefer wurzelt.

Den Antrag nach Leipzig zu kommen nehme ich mit Freuden an, und es handelt sich nun hauptsächlich um die Zeit, da ich gleich nach Ostern sehr mit Gastrollieren beschäftigt sein werde. Vor der Hand ist so spät als möglich das scheinbar beste, und sind wir einmal ohngefähr über den Zeitpunkt einig, so findet sich wohl in der letzten Zeit auch die Bestimmung des Tages. Auch Polledro nimmt den Antrag mit Vergnügen an und wünscht bloß noch, da Quartiere während der Messe so schwer zu haben sind, daß die Herren uns vielleicht ein Stübchen geben könnten. Nun fragt es sich noch: sollen wir beide an einem Abend spielen? Soll ich etwas Größeres, vielleicht meinen Kampf und Sieg aufführen? Um Zeit zu sparen, da wir beide hier schwer zu entbehren sind, können wir keine Gelegenheit nach Leipzig benutzen, sondern müßten mit Extrapost reisen. Für die zarte Aufmerksamkeit, mir Gelegenheit zu geben, Polledro etwas Angenehmes sagen zu können, danke ich Ihnen herzlichst, in voller Erkenntnis des Wertes dergleichen Dinge. Ich erwarte nun Ihre oder H[errn] Limburgers weitere Bestimmung. Über Undine von Fouqué und Hoffmann habe ich eine ausführliche Rez: geschrieben, die ich aber leider heute nicht beilegen kann, da sie nicht abgeschrieben ist; aber in einigen Tagen erhalten Sie sie. Graf Brühl hat mich gebeten, Musik zu dem Yngurd von Müllner zu schreiben. Wenn ich nur die Zeit dazu finden kann. Ich muß mich jetzt noch in so manchen geselligen Strudel fortziehen lassen, des Bekanntwerdens usw. willen, was mich unangenehm zerstreut. Später werde ich mich schon zurückziehen und in meine Häuslichkeit flüchten wie immer. Wenn Sie die hiesige Abendzeitung lesen, finden Sie auch einen Aufsatz von mir darin, den ich zur Eröffnung der Oper schrieb. Auch mein KünstlerlebenT hat in Berlin manche Bereicherung erhalten, und Cotta aufs Neue den Verlag übernommen. Der Sommer, hoffe ich, soll Ruhe und Muße bringen. Geschieht gleich nicht so viel als ich wohl wünschte, so kann ich doch mit Beruhigung sagen, daß ich tätig bin und wirke, soviel in meinen Kräften steht.

Der Flötist Köller aus Stuttg: hat mir viele Empfehlungen an Sie aufgetragen. Er hat d: 3t huj. hier im Entreacte mit Beifall geblasen und nach ihm der Posaunist Belke ebenso.

Nun werde ich doch auch endlich dazu kommen, Ihre neuen Erzählungen zu lesen. An Freund Bötticher habe ich einen sehr tätigen, regsamen, für mich sich interessierenden Freund gefunden, dessen ausgebreitetes Wissen mir eine angenehme reiche Fundgrube ist.

Die Italiener, die anfangs mit gezücktem Dolch mir gegenüberstanden, werden nun nach und nach ruhiger, da sie sehen, daß ich ihnen nichts tue, ja im Gegenteil sie gerne besser erhalten wissen will und nur das Gedeihen der Kunst wünsche.

Der Himmel gebe, liebster Freund, daß Ihr nächster Brief mir auch über die Gesundheit Ihrer verehrten Hausfrau, die ich herzlich und achtungsvoll grüße, beruhigendere Nachrichten bringe. Hier ist alles sehr wohl und heiter. Gott schenke Ihnen dasselbe, das ist gewiß der innige Wunsch

Ihres
treuen
Weber

Apparat

Zusammenfassung

berichtet über die mißlichen Umstände seiner Anstellung in Dresden; berichtet über Erfolg der "Silvana" in Prag; betr. Konzert-Einladung nach Leipzig zusammen mit Polledro; erwähnt Undine-Rezension, die er demnächst schicken wolle sowie versch. andere literarische Arbeiten;

Incipit

Zürnen Sie nicht, verehrter lieber Freund

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Verbleib unbekannt

Überlieferung

Textzeuge

Georg Kinsky, Ungedruckte Briefe Carl Maria v. Webers, in: Zeitschrift für Musik, Bd. 93, Heft 7/8 (Juli/August 1926), S. 409–411

Themenkommentare

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "Resc:": Abk. von "Rescript"
    • recte "half": in der Vorlage "halft"
    • "Rez:": Abk. von "Rezension"

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