Carl Maria von Weber an Ignaz Franz Edler von Mosel in Wien
Dresden, Dienstag, 13. November 1821

S. Hochwohlgebohren

dem Herrn Ig: Edlen von Mosel

K: K: wirklichen Hofrath, und

ViceDirector der K: K: Hoftheater

zu

Wien

Frey.

Wohlgebohrner Herr Hofrath!
Hochverehrter theurer Freund!

Wie oft habe ich schon die Feder ergriffen; wie oft wieder weggelegt; – immer ist mir noch das Herz zu voll, und meine freudige Unruhe zu groß, um Ihnen, mein unendlich sorgsammer liebevoller, und unermüdlicher Freund meinen innigen heißesten so Dank so aussprechen zu können, daß Sie doch nur einen kleinen Abriß meiner Anerkennung deßen was Sie für mich gethan, erhalten könnten. Der todte Buchstabe kann das nun aber einmal nicht, und ich muß meine Ungeduld darüber zähmen, und Ihr Gefühl in Anspruch nehmen, daß zu ermeßen so fähig ist, wie ein redliches KünstlerGemüth, solch einsichtvoller, Lebenswarmer Vatersorge aus ganzer Seele danken muß, danken kann. Eine schwere Sorge hat sich mir in die schönste Freude gewandelt. Wie hoch dankenswerth ist nur Ihr treuer ausführlicher Bericht, mein geliebter Freund. Wer so im Geschäftsleben stekt wie ich, weis das erste recht zu schätzen; und diese mich so hoch ehrende Aufmerksamkeit und das Lob was Sie und der treffliche Graf meinem Streben schenken, ist eigentlich mein schönster Lohn, und ein frischer Sporn zu fernern Arbeiten. der Aufmunterung von Männern deren eigenen Meisterschaft und reinem Gefühl ich vertraue, bedarf ich wirklich sehr, denn gar zu gerne glaube ich den Erfolg meiner Oper Außendingen zuschreiben zu müßen, und bin erfinderisch in Zusamenstellungen von Umständen die den Beyfall* herbeigeführt haben können, ohne daß eben mein Verdienst um die Sache sehr dabei in Betracht käme. – Nun, dem Himmel und redlichen Freunden sei Dank gebracht; und wahrlich zunächst denen ausführenden Künstlern.       Ich ersuche Sie hochverehrter Herr Hofrath hiemit aufs ergebenste und dringendste, sämtlichem Sänger, Orchester und Chor Personale, H: von Stubenrauch pp  einen aufrichtigsten herzlichsten Dank für den Eifer auszusprechen, der bei meiner Oper bewiesen worden ist, und dem ich unbedingt größtentheils den Erfolg derselben zuschreiben muß. Ich werde es unter meine schönsten Freuden rechnen Ihnen sämtlich dieß Gefühl vielleicht bald einmal Persönlich wiederholen zu können; immer aber wird mir diese rege wirkungsvolle Theilnahme unvergeßlich sein.

Die Nothwendigen Abänderungen*, sind, wie ich es mit ruhigem Vertrauen überzeugt war, so zwekmäßig und sinnig als möglich. Was die Abkürzungen in musikalischer Hinsicht betrifft, kann meine Arbeit unter der Feile eines solchen KunstPhilosophen nur gewonnen haben. | Uebrigens theile ich Ihren Schmerz mit voller Seele. Ja es ist vielleicht Niemand im Stande ihn so ganz zu fühlen und zu verstehen wie ich. Habe ich nicht daßelbe erlebt? hieher gerufen eine neue Kunstanstalt zu gründen, fand ich der trefflichsten Mittel so viele. gründete einen Chor wie ihn Dresden nie gekannt, wekte die Kapelle aus ihrem Schlummer, führte mit einer meine Gesundheit zerstörenden Thätigkeit die besten Werke, und zwar auch in Menge vors Auge des Publikums. kämpfte, stritt, wurde angefeindet, verkannt, verläumdet, doch siegte die Beharrlichkeit, und meine Oper fing an sich bedeutend zu heben. da kömt ein neuer Direktor mit ihm neue Ansichten – – – u: s: w: jezt bin ich so weit gebracht, daß ich nichts mehr wünschen muß als die gänzliche Auflösung der deutschen Oper*. dazu kann man sich aber nicht entschließen, da sie das Haus stets füllt – sie soll also so ein Pflanzenleben führen, und der andern zur Folie dienen. – doch nichts mehr von diesem traurigen Punkte meines Lebens – – Geduld, ich habe das meinige gethan.

Wißen Sie mein theurer Freund, daß ich Hoffnung habe Sie künftigen Sommer zu umarmen*? Barbaja hat an mich geschrieben, daß ich diesen Winter noch oder künftigen Sommer eine Oper für Wien componiren möchte. Er stellt die Bedingungen mir anheim. ich werde ihn fragen, was er mir bieten zu können glaubt.       Rathen Sie mir, erfahrener Freund. Mit diesen Herren muß man sicher gehn. auch hat mir Freund Spohr* /: der auf einige Zeit hier wohnen wird :/ nicht sehr Erfreuliches von ihm erzählt. Wäre es nicht am besten die Sache durch einen Rechtsfreund der auch das Kunstwesen ein bischen versteht besorgen zu laßen? und könnten Sie mir nicht einen solchen vorschlagen? Sie sehen wie unbescheiden ich bin. schon wieder Bitten. aber auch nur mit 2 Zeilen darüber Auskunft*.

Die 100 #* habe mit Dank einkaßirt. der Wechsel war zwar nicht girirt, aber ich gelte für ein sicheres Haus | und somit machte man keine Umstände.

Ich bin begierig auf die folgenden Vorstellungen des Freyschützen, und hoffe und wünsche daß er recht oft hintereinander gegeben werde*.

Mit Ihrem Freudebringenden Briefe zugleich erhielt ich auch die 2 ersten Exemplare des KlavierAuszuges* meiner Oper. Sie gehen mit nächster Post an Sie ab*, und Sie dürfen mir schon die Bitte nicht abschlagen, ihn durch mich in Ihren Händen zu wißen, und hoffen zu dürfen daß Frau v: Mosel, meine Talentvolle Gönnerin, zuweilen am Pianof: drinnen blättern möge.

Das andere Exemplar bitte ich achtungsvollst S: Exzellenz dem Herrn Grafen Dietrichstein in meinem Namen zu übergeben.

Mit Freuden höre ich daß Gesundheit Ihrem Hause inwohnt. Gott erhalte Ihnen diese HimelsGabe, bei mir geht es […] noch immer sehr schwankend. besonders leidend aber ist meine arme Frau. Nun, Geduld. Gott schenkt mir so viel unverdiente Freuden, daß ich nicht murren darf wenn er ein Gegenwicht anhängt.

Nun mein theurer Freund und Beschützer drükke ich Sie in Gedanken noch einmal recht innig an mein dankbares Herz, und bitte nur den Himmel um die Freude Ihnen einmal vergelten zu können.
Mit wahrhafter Freundschaft und Liebe Ihr
dankbar ergebener
CMvWeber

Da komt noch Ihr lieber Brief vom 8t und der zweite Wechsel*. ich sende Ihnen lezteren zurük, und erkenne Ihre gütige Sorgfalt. Wie sehr ehren Sie mich dadurch, daß mein Freyschütz der Schlußstein* Ihrer gewiß von allen wahren Kunstfreunden schmerzlichst vermißten werdenden Verwaltung, sein soll.

Wer kann aber die Wendung der Dinge voraussehen, | und wer weiß also, ob ich nicht noch einst den Triumph erlebe, Sie wieder einführen zu helfen. Gott gebe es. –

Mich drängt die Post. also wie immer Ihr Weber

Apparat

Zusammenfassung

überschwenglicher Dank für Mosels Einsatz u. dessen ausführl. Bericht; bittet, dem gesamten Personal seinen Dank auszusprechen; über seine Schwierigkeiten in Dresden; hofft durch Barbajas Auftrag im Sommer nach Wien zu kommen; Spohr habe ihm von diesem nichts Gutes erhählt; hat die 2 ersten Ex. KlavA erhalten, die er mit nächster Post sende; NS nach Erhalt von Mosels Brief v. 8.Nov., das Ende von dessen Direktion betr.;

Incipit

Wie oft habe ich schon die Feder ergriffen

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Wien (A), Österreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung (A-Wn)
Signatur: Autogr. 7/124-14

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S.) u. Umschlag m. e. Adr.
  • Siegel auf der Verso-Seite; Vermerke Mosels auf dem Umschlag: No: 8. u.: beantwortet am 1. Dez: 1821.
  • PSt: DRESDEN | 16 NOV 21
Weitere Textquellen
  • Schmid, Anton: "Briefe von Carl Maria von Weber an... Franz Edlen von Mosel" in: Wiener Allgem. Musikzeitung 6 (1846), S. 489–490;

Textkonstitution

  • "so": durchgestrichen.
  • "so": Hinzufügung.
  • "D": "d" überschrieben.
  • "ß": "s" überschrieben.
  • "": Gelöschter Text nicht lesbar.
  • Unleserliche Stelle

Einzelstellenerläuterung

  • "Beyfall": Zur Aufnahme des Freischütz in Wien vgl. den Artikel aus der Theaterzeitung.
  • "Auflösung der deutschen Oper": vgl. Kom. im Brief an Heinrichshofen vom 15. Januar 1821.
  • "künftigen Sommer zu umarmen": Weber war vom 17. Februar bis 21. März 1822 in Wien, eine Begegnung mit Mosel ist am 23. Februar 1822 im Tagebuch vermerkt.
  • "Spohr": Louis Spohrs Erzählungen bezogen sich möglicherweise auf seine Begegnung mit Barbaia 1817 in Neapel, vgl. Spohr, Lebenserinnerungen, S. 17–18.
  • "2 Zeilen darüber Auskunft": Den Empfang des nicht erhaltenen Anwortbriefes von Mosel notiert Weber am 5. Dezember 1821 im Tagebuch.
  • "100 #": Honorar für den Freischütz aus Wien, vgl. Tagebuch 11. und 13. November 1821.
  • "folgenden Vorstellungen des … hintereinander gegeben werde": Der Freischütz wurde bis zu Webers Anreise in Wien (17. Februar 1822) wiederholt am 4., 6., 12., 18., 20., 24., 27. und 30. November, am 2., 6., 8., 10., 16., 18. und 30. Dezember 1821, am 5., 9. und 13. Januar sowie am 2., 4., und 9. Februar 1822; vgl. Michael Jahn, Die Wiener Hofoper von 1810 bis 1836. Das Kärnthnerthortheater als Hofoper, Wien 2007, S. 275.
  • "2 ersten Exemplare des KlavierAuszuges": Weber erhielt den bei Schlesinger erschienenen Klavierauszug des Freischütz am 5. November 1821, vgl. Tagebuch.
  • "mit nächster Post an Sie ab": vgl. Tagebuch, 20. November 1821
  • "der zweite Wechsel": Honorar für den Freischütz aus Wien
  • "Schlußstein": Die letzte Aufführung im Kärtnertortheater unter der Direktion von Mosel und Dietrichstein war Webers Freischütz am 30. November 1821, vgl. Dok. und Josef Schreyvogel, Tagebücher 1810–1823, hg. von Karl Glossy, Bd. 2, Berlin 1903 (= Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte 3), S. 373

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