Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
Paris, Samstag, 25. Februar und Sonntag, 26. Februar 1826 (Nr. 5)

A Madame

Madame la Baronne de Weber

a

Dresde

Royaume de Saxe.

Waltersche Buchhandlung

No: 5.
Tausendmal gegrüßt mein innig geliebtes Leben aus der 2t großen HauptStation

Gott sey ewig geprießen und bedankt, daß wir glüklich, gesund, und ohne den mindesten Unfall hier angekommen sind. Es springt mir das Herz im Leibe vor Freude, einen Brief von dir zu sehen. Fürstenau ist gleich zu Schleßinger gerannt, der ist aber leider nicht zu Hause, es ist aber ein Brief für mich da, und er bringt ihn sicher heute noch. da habe ich denn derweile die Mukkin begrüßen müssen, denn wenn ich gleich schreibe, so meyne ich immer du bekämst es auch um desto früher, und es ist ein so lieber Aberglaube, daß man die Vernunft gar nicht dabei mitreden läßt, sondern schweigen heißt.      5 volle Tage haben wir von Frankfurt hieher gebraucht. und in welchem abscheulichen Wetter, immerwährend Regen, Schnee, und Sturm. 1000 mal habe ich den Herren Präzeptor gesegnet daß er mich zu einem geschloßenen Wagen gezwungen hatT. wir haben gar nichts von dem Wetter gelitten, außer dem unangenehmen was solcher Uebel der alles bedekt immer mit sich bringt. Wie wir von Frankfurt abfuhren d: 21t war es gar arg mit Schnee und Sturm. aber siehe da gegen 10 Uhr wie wir nach Mainz kommen, wo die Schiffbrükke noch [n]icht stand, und wir im Schiff übersezzen mußten, legten sich Sturm und Wetter, die Sonne schien herrlich, ein Regenbogen zierte den Himmel und Arion Mosje, schwamm heiter über den Rhein*. Nun für heute ade. bin recht müde, und habe das Fahren und Reisen über alle maßen satt. nur so viel noch daß ich schon 3 Tage fast gar nicht, und gänzlich ohne Krampf gehustet habe. auch übrigens recht wohl bin, und mit innigster unglaublicher Sehnsucht an meine Lieben zu Hause denke. Nun, jeder Schritt weiter, bringt mich Euch ja wieder näher. gute, gute Nacht. + + + Schlafe recht gesund.

Guten guten Morgen. habe recht gut und sanft geschlafen. bin freylich aus Gewohnheit um 4, 5, 6 aufgewacht, legte mich aber aufs andre Ohr und schlief wieder ein. Auch die Sonne scheint heute, und nun heißts es sich rüren. aber denke noch habe ich deinen Brief nicht. Schleßinger kam Gestern Abend nicht mehr, obwohl wir bis 10 Uhr lauerten. Nun seyd ihr auch schon auf und denkt gewiß an die Männe. Aber gewiß nicht mehr als Er an Euch. ich bin wirklich schon gänzlich zum Reisen verdorben, und habe die sächs: PhilisterNatur großentheils eingesogen. Doch jezt muß ich meine Sachen ordnen und sehen was in Paris in 3 Tagen zu thun ist. Ich umarme dich innigst in Gedanken, mein theures geliebtes Leben, laß dir deinen Cacao gut schmekken, eben komt auch mein Waizen. –

= 10 Uhr. Kein Brief von dir. Vielleicht erst Morgen. du lieber Gott, das dauert lange. Fürstenau will erst einen von seiner Frau abwarten, ich schikke aber meinen heute fort, damit du gleich weißt daß wir glüklich angekommen sind. laße es auch der Fürstenauen sagen. Schleßinger wird gleich wieder kommen und die Visiten mit mir beginnen. ich schreibe also noch so viel ich kann. In Frankfurt hatte ich kaum meinen Brief abgeschikt als Gottfried Weber und Hoffmann ankamen. da wurde geplaudert, so, daß ich vor Tische gar nicht aus kam. Nachtische kam Forti. freute sich kindisch, und grüßt 1000 mal. so kamen denn immer mehr, ich besuchte Guhr und Leers. sah ein Stük Tancred, Mlle. Schlösser, scheußlich. dann hörte ich in dem Cäcilien Verein von Schelble Judas Maccabäus von Händel, trefflich aufführen. dann soupirten wir noch alle zusammen, wo dir gewiß die Ohren geklungen haben. und d: 21t früh 6 Uhr gings fort in Gottes Namen. in Kaiserslautern übernachtet, d: 22t zu St. Avold. d: 23t zu Verdun in den 3 Mohren. d: 24t in Epernay, wo wir in einem Glas Champagner Eure Gesundheit tranken, und nun Gestern bis hieher. Alles im besten Stande, bis auf einen Hosenknopf und 2 Wagen Fenster. die Leztern sind sogleich hergestellt, der erstere erwartet meine eigene Kunstfertigkeit, wozu aber vor der Hand keine Zeit ist. Ein Brief von Smart den ich hier fand, sagt*, daß er mich den 4t März in London schon erwartet.

auf jeden Fall schreibe ich dir noch einmal von hier aus. sey nicht böse gute Mukkin über meine kurzen abgerißenen Briefe, aber es geht wirklich nicht anderst. Gott segne Euch + + +. Ewig Euer Euch über alles in der Welt liebender treuer Vater Carl.      1000 Grüße meinem guten Roth.

Apparat

Zusammenfassung

ist froh, ohne Unfall Paris erreicht zu haben; hofft auf Brief; fühlt sich müde, aber gesund (trotz Husten); 26.2.: wartet auf Schlesinger zum Visiten schneiden; erzählt vom geselligen Aufenthalt in Ffm u. Reise nach Paris; hat Brief v. Smart erhalten, der ihn am 4.3. erwartet;

Incipit

Tausendmal gegrüßt mein innig geliebtes Leben

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN - Mus.ep. C.M.v.Weber 212

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b.S. einschl. Adr.)
  • Siegel und -loch
Weitere Textquellen
  • Reisebriefe, S. 84–86;
  • Worbs 1982, S. 125–127;

Themenkommentare

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… schwamm heiter über den Rhein": Weber nimmt hier Bezug auf die Sage vom griechischen Sänger Arion, der sich ins Meer stürzte und von einem Delphin sicher an Land gebracht worden ist. Diese Szene wählte der Künstler Carl Reinhard Krüger 1825 für die Rückseite der Porträt-Medaille, von der Weber als Geschenke etliche nach London mitnahm
    • "… den ich hier fand, sagt": ab sagt quer am linken Briefrand geschrieben

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