Städtecharakteristik: Mannheim

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Die Aeusserungen und Bekenntnisse der grössten Künstler und meine eigenen Erfahrungen bestimmen mich, öffentlich den Wunsch zu äussern, dass es getreue, bescheidene Notizen von den bedeutendern Städten Deutschlands gäbe, die besonders dem dort erscheinenden Künstler einen richtigen Gesichtspunct des dasigen Kunst-Zustandes aufstellten, und dadurch ihm zugleich den Weg bezeichneten, den er einzuschlagen hätte. Vorzugsweise wären solche Notizen von Künstlern selbst entworfen zu wünschen. Durch den vielen Umgang mit dem Publicum erwerben diese sich einen gewissen Takt, selbst bey kürzerer Bekanntschaft die rechte Saite zu berühren, und den Kunstsinn des Publicums zu erspähen. Es wird immer nur über den Künstler geschrieben, warum soll nicht auch Er schreiben? immer nur, wie das Publicum ihn – warum nicht auch, wie er das Publicum fand? unstreitig würde dann manche, auch dem Nichtkünstler interessante Ansicht entspringen. Um seinem Urtheil Glaubwürdigkeit zu verschaffen, muss freylich der Künstler unter seinem Namen schreiben, und dadurch würde gewiss auch jedes vor¦laute oder parteyische Urtheil unterdrückt. (?) Zudem giebt es im Laufe des Menschenlebens so tausenderley Unannehmlichkeiten, die durch kleinliche Rücksichten erzeugt werden, die oft den bedeutendsten Einfluss auf die ganze Bildungszeit haben und manches schöne Talent im Aufkeimen ersticken, und für die es kein Tribunal giebt, wo man den Thäter zur Rechenschaft ziehen könnte; so dass es sogar zur Nothwendigkeit gediehen scheint, alle diese Erbärmlichkeiten – denen vorzugsweise keine Lebensbahn mehr ausgesetzt ist, als die, des Künstlers – vor den Richterstuhl der Publicität zu bringen. Indem ich es wage, mit meinem schwachen Beyspiel voranzugehen, hoffe ich, dass Andere, Würdigere, diesem folgen und es dadurch dem Publicum interessanter machen werden.

Ich fange mit Mannheim an, als dem Orte, der, so berühmt durch seinen frühern Kunstglanz, noch auf seinen alten Lorbern ruht, und im Allgemeinen noch den herrlichen, wahren Sinn für die Kunst in sich trägt, der so freundlich, ja wirklich herzlich, jeden Fremden anspricht. Das Orchester zählt sehr brave Künstler, z. B. Hrn. Frey als Violinisten, die Hrn. Dikhut und Ahl als Hornisten, Hrn. Apold als Flötist, Hrn. Ahl j. als Klarinettist. etc. Der Director, Hr. Kapellm. Ritter, bekannt als Componist der Opern Salomon, Zitterschläger etc., hat allgemein anerkanntes Talent, und es ist nur zu bedauern, dass er sich der Direction nicht mit mehr Wärme annimmt, so wie leider überhaupt eine gewisse musikalische Anarchie in Mannheim überhand nimmt, welcher durch keine kräftige Hand Einhalt gethan wird. Das Orchester leistet, was man nur von einem braven Ensemble verlangen kann, und mit Freude ergreife ich die Gelegenheit, meinen Dank für die Präcision, mit der es mehrere meiner Compositionen ausführte, öffentlich darzubringen. Doppelt gross war aber auch meine Verwunderung, als ich von vielen Musik-Freunden aufgefordert wurde, noch ein Conzert zu veranstalten, und von sämmtlichen Herren erst eine wirkliche Zusage, später aber eine schriftliche Erklärung erhielt, in welcher gesagt wurde, dass sie, vermöge eines bey ihnen bestehenden Gesetzes, keinem Fremden während der Dauer ihrer Winter-Conzerte accompagniren | könnten. Dieser, obwol etwas sonderbare Grund, befriedigte mich dennoch, und nachdem ich das Publicum davon benachrichtigt hatte, war die Sache für mich vergessen. Als aber wenige Tage darauf die Herren Kreutzer und Leppich ankamen und das Orchester ihnen sämmtlich, trotz der mir gegebenen schriftlichen Erklärung, mitspielte, ja diess bey noch mehrern folgenden that: so konnte ich meine gerechte Verwunderung nicht bergen. Ich enthalte mich aller Bemerkungen, wie und warum dies geschehen sey, besonders da ich nie mit einem Orchester-Mitgliede Misshelligkeiten gehabt habe: aber ich halte es für eine Pflicht, diese Eigenmächtigkeit, die mit schriftlichen Erklärungen und Männern spielt, dem grössern Publicum zur Beurtheilung und andern Künstlern zur Warnung bekannt zu machen.

Carl Marie von Weber.

Apparat

Zusammenfassung

über die Schwierigkeiten aufgrund von Kabalen des dortigen Orchesters ein Konzert in Mannheim auszurichten

Generalvermerk

bei Kaiser als "Beitrag zur musikalischen Topographie" überschrieben; laut ED aber nicht unmittelbar mit dieser in Verbindung zu bringen; vgl. Briefe von Weber vom 8. Januar 1811 an G. Weber und vom 13. Januar 1811 an Gänsbacher

Entstehung

laut TB 26. Januar 1811 (erster Entwurf); 30. Januar 1811 (Sendung an Gottfried Weber); 3. Februar 1811 (Rücksendung) bzw. 20. März 1811 (an AmZ)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

  • Textzeuge: Allgemeine Musikalische Zeitung, Jg. 13, Nr. 15 (10. April 1811), Sp. 261–263

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Kaiser (Schriften), S. 21–23 (Nr. 20)

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