Chronik der Königl. Schaubühne zu Dresden vom 20. Januar 1817

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Am 20. Januar. Die Schachmaschine. Lustspiel in 4 Aufzügen nach dem englischen frei bearbeitet von Beck.

Gewöhnlich wird dieses Lustspiel, dessen Sujet und Sprache freilich ein wenig veraltet sind, nur hervorgesucht, um debütirenden oder Gastrollenspielenden jungen Künstlern Gelegenheit zu geben, als Karl von Ruf, ihre Gewandheit und Bekanntschaft mit der Bühne zu entwickeln. Dies war auch heute der Fall. Herr Wilhelmi, vom Churfürstl. Hoftheater zu Cassel trat darin in der obgedachten Rolle als Gast auf, und das Publikum hatte alle Ursache ihn willkommen zu heißen, welches denn auch recht herzlich geschah. Ob wir nun gleich kein eigentliches Kunsturtheil über Herrn Wilhelmi auf die Darstellung dieser Rolle bauen können, da der Dichter sie so aus der Wirklichkeit hinausgerückt und oberflächlich skizzirt hat, daß jeder Künstler der sie nur mit Laune und Leben giebt, möge er sonst eine Ansicht von derselben haben welche er wolle, Recht behalten muß, so können wir doch mit Vergnügen bemerken, daß Herr Wilhelmi beides in hohem Grade besaß, und dadurch eine recht ergötzliche Erscheinung ward. Schon beim ersten Auftreten empfiehlt er sich durch Jugend, schöne Gestalt, anmuthige Züge und Grazie der Bewegungen, sein Ton ist wohlklingend, seine Aussprache, so viel wir wenigstens bis jetzt bemerken konnten, keinen Fehlern des Dialekts unterworfen, verständlich und gemessen, und das Freie seines Spiels beurkundete sich in mehrern Stellen um so mehr, je leichter es möglich war, daß ihn sein erstes Auftreten auf einer fremden Bühne befangen machen konnte. Vielleicht dürfte ihm zu rathen seyn, etwas weniger schnell zu sprechen, doch that er dies wohl nur in dieser Rolle, und nicht ohne Grund, und sein nächstes Auftreten wird schon die Widerlegung selbst ¦ bringen. Wir bemerken auch bei einzelnen Stellen, wo es die Rolle verstattete, eine gewisse Herzlichkeit des Tons, die uns recht wohl that.

Der fremde Künstler ward von unserm einheimischen Künstlervereine sehr brav unterstützt. Vor allen zeichnen wir Mad. Hartwig als Sophie von Hastfeld aus, welche höchst liebenswürdig war, und mit unnachahmlicher Naivetät, besonders in der Scene wo Ruf ihr das Schnupftuch zuwirft, spielte. Bewundernswürdig lebendig gab der Veteran Herr Bösenberg den alten Baron von Ruf. Auch Herrn Burmeisters müssen wir dankbar erwähnen. Es wollten zwar einige im Publiko seine Darstellung des Grafen von Balken mit der welche sonst Thering gab, vergleichen, und jenen weniger belustigend finden. Aber wenn dies auch wahr ist, so liegt doch darinn kein Tadel für Herrn Burmeister. Thering gab den Balken als Karikatur, im barocksten Hofanzuge, mit dem näselnden Tone der schon beim ersten Worte Lachen erwecken mußte, mit einer komischen Geckenhaftigkeit, die aber, wenigstens jetzt, von der Wahrheit einer Karakterdarstellung himmelweit verschieden war. Diese Wahrheit beabsichtigte dagegen Herr Burmeister selbst auf Kosten des Gefallens, mit Recht, und man konnte sich wohl vorstellen, dass ein solcher Balken in größern Gesellschaften auftreten und gelitten werden konnte, dagegen eine Gestalt wie sie Thering gab, sich nicht, ohne von den Kindern verfolgt zu werden, hätte können auf der Straße blicken lassen. Das Komische liegt überhaupt jetzt, wo die äußern Formen der Menschen sich mehr assimilirt haben, wenn es zugleich wahr seyn soll, meistentheils mehr im Innern der Charakterzeichnung als im Aeußern der Persönlichkeit, und es ist nothwendig, auf diese Ansicht aufmerksam zu machen, um nicht zuweilen gegen etwas ungerecht zu seyn, was vielleicht eben Lob verdient.

Th. Hell.

Apparat

Zusammenfassung

Aufführungsbericht Dresden: „Die Schachmaschine“ von L. Beck am 20. Januar 1817 / Friedrich Wilhelm Wilhelmi als Gast

Entstehung

vor 30. Januar 1817

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Hafenstein, Deborah

Überlieferung

  • Textzeuge: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 26 (30. Januar 1817), Bl. 2v

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