Chronik Dresden, Hoftheater vom 24. bis 28. November 1819

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Chronik der Königl. Schaubühne zu Dresden.

Am 24. Nov. Der Herr Kapellmeister Spohr erfreute das Publikum heut im Theater durch ein von ihm und seiner Frau gegebenes Conzert. Er spielte, nachdem eine von ihm componirte sehr brave Ouverture vorausgegangen war, zuerst ein Violinconzert in Form einer Gesang-Scene, dann ein Adagio und Rondo, mit seiner Frau, welche die Harfe spielte, und zuletzt ein Potpouri. Sämmtliche Stücke waren von seiner Composition. Bei der allgemein anerkannten Meisterschaft dieses Künstlers wäre es überflüssig, über die Trefflichkeit seiner Leistungen noch etwas weiteres zu sagen. Er ist, wo er die bezaubernden Töne seines Saitenspiels in ihrem Schmelz wie in ihrer Kraft hören läßt, seines Triumphes überall gewiß. Diesen errang er sich auch hier unter den Aeußerungen des lautesten Beifalls. Das zarte Harfenspiel seiner Frau sprach wohlgefällig an. Auf das conzert folgte: Le donne cambiate.

Am 25. Nov. Zum Erstenmale: Das unterbrochne Opferfest. Heroische Oper in zwei Akten, Musik von Winter. Ueber die Oper selbst bei der zweiten Aufführung. Hier nur, daß der Masseru die letzte Gastrolle des Herrn Häser war. Mit Bedauern sah ihn das Publikum scheiden, welches sich an den fünf Darstellungen, die er uns gab, sehr erfreut hatte. Wir haben ihn als Sänger sehr angenehm und mit einer Musikkenntniß begabt gefunden, die seinem Gesange eine Unbefangenheit, Festigkeit und einen Geschmack giebt, der bei seiner wohltönenden Stimme und der Gleichheit seiner Töne, besonders aber dem guten Uebergange zur Kopfstimme, sehr erfreuliche Wirkungen hervorbringen müssen. Als Schauspieler zeichnete er sich vor sehr vielen aus. In den mannigfachen Characteren, welche er hier darstellte, strebte er nach Wahrheit und Individualisirung, und sein Streben war fast immer ein belohnendes. Ausgezeichnet brav war als Seneschall sein feines, gemessenes, anständiges und doch eben durch das Absichtlose wieder sehr komisch wirkende Spiel. Sein Johann in den Schwestern von Prag glänzte durch den Vortrag der in der Fistel gesungenen Arie, die alle Verzierungen neuerdings gefeierter Sängerinnen sehr glücklich und ergötzend nachahmte. Männlich schöne Gestalt kam ihm im Masseru zu statten, ob wir schon noch etwas mehr Wildheit in den Bewegungen gewünscht hätten. In der italienischen Oper war vor allen seine treffliche Aussprache zu loben; man glaubte einen in Toscana gebornen Italiener zu hören, und volle Kenntniß dieser Sprache bewährte sich besonders in dem so gelungenen Vortrag der Rezitative. Auch erkannte das Publikum in jeder einzelnen Vorstellung diese Vorzüge an, und zollte ihm wiederholten Beifall.

Am 27. Nov. La gazza ladra.

Th. Hell.

Am 28. Nov. Das Haus Anglade. Schauspiel in 3 Akten, nach dem Französischen bearbeitet von Th. Hell.

Wir wiederholen nicht, was zum Lobe dieses stets gern gesehenen und mit großer Liebe von unserm Schauspielerverein aufgeführten Stücks auch in diesen Blättern früher gesagt wurde. Auch die diesmalige Wiederholung bei einem vollem Hause und sehr angeregtem Publikum bewieß, daß die hier ¦ nicht unverständig dramatisirte cause celébre die Aufmerksamkeit bis zum Schluß reize. Dieser schluß selbst aber hatte durch Th. Hell diesmal eine in jeder Rücksicht wohlthätige und durch den Eindruck, den er auf’s Publikum machte, gerechtfertigte Aenderung erhalten. Der verbrecherische Oldsan bringt sich nun nicht selbst, wo nicht vor den Augen, doch vor dem Gehör des Publikums durch einen Pistolen-Schuß um’s Leben. Die auch gegen den Gefallenen noch nicht alles Mitleid ablegende Tante, Frau v. Servan, nöthigt ihn, seine schande und seine Gewissensbisse in einem fremden Welttheile zu tragen. Die Abschiedsscene ist wahrhaft pathetisch und wurde von Mad. Hartwig, die auch schon früher durch ihr gefühltes Spiel lauten Beifall geerndtet hatte, mit ergreifender Wahrheit und tiefem Gefühl vorgetragen. Statt des widrigen Pistolenschusses vernimmt man nun aus der Ferne des Hofens (die Scene ist in Marseille) die Kanonenschüsse der absegelnden Fregatte. So entgeht zwar der Verbrecher der vollstreckenden Gerechtigkeit, aber nicht der in seiner Brust wachenden Straf- und Rachegöttin. Frau von Servan fällt Gott um Bekehrung des Verführten anflehend auf die Kniee. Alle übrigen sprechen ein Wort himmlischer Verzeihung. Die Gruppe einigt sich in malerischer Verschmelzung. So sinkt der Vorhang. Da das Stück auf den meisten deutschen Bühnen mit gleichem Erfolg gegeben wird und sich auf den Repertorien erhält; so wird diese zweckmäßige Aenderung vielen willkommen und durch eine Rückfrage an den Herausgeber dieser Blätter leicht erreichbar seyn. – Alle bei dieser Aufführung betheilten Schauspieler bewährten durch ihr Spiel den unbestrittenen Ruhm unsers Theaters in Conversationsstücken und Lustspielen. Mad. Schirmer trug die Rolle der innig liebenden, geängsteten Lina mit ergreifender Zartheit und Wahrheit vor. Aber auch Herr Julius motivirte sein Spiel diesmal ganz besonders für den neuen Schluß des Stücks mit richtiger Berechnung. Er mußte uns nun als ein durch Leidenschaft fortgerissener, durch die Teufelskünste des abgehärteten René, den Herr Geyer ganz in diesem Character durchführte, umstrickter Genußmensch ohne Grundsätze, aber nicht von Grund aus bäse und verdorben erscheinen. Die Scene im zweiten Akt, wo er sich nur nach dem lebendigsten Seelenkampf dem Satan zu seiner Seite hingiebt, wurde dießmal mit einer Wahrheit gegeben, welche die lauteste Anerkennung verdient hätte. Mit Würde und Fassung und mit dem Ausdruck von Gattenzärtlichkeit spielte Hr. Hellwig den Anglade, und mit recht wohlthuender Biederkeit und Kraft Hr. Burmeister den Leon. Selbst die Bedientenrollen wurden von Hrn. Schirmer, der den treuherzigen, alten Leonard sehr brav gab, und Hrn. Metzner sehr gut durchgeführt und so mag man die Vorstellung überall eine gelungene und wohl zugerundete nennen. Bei der Cargmagnole oder dem Tanz der Provencalen in der Festscene verlangen wir kein Ballet zu sehn, weil dieß den Umständen nach eine unverständige Foderung wäre. Allein auch der einfache Tanz hat seine Ansprüche auf Präcision und Nettigkeit. Frischheit der bunten, südlichen Kleidung würde dem Auge sehr wohl gethan haben.

Böttiger.

Apparat

Zusammenfassung

Chronik Dresden, Hoftheater vom 24. bis 28. November 1819; dabei besonders über „Das unterbrochene Opferfest“ von Pester von Winter und „Das Haus Anglade“ von Winkler

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Fukerider, Andreas

Überlieferung

  • Textzeuge: Abend-Zeitung, Jg. 3, Nr. 293 (8. Dezember 1819), Bl. 2v

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