Richard Pohl an Max Maria von Weber in Dresden
Weimar, Freitag, 10. Juli 1857

Absolute Chronologie

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Folgend

Sehr geehrter Herr!

Eben im Begriff, zum Besuche von R. Wagner nach Zürich zu reisen, trifft mich Ihr Schreiben vom 7. July heute glücklicherweise noch hier, sodaß ich, soweit es in meinen Kräften steht, Ihre Fragen betreffend den Nachlaß Ihres Herrn Vaters, noch schnell beantworten kann.

Ich war seiner Zeit mit dem fraglichen Nachlaß zwar ziemlich vertraut und bin auch noch im Besitz eines Verzeichnisses desselben, soweit er mir damals zur Durchsicht anvertraut wurde.

Allein jenes Liederheft mit der completten Sammlung der Lieder Ihres Herrn Vaters ist mir nie zur Gesicht gekommen. Es fehlte bereits, als ich (Januar 1852) nach Dresden kam; es war viel Nachfrage darnach, da es Frl. Büry sehen wollte, die es aber, meines Wissens, nie erhalten hat. Ich war so vollkommen in Unkenntniß über den Inhalt dieses Bandes, daß ich bis jetzt geglaubt habe, er enthalte die Sammlung aller gedruckten Lieder, und jetzt erst erfahre, daß diese Sammlung geschrieben war. Wenn ich nicht irre, sprachen Sie damals die Vermuthung aus, Frl. Jacobi könne das Liederheft haben, was auch nicht unwahrscheinlich wäre.(*) Da aber diese Vorgänge vor meiner Zeit lagen, kannn ich Ihnen leider darüber weiter keine Auskunft geben, nur soviel, daß sie in meinen Gesichtskreis nie gekommen sind.

Ein Verzeichniß der, an Peters 1853 verkauften Musikalien folgt in Abschrift bei. Ich habe alle Notizen beigefügt, die mir selbst darüber bekannt geworden sind. Ihnen hierin so gut als möglich zu dienen ist meine Pflicht – als Folge Ihres periodischen Zutrauens, das ich einmal zu genießen die Ehre hatte.

Sollten Sie in diesen Nachlaß-Angelegenheiten noch fernere Anfragen, etc an mich zu stellen haben, so stehe jederzeit zu Diensten, indem ich unterzeichne Ew. Hochwohlgeboren
Hochachtungsvoll ergebenster
Richard Pohl.

(*) Dürfte nicht vielleicht auch Metz das Heft geliehen haben?

An
C. F. Peters
(Bureau de Musique)

in Leipzig wurden verkauft
(im Januar 1853) folgende
Manuscripte C. M. v. Webers
aus dessen Nachlaß:
  1. Concert Stück für Pianoforte mit Orchester in F-moll. op. 79. Partitur. (Vollendet: Berlin, 18. Juny 1821.) Schön geschriebenes Autograph in klein Quer-Format. (Das Verlagsrecht war längst in Peters Besitz, doch hat er im vorigen Jahre, gestützt auf jenen neuen, zum ersten Mal eine Partitur-Ausgabe des Concert-Stückes veranstaltet.)
  2. Partitur der Ouvertüre zu „Rübezahl“ (Beherrscher der Geister) in F-dur (Als Autograph erworben, da das Verlagsrecht längst schon von Peters besessen wurde.)
    Nächst diesen 2, nur als Handschriften werthvollen Werken, kaufte Peters noch 8 ungedruckte (angeblich) wovon sich jedoch später herausstellte, daß 3 bereits gedruckt waren, obgleich sie jetzt als Nachlaß trotzdem noch einmal erschienen sind. Diese letztern 3 sind:
  3. A march, composed for the Royal Society of Musicians of Great Britain by C. M. v. Weber, and performed at the Anniversary Dinner in Saturday May13. 1826. (C-Dur) – Dieser Marsch steht schon in den 6 pièces faciles à 4 mains, und wurde von Weber für London nur instrumentirt. Sowohl in dieser Instrumentation (für 1 Flöte, 2 Oboen, 2 Clarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, 1 Baßposaune) als auch im nachmaligen 4händigen Klavier Auszug erschien dieser „Marche“ beiPeters als Oeuv. posth. No. 8.
  4. Romanze für eine Singstimme mit Pianoforte. Die (B-moll). Die Dichtung, zu einem Roman, vom verstorbenen Herzog August von Gotha, wurde auf dessen Veranlassung in Musik gesetzt. – (Dieses Lied erschien zuerst als Beitrag zur „Polyhymnia“ auf das Jahr 1826, herausgegeben von Fr. Kind u. H. Marschner. Neue Ausgabe bei Peters, als No. 10 derNachgelassenen Werke.) – Die übrigen, unzweifelhaft noch unedirten Originalwerke waren
  5. Variationen für das Violoncell, mit kl. Orchester, für seinen Freund Alexander von Dusch. (In 8 Stunden vollendet. Mannheim, 28. May 1810.) – D-moll und F-dur . – (Hiervon findet sich Thema u. 3 Variationen im "Grand Pot-Pourri pour le Violoncelle, dedié à son ami Graff. Bonn, Simrock – und vier Variationen in den „6 Pièces faciles pour Piano à 4. mains“ – Einleitung und 2 Variationen sind aber Original. Bei Peters erschienen diese Variationen alsOeuv. posth. No. 9 .
  6. Canzonette für Bass mit Pianof. F-dur. mit italienischem Text. (Componirt am 25. Februar 1810. Letzer Tag in Stuttgart).– Erschien als Italienisches Ständchen, mit deutschem Text von mir, als No. 11 der nachgelassenen Werke.
  7. Italienische Cantate zur Vermählungs-Feier der Prinzessin Marianne . (Vollendet, Dresden 8. October 1817.– Soli Deo gloria.) Partitur. 7 Nummern. C-dur (No. 6. wurde später zum Oberon benutzt.) – Hierzu habe ich einen neuen Text untergelegt, und das Werk wird alszweite Ernte-Cantate (die erste bei Schlesinger) erscheinen. Die Ouvertüre dazu ist bereits erschienen als No. 12. des Nachlasses .
  8. Concert Arie der „Palmide“ mit Chor, D-dur. („D’una madre disperata“.) – (Aus „Aladin“?) Partitur. Mit neuem deutschen Text von mir. Erscheint demnächst, als No. 13. des Nachlasses.*
  9. Musik zum Schauspiel „Liebe um Liebe“ von Dr. Rublak zur Feier des Jubelfestes vom 21. Sept. 1818. (Componirt am 11. u. 12. Sept.1818) 2. Chöre, ländlicher Marsch, Melodram, Recitativ u. Schlußchor. Partitur. Unedirt. (Der Anfang fehlt.)
  10. Cantate zur Feier des Geburtstages der Herzogin Amalie von Zweibrücken, am 3. August 1818* Gedicht von Fr. Kind. Für 6 Stimmen und Pianoforte. 9 Stück. D-Dur. (Componirt im July 1818. Das Finale fehlt, da es zur „Euryanthe“ benutzt wurde.) Unedirt.

Für die Richtigkeit obiger Angaben bürgt, als beauftragter Bevollmächtigter des, im Januar 1853 abgeschlossenen Geschäftes, Richard Pohl Weimar, 10. Juli 1857.

Apparat

Zusammenfassung

teilt ihm mit, daß er über das vermisste (grüne) Liederheft nichts aussagen kann, es fehlte schon als er im Januar 1852 nach Dresden kam, er fügt dem Brief eine Abschrift der Liste derjenigen Handschriften Webers bei, die 1853 von Peters angekauft worden sind. Die Arie der Palmide aus Aladin ist eine Fehlzuschreibung, sie ist von Meyerbeer komponiert und ist aus Il Crocciato

Incipit

Eben im Begriff, zum Besuche von R. Wagner nach Zürich zu reisen

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Weberiana Cl. X, Nr. 513

Quellenbeschreibung

  • 2 DBl., 1 Bl. (10 b. S. o. Adr.)
Weitere Textquellen
  • Eveline Bartlitz, „Verzeihen Sie meine Unbescheidenheit, Sie immer wieder mit Fragen zu behelligen […]“. Der Briefwechsel zwischen Friedrich Wilhelm Jähns und dem Verlag C. F. Peters in Leipzig, in: Weberiana, Heft 10 (2000), S. 13–16

Textkonstitution

  • "für Pianoforte mit Orchester": Hinzufügung.
  • "neuen": Hinzufügung.
  • "trotzdem": Hinzufügung.
  • "faciles": Hinzufügung.
  • "Die": durchgestrichen.
  • "Die übrigen, unzweifelhaft noch unedirten Originalwerke waren": durchgestrichen.
  • "1818": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • "Erscheint demnächst, als … 13. des Nachlasses.": Bemerkung darunter von Jähns: Erwiesen gedruckteComposition von Meyerbeer (Crocciato desselben) F. W. Jähns.
  • "… , am 3. August 1818": Hier irrt Pohl, es handelt sich um die Kantate Natur und Liebe zur Feier des Augustus-Tages 3. August, Namenstag des Königs Fr. August I. von Sachsen, sie wurde am 16. Juli 1818 komponiert

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