Gothaer Widmungsexemplar der Es-Dur-Messe wieder aufgetaucht

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Im Januar des Jahres meldete sich Dr. Andrea Hartmann, Mitarbeiterin der RISM-Arbeitsstelle Dresden in der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), bei der WeGA mit der Mitteilung, dass sie beim Aufarbeiten alter Titelkarten auf eine Karte zu einem Exemplar der Es-Dur-Messe Webers in der Augustinerkirche in Gotha gestoßen sei und schrieb: „Ich könnte mir gut vorstellen, dass es sich dabei um eines der verschollenen Gothaer Exemplare handelt (oder eine Abschrift davon)“. Bei der WeGA schrillten sogleich die Alarmglocken, galt doch die Kopie der Missa sancta Nr. 1 (WeV A.2), die Weber laut Tagebuch am 16. November 1818 an den Prinzen Friedrich von Gotha gesandt hatte, als verloren. Laut Tagebuch hatte Weber an diesem Tag sogar zwei Partituren an den Prinzen gesandt, denn der Eintrag lautet: „ihm Partitur der Meße No 1. geschikt, und eben so für S. Heiligkeit den Pabst“. Der unter gesundheitlichen Problemen leidende Prinz Friedrich, späterer Herzog Friedrich IV. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1774–1825), der sich mehrfach auch zu Kuren in Italien aufhielt und in Rom Kontakte zu Mitgliedern der päpstlichen Kapelle hatte, war im Dezember 1816 in Rom zum katholischen Glauben konvertiert. Schon bald nachdem ihm Weber die beiden Exemplare der Messe übersandt hatte, brach er erneut zu einer Reise nach Italien auf, bei der er Papst Pius VII. das genannte zweite Exemplar überreichte, denn dieser bedankte sich schon mit einem Brief vom 20. Januar 1819 für das Geschenk.

Während das Exemplar für den Papst im Vatikanischen Archiv bislang noch nicht wieder aufgefunden werden konnte, bestand nun also Hoffnung, dass das Exemplar für den Prinzen Friedrich doch erhalten ist. Immerhin war in einem 1825 erstellten Nachlassverzeichnis des Prinzen unter der Nr. 37 noch eine „Missa sancta, quatuor Vocibus constans etc., v. Weber“ aufgelistet, die von der WeGA allerdings mit dem entsprechenden Titel in Widmungsexemplaren der Anfang 1819 vollendeten Missa sancta Nr. 2 in G-Dur (WeV A.5) in Verbindung gebracht worden war. Eine Autopsie der Gothaer Quelle war also dringlich angeraten. Freundlicherweise empfahl Dr. Andrea Hartmann als Ansprechpartnerin die Leiterin des Landeskirchenarchivs der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Dipl.-Archivarin Christina Neuß M.A., in Eisenach, da dort gegenwärtig ein langjähriges Projekt mit der Katalogisierung solcher Kirchenbibliotheken im mitteldeutschen Raum befasst ist (https://www.kirchenbibliotheken-ekm.de/ ). Frau Neuß verwies uns dann an ihre Kollegin, die Diplom-Bibliothekarin Maike Bolduan M.A., die den Bestand vor Ort genauer kenne. Sie nahm für uns Kontakt mit ihrer Kollegin Eleonore Voll auf, die die Bibliothek im Augustinerkloster Gotha betreut und uns freundlicherweise umgehend drei Probe-Fotos des Exemplars aus ihrer Bibliothek übersandte, mit der die „Wiederentdeckung“ dann quasi „perfekt“ wurde, denn obwohl das Außenetikett auf den Besitz des Gothaer Kantors Johann Gottfried Schade verwies, entpuppte sich das Exemplar durch das Schmucktitelblatt (siehe Abbildung 1) eindeutig als das gesuchte Widmungsexemplar, zumal es sich nach dem Foto der ersten Notenseite um eine Handschrift des Dresdner Kopisten Christian Adolph Gutmacher handelte, der u. a. auch die Widmungskopie für den sächsischen König (heute SLUB Dresden, Mus.4689-D-1) angefertigt hatte.

Abb. 1: Widmungstitelblatt der Gothaer Partitur der Es-Dur-Messe
Abb. 1: Widmungstitelblatt der Gothaer Partitur der Es-Dur-Messe

Am 29. April hatte dann der Schreiber dieser Zeilen die Möglichkeit, das Exemplar, das vermutlich Schade bei der Versteigerung 1825 erworben hatte, im Musikarchiv der Augustinerkirche Gotha einzusehen. Da Frau Voll an diesem Tag verhindert war, hatte ihr Kollege Ulrich Graf die Handschrift sowie eine weitere zu Webers Hymne „In seiner Ordnung schafft der Herr“ (WeV B.8) herausgesucht und stellte sie zur Einsichtnahme zur Verfügung. Dabei bestätigte sich nicht nur der erste, an den Probe-Fotos gewonnene Eindruck, sondern bei der Durchsicht ertönte bald ein erstauntes „Oooh!“, denn in dem Exemplar fanden sich auch einige Einträge von Webers Hand, darunter der in mehreren Instrumenten der Partitur des Kyrie ergänzte Zusatz „stringendo poco a poco“ (vgl. Abbildung 2).

Abb. 2: Ausschnitt aus dem Kyrie der Gothaer Partitur der Es-Dur-Messe mit Eintragungen Webers
Abb. 2: Ausschnitt aus dem Kyrie der Gothaer Partitur der Es-Dur-Messe mit Eintragungen Webers

Angesichts der Bedeutung des Exemplars für den zukünftigen Werkkatalog wurde eine Beschreibung angefertigt, die nun zunächst als Ergänzung des bereits publizierten Messenbandes (Serie I, Bd. 2) zugänglich ist. Dabei wurden bewusst nur die wenigen eindeutig autographen Zusätze aufgenommen, ein genauerer Vergleich etlicher fraglicher kleiner Details (Akzente, Bogensetzungen) wird zu einem späteren Zeitpunkt ggf. Eingang ins Werkverzeichnis finden.

Bei der Quelle zur in Gotha vollendeten Hymne Webers (WeV B.8) handelt es sich um einen Klavierauszug von bislang unbekannter Hand, bei dem eigenartigerweise in den Fugenabschnitten die Klavierstimme nicht vollständig eingetragen ist. Ulrich Graf machte mich freundlicherweise auf den gegenwärtig angelegten Katalog des außerordentlich interessanten Gothaer Bestands aufmerksam, in dem sich unter den Anonyma mit der Sortiernummer K29 ein ebenfalls aus dem Besitz des Kantors Schade befindliches Aufführungsmaterial zu einem „In seiner Ordnung erschafft der Herr“ betitelten Werk erhalten hat, bei dem es sich um die zugehörigen Stimmen von Weber Hymne handeln dürfte. Dies und der Quellenwert der Handschrift sollen bei nächster Gelegenheit geprüft werden.

So hat die für unser Fach so außerordentlich wertvolle Arbeit von RISM wieder einmal zu einer erfreulichen Erweiterung unseres Quellenbestandes beigetragen und es sei an dieser Stelle ein herzlicher Dank an Dr. Andrea Hartmann, aber auch an alle anderen Beteiligten in dieser Kette der so freundlichen Weitervermittlung der Informationen, besonders aber auch für die sehr zuvorkommende Betreuung im Musikarchiv der Augustinerkirche Gotha gesagt!

Joachim Veit, Donnerstag, 11. Juni 2026

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