Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Dresden, Samstag, 30. August 1817 (Nr. 85)

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Schönen guten Morgen vielgeliebteste Mukkin.

Ich muß nur gleich ein bißel zu dir kommen, weil ich seit einigen Tagen so gehezt bin, und besonders Gestern, daß ich mit Noth nur den Brief fortschikken konnte, und gar nicht ordentlich deinen so gar lieben und heiteren No: 85 zu beantworten im Stande war. Deßhalb muß denn gleich ein Extra Mann hinterher geschikt werden; damit Mukkin keine Ursache zum Zanken hat, und ich auch nicht zu kurz komme, denn siehst du jezt sind wir in den Nummern gleich und du warst in der lezten Woche ein fauler Hund, denn vom Sonntag bis zum Donnerstag hatte ich keinen Brief von dir.      Ärmste Lina magst recht erschrokken sein über dich selbst in der Kozen*, und kann ich mirs denken wie du und die Mutter alles zu oberst und zu unterst in die Koffer gesakt haben. wo hat es denn eigentlich gebrannt? im Maler Saal? und was ist verbrannt? aber mein Gott wenn ich nachrechne sehe ich daß du 3 Tage im Bette zugebracht hast, ey ums Himmelswillen aber auch so zu erschrekken, wenn es nur weiter keine Folgen hat, und du nicht recht Matt bist und dann zu schnell wieder spielst.      Es freut mich recht sehr daß die gute alte Plaudertasche der Zwik in der Zeit zu dir kam und wie ich sehe dir recht viel erzählt hat und sich ein gutes Bildchen bei dir einzulegen wußte daß er mich so herausstrich.       mit der Anbetung ists so arg nicht, aber Gott sei Dank auch mit dem Verdruß nicht. und ich bin ganz wohl mit meinem Schiksal zufrieden, und was fehlt wird ja die Zukunft geben, und vor allem meine geliebte Lina in deren Händen doch nur ganz allein mein Wohl und Weh liegt.           Mit dem früher nach Prag komen, wo du mir solche Haue giebst, wird mein 84 dir eine traurige Änderung kund gethan haben.       bis jezt ist der ersehnte Kourier noch nicht angekommen*, und ich frage alle Tage nach ihm. das arme Wörtlein Geduld, das ich schon fast ganz in Pension gesezt hatte, muß nun wieder in Dienst treten, und oft vorgesagt werden damit die Ungeduld nicht überwältigt. beim Wort muß ich dich jezt leider nehmen wo du sagst in deinem gerechten Zorne! du kannst nun kommen wenn du willst, mir ists nun auch einerley, da! – – Siehst du, da straft gleich der Himmel daß du so gegen deinen Herrn und Gebieter sprichst.           Also Sonntag, das ist Morgen spazieren wir zum 1t mal in Prag von der Kanzel?* Grüße doch Drs. herzlich, und danke ihm bestens für seine viele Mühe, und auch dafür daß er Dir die Galle wegpuzt und so hübsche Mittelchen erfindet dich einnehmen zu machen.     der Schelm kann recht ernsthaft so etwas vorbringen, daß man glaubt es müße wahr sein, das ist sein größter Spaz!           Nun zum Tagebuch.

d: 26t Componirte ich bestellte Variat: über ein Polnisches Thema. wofür ich 10 # bekomme. Eine Arbeit die ich sonst wohl nicht übernommen hätte, aber jezt bewegen mich die Teller, Maurer, Schloßer pp zu allerhand Sachen.       dann bekam ich den Tag was für dich*, wenn du dich gut aufführst – – bist du Neugierig? – Geduld! | Mittag im Engel, dann die Schröder besucht, die mir sagte du seist recht ditt und fett. Abends spielte sie die Jungfrau, und gefiel natürlich außerordentlich*.       Briefe von Beers erhielt ich daß Meyerbeers Oper in Padua den unglaublichsten Beifall erhalten hat, welches mir eine große Freude machte. die der Eltern kannst du dir denken.

auch besuchte mich den Tag Papa Salieri aus Wien.

d: 27t Lection und 2 Proben. den ganzen Nachmittag und Abend gearbeitet und exerzirt. Arie comp: deren lezte Strophe ich dir geschikt habe. es soll etwas Feuer drin sein, und du sollst seiner Zeit darüber urtheilen.      d: 28t war der Teufel mit Krankheiten und confusionen. muste noch schnell Gener: Pr: von den Savoyarden sein, die die 2 Zukker recht artig spielten. dann kaufte ich einige Geschirre weil ich d: 1t Sept. ins neue Quartier zieheT. habe also alle Hände voll zu thun. Holte das Tischzeug für Grünb. aus der Fabrik und ließ mich vom Satan blenden noch ein Tischtuch mit 12 Servieten zu kaufen. Nun werden wir doch wohl genug haben? Nachtisch aufs Bad, die Savoyarden*. dann dein lieb Brieferl gefunden.       Gestern d: 29t um 7 Uhr lection. dann kam Böttcher, mir nur geschwind etwas vorzulesen, dann H: Wilhelm Müller aus Berlin mit Brief von Gubitz, dann Dr. Witte von da, mit Brief von Schlesinger dabey anziehen und um 10 Uhr in Probe, es war um toll zu werden. dann nach der Probe ins neue Quartier gelaufen. Nachtische Aufsaz über ein neues Instrument Terpodion, geschrieben. dann um 5 Uhr die Schröder nebst Consorten abgeholt, aufs Bad, da Thee getrunken und soupirt. nebst denen fremden Herren aus Berlin, recht angenehm und heiter den schönen warmen Abend verlebt.

Ich will recht froh sein wenn ich im neuen Quartier bin, und genau sehe was alles nöthig ist. Ein Porzellän Serviçe ganz gewöhnlich, nur aus dem nothwendigsten bestehend, kömt über 40 rh: nun Küchen Geräthe und Schränke, Maurer, Tapezier, Spiegl pp da stehen mir wirklich abermals die Haare gen Berg, dann die Reise, und wenn wir zurük kommen gleich das Neujahr. – O Jägers braut! spute dich und bringe recht viel Geld, damit die Andere wahre Braut schöne Sachen kriegt, und in ein freundliches Nestel komt.     Nun es wird schon werden, freilich den Silber Zahn muß man sich vor der Hand ausfallen laßen.      

Nun behüte dich Gott, erhalte Dich Gesund, und brav. Gott segne Dich + + +. behalte lieb deinen dich innigst liebenden treuen
Carl.

Millionen Bußen. alles Schöne an die Mutter.
Haben wir denn Betten für Dienstboten? oder muß ich eines kaufen?

Editorial

Summary

über Post, Reisevorbereitungen, Besuche; Tagebuch ab 26. August: erwähnt Nachricht v. Meyerbeers Erfolg, Besuch Salieris, Kompositionsarbeit, Proben; Einrichtung betr.; Besuche aus Berlin mit Briefen von dort

Incipit

Ich muß nur gleich ein bißel zu Dir kommen

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Shelf mark: Mus. ep. C. M. v. Weber 120

    Physical Description

    • 1 Bl. (2 b. S. o. Adr.)
    • Rötel- und Bleistiftmarkierungen von Max Maria von Weber

Text Constitution

  • “… Abend gearbeitet und exerzirt. Arie”Von F. W. Jähns etwas tiefer (durch Rötelmarkierungen gekennzeichnet) zwischen den Zeilen mit Bleistift ergänzt „Agathen Arie E dur“; gemeint ist der Schlussteil von Szene und Arie Nr. 8.
  • ein“das” overwritten with “ein

Commentary

  • “… dich selbst in der Kozen”Das Prager Kotzentheater (Theater in der Kotzen-Straße) war 1783 aus Sicherheitsgründen geschlossen worden und diente seit 1807 dem Ständetheater als Fundus-Lager.
  • “… ersehnte Kourier noch nicht angekommen”In der Allgemeinen Zeitung ist in einem Bericht vom 2. September zu lesen: „Täglich erwartet man die Rückkehr eines Kouriers von Florenz mit dem vollzogenen Heirathsinstrument zur Vermählung der […] Prinzessin Mariane mit dem Erbgroß- und Erzherzog von Toscana, um welche ein außerordentlicher toscanischer Abgesandter, der Senator Marchese Baldelli aus Florenz, schon vor einigen Monaten die feierliche Bewerbung beim Könige angebracht hat.“; vgl. Beilage Nr. 117 zur Allgemeinen Zeitung vom 11. September 1817, S. 469f.
  • “… in Prag von der Kanzel?”Erste öffentliche Verlesung des Aufgebots.
  • “… den Tag was für dich”Laut Tagebuch hatte Weber ein Schmuckkästchen für seine Braut gekauft.
  • “… , und gefiel natürlich außerordentlich”Vgl. den Bericht in der Abend-Zeitung vom 9. September 1817.
  • “… Nachtisch aufs Bad, die Savoyarden”Vgl. den Bericht in der Abend-Zeitung vom 9. September 1817. Julie Zucker gab den Joseph, Emilie Zucker ein junges Mädchen.

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