Caroline von Weber an Amalia Beer in Berlin
Dresden, um den Jahreswechsel 1836/37

Verehrteste Freundin!

Wenn ich dem innigen Drang meines Herzens folge, und mir es gestatte durch diese Zeilen mein Andenken Ihren Gedächtniß zurück zu rufen, so muß ich dabey wohl auf Ihre stets mütterlichen Gesinnungen für meinen verstorbenen Gatten rechnen die mir es wohl verzeihen werden wenn auch ich mich einmal mit kindlich vertrauenden Herzen Ihnen nahe, und Ihr Wohlwollen, das schönste Vermächtniß des Heimgegangenen, für uns in Anspruch nehme. Vergönnen Sie mir es verehrte Frau, mit der innigsten Offenheit zu Ihnen zu sprechen, so wie Sie es einst ihm gestatteten, und öffuen Sie liebevoll der Mutter, Ihr Mutterherz. Ich weiß und fühle wohl daß das, was ich zu sagen habe, so eigner Art ist, daß meiner ungeübten Feder oft die paßenden Worte fehlen werden, aber ich denke, was von Herzen kömmt müße auch wieder zum Herzen gehen. Die frohe Nachricht welche uns der gute Winkler diesen Sommer mit aus Paris brachte; die Gewißheit durch die Güte Ihres Herrn Sohnes nun Webers letztes Werk der Welt gegeben zu sehen, noch ausgeschmükt durch das herliche Talent dieses all bewunterten Meisters, hatte mein Herz mit Dank und Freude erfüllt und mir für meine Kinder einen heitern Blik in die Zukunft eröffnet. Ihren Sohn sollten es ja einst die Knaben zu danken haben wenn sie das, was sie jetzt fleisig gelernt, einst als nützliche Menschen, ohne Nahrungssorgen praktisch auszuüben vermögten; von Ihm sollte für sie die Segnung einer heiteren Jugend, eines ruhigen Mannesalters ausgehen; urtheilen Sie Theure Freundin | mit welchen Dankgefühl die Mutter das Opfer Ihres Sohnes erkannte!! Ja hätte Er einen Augenblik meine Freude sehen können, er würde hierin Belohnung gefunden haben.

Ein paar Monat später sagte mir Winkler daß Ihr Sohn zur Ergänzung des noch Fehlenden in Webers Oper, mehrere von Webers Compositionen gewünscht habe, und ich schrieb sogleich nach Berlin mir die Sachen komen zu laßen, weil ich selbst nur Webers Handschrieften besitze. Von Berlin aus machte man mich aufmerksam daß die Einfuhr gedrukter Noten in Paris mit großen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft sey, und Schlesinger lies mich wißen daß bey seinem Sohn in Paris fast all das Verlangte müßte zu haben sein. Diese Nachricht theilte ich Winkler mit indem ich ihm die Partitur von Peter Schmoll zur Absendung übergab und Ihren Herrn Sohn bitten lies mich ja gleich wißen zu lassen wenn der junge Schlesinger nicht all das Gewünschte besitze, in welchen Fall es dann gleich von hier abgehen solle - . Da ich nun durch Winkler keine Antwort erhielt, war ich in der festen Uiberzeugung daß Ihr Sohn die Partitur erhalten, und die übrigen Musikalien in Paris vorgefunden habe - . Urtheilen Sie daher von meiner Uiberraschung als ich jetzt kürzlich durch Fremde erfahre daß dem nicht so ist, und daß Ihr Sohn ungehalten über | die Verzögerung im Begriff steht,eine andere neue Oper zu beginnen - . Wie mich diese Nachricht niedergeschlagen, kann ich Ihnen nicht beschreiben! denn muß ich nun nicht aufs neue fürchten die Erfüllung unserer frohsten Hoffnungen wieder weit weit hinaus geschoben zu sehen! muß ich mir es nicht gestehen daß durch diese lange Verzögerung das Intreße des Puplicums an der Sache immer mehr schwindet, und daß wohl am Ende das große Opfer Ihres guten Sohnes in dem Erfolg nicht die gewünschte Belohnung findet?- Theure Geliebte Freundin! sind es auch jetzt nicht Nahrungssorgen die diese Befürchtungen für mich drükend machen, reicht auch unser kleines Kapital zu einen genügsamen leben hin, und habe ich das Glük meine Kinder alles lernen laßen zu können wozu sie Lust und Talent haben, so ist doch der Blik in die Zukunft oft für mich sehr trübe, denn kommt die Zeit wo sie ein Geschäft ergreiffen, wo ihre höhere Ausbildung kostspielige Reisen erfordern, wie das bey meinen ältesten Sohn, der sich der Matematik und dem Maschinenbau wittmen will, unausbleiblich ist, wie weit wird dann das Vermögen beider Kinder, welches, wie Sie von Winkler wißen werden, in 11 600 Thaiern besteht reichen? Daß viel tüchtige Männer mit weniger angefangen haben ist wohl wahr, aber ist es der Mutter zu verdenken wenn die Hoffnung auf eine sorgenfreiere Zukunft ihrer Kinder ihr Herz mit Freude | und das Schwinden derselben es mit Trauer erfüllt? wenn Sie denen die dies glückliche Loos für ihre Kinderherbey zu führen vermögen die Bitte darum recht dringend an’s Herz legt? - Durch den Mund der geliebten Mutter wird diese Bitte für Ihren Sohn all das Unangenehme verlieren welches sie, ich fühle es, für Ihn haben muß, aber laßen Sie mich es gestehen, daß sie, mir auszusprechen nicht weniger schwer würde, und daß mir die Mutterliebe meine Feder führen konnte. Ach glauben Sie mir, eine so einsam stehende Frau, die die Führung ihrer Angelegenheiten nur immer von Anderer Güte zu erbitten hat, ist zuweilen recht zu beklagen, und Sie mögen mich immer ein wenig bedauren daß ich gezwungen war Ihnen beschwerlich zu sein.

Ich bitte grüßen Sie Ihren Herrn Sohn recht herzlich von mir und sagen Sie ihm "er mögte die Blüthen der Dankbarkeit in dem Kranze seines Ruhmes nicht verschmähn. Gott erhalte Sie Verehrte Geliebte Freundin gesund und in ungetrübten Genuße Ihres Glückes. Mögte mir die Freude werden ein paar freundliche Worte Ihrer Hand zu erhalten. Mit Liebe und inniger Hochachtung umarmt Sie Ihre
Carolina v Weber

Die gewünschten Musikalien, meist Webers Handschrieften, gehen in diesen Tagen, an Ihren Herrn Sohn ab.

Apparat

Zusammenfassung

Winklers Kunde, daß Meyerbeer die Pintos vollenden wolle, habe sie im Hinblick auf das Wohl ihrer Kinder sehr erfreut; sie habe einige Partituren nach Paris senden wollen, sei aber wegen der Zollschwierigkeiten unsicher, ob sie angekommen sind u. habe jetzt erfahren, daß Meyerbeer sie wirklich nicht erhalten habe und daher eine neue Oper beginnen wolle; klagt nochmals über finanzielle Verhältnisse u. bittet um Vermittlung an Meyerbeer; sie sende die Tage Webers Manuscripte an M. ab.

Incipit

Wenn ich dem innigen Drang meines Herzens folge, und mir es

Generalvermerk

Der Brief ist bei Becker(Meyerbeer), Bd. 2, S. 684f.) mit „Herbst 1836“ angegeben. Tatsächlich steht dieser Brief aber in zeitlichem Zusammenhang mit WinklersBrief vom 3. Januar 1837, so dass eine Datierung um den Jahreswechsel 1836/37 als wahrscheinlicher anzusehen ist.

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Heinz Becker

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: N. Mus. Nachl. 97, J/162

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. o. Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Becker (Meyerbeer), Bd. 2, S. 684–685

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