Ignaz Franz Edler von Mosel an Friedrich Rochlitz in Leipzig
Baden bei Wien, Sonntag, 16. Juli 1826

Herr Steiner hat mir um die Hälfte May Ihren lieben Brief vom 30. April d. J. mitgebracht: theurer, verehrter Freund! Selbst ihn sprechen konnte ich seither, trotz all meiner Bemühungen, immer nicht, so sehr ich es auch gewünscht hätte, da ich mich so heiß nach Aufklärung über die beunruhigenden Worte sehne, die Sie mir gleich auf der ersten Seite Ihres Briefes über Ihren Gesundheits-Zustand schrieben. […]

Ich verlor nämlich, zwar nicht als Freund, aber als Vorgesetzten, meinen wackeren Grafen Dietrichstein. Seit ich ihn kenne (und das ist seit 15. Jahren) war die Stelle eines Präfekten der Hofbibliothek immer das letzte Ziel seiner Wünsche; dieser ehrenvolle, ruhige, seinen Mann aber doch hinlänglich beschäftigende Post war immer derjenige, nach dem er sich für seine späteren Jahre sehnte. Nachdem er sich den Ruhm erwarb, das Hofschauspieltheater auf die höchste Stufe, die es je erreicht hat, und, nach dem Urtheile aller Fremden und einheimischen Kenner (Tieck etwa ausgenommen) zum ersten Theater in Europa erhoben zu haben, ward ihm die Leitung desselben durch die... verleidet ...

[über SpohrsDie letzten Dinge*]

.... Den Verlust unsers unvergeßlichen C. M. v. Weber haben Sie gewiß eben so lebhaft bedauert, wie ich. Ich habe wohl nicht zu viel gesagt, als ich bei der ersten Nachricht von seinem Ableben ausrief: "Nun ist die deutsche Oper gestorben!" – Hier wenigstens, in Wien, diesem ehemaligen Sitz der Tonkunst, ist Niemand, der das National-Singspiel aufrecht zu erhalten, geschweige denn emporzubringen vermöchte, und was ich seit Jahren von den beßeren Tonsetzern Deutschlands in diesem Fache der Composition gesehen habe, ist entweder zu flach oder zu gekünstelt, und Eines taugt so wenig als das Andere.

Mit den Vorarbeiten zu Salieri’s Biographie bin ich fertig geworden, eh ich hieher nach Baden gieng, und da sich Wallishauser nun zum Verlag angebothen hat, werde ich die Biographie selbst beginnen, sobald ich nach Wien zurückkehre*.

Ihr Urtheil, theurer Freund, über Beethovens neueste Symphonie trägt ganz jene tiefe Kunstkenntniß, und jene vorurtheilsfreye Ansicht in sich, wie Ihre Urtheile über musikalische Werke alle. Schade, daß es nicht gedruckt wird! Glauben Sie aber nicht, daß alle Wiener mit Ihnen hierüber in Opposition wären. Die ruhigeren, partheylosen wissen alle .... auch in Be[e]thovenschen Werken das Gold von den Schla... zu unterscheiden. Was aber würden Sie erst sagen, wenn Sie seine neuesten 3. Violin-Quartetten hörten, welche seine unbedingten Anbeter gern für das Höchste in der Musik ausgeben möchten, während ich, nach wiederholter aufmerksammer Anhörung nur einen betäubenden?? Beweis darin finden kann, wie tief der Genius durch ungünstige Verhältnisse sinken kann. Ein Haufe heterogener, unzusammenhängender, manchmal bewundernswürdiger Ideen, ohne Plan, ohne Verbindung, ohne Gestaltung zu einem Ganzen, übereinander hinrollend: ein musikalischer Galimathias!

[…] Ueber Tieck maße ich mir kein Urtheil an, daß ich aber bei weitem nicht in Allem mit ihm einverstanden bin, will ich nicht verhehlen; ohne Zweifel ist hierann das Unrecht auf meiner Seite. Wie Schreyvogel über T..s dramaturgische Blätter denkt, wird sich am Besten zeigen, wenn seine gesammelten Schriften erscheinen, mit deren Ordnung und Vollendung er seit Jahr und Tag, so viel seine Geschäfte und seine, leider sehr schwankende Gesundheit erlauben, sich beschäftigt ....

Apparat

Zusammenfassung

über den Verlust Dietrichsteins als Vorgesetztem; über den Verlust Webers; sein Ausruf "Nun ist die deutsche Oper gestorben!" werde sich wohl erfüllen; über seine Salieri-Biographie; unterschreibt Rochlitz' Urteil über Beethovens neueste Sinfonie und kritisiert seine neuesten 3 Streichquartette, über Tieck u.a.

Incipit

Herr Steiner hat mir um die Hälfte May Ihren lieben Brief vom 30. April d. J.

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Wien (A), Österreichische Nationalbibliothek (A-Wn), Handschriften und Inkunabelsammlung
Signatur: 7/131-17

Quellenbeschreibung

  • 2 DBl. (8 b. S. o.Adr.)

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… über Spohrs Die letzten Dinge": Die letzten Dinge (WoO 61), Oratorium von Louis Spohr, entstanden 1825 bis 1826 auf ein Libretto von Friedrich Rochlitz; UA Kassel 24. März 1826
    • "… sobald ich nach Wien zurückkehre": I. F. Edler v. Mosel, Ueber das Leben und die Werke des Anton Salieri, k. k. Hofkapellmeisters, Wien Wallishauser 1827

    XML

    Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
    so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.