Carl Maria von Weber an Johann Baptist Gänsbacher in Prag
Würzburg, Mittwoch, 27. Februar 1811

Lieber Gänsbacher!

Dein Brief* hat mir viele Freuden gemacht, indem ich deine schöne Aufnahme bey Esterhazi* gelesen habe. aber von einem mich sehr interreßirenden Gegenstande, deiner Oper hast du gar nichts erwähnt[.] wie steht es mit der? – ich habe mich endlich nach vieler Anstrengung in Darmstadt losgemacht, und unsern guten alten Lehrer verlaßen, es gieng mir wirklich sehr nahe, doch muste es einmal seyn, und wirklich ich hatte lange genug gezaudert. um in meiner Gewohnheit zu bleiben, muß ich dir nun umständlich erzählen. bis zum 13t Januar gieng mein vorlezter Brief, nach Prag. d: 14t überschikkte ich den Abu Haßan dem Großherzog*, und einige Tage war alles ganz still davon, doch endlich sagte mir Mangold der Grosh: hätte Freude daran gehabt, und nun würde es gewiß auch gut mit meinem Concert gehen und so war es auch, denn obwohl es sich noch etwas verzögerte, so gab ich doch endlich mein Concert d: 6t Februar* welches erstaunt brillant war, und unerhört voll für Darmstadt. ich hatte für die Mad: Schönberger und die Tochter von Mangold, die auch eine herrliche Altstime hat, ein Duettchen comp: was sehr gefiel und wiederhohlt werden muste. der Großh: nahm 120 Billets, und machte mir außerdem 40 Carolin für die Oper zum Praesent*. Aber stelle dir vor, am Concert Tage eben da ich mich anziehen will, geht die Thüre auf, und wer kömmt herein? Weber und Dusch* von Mannheim. – meine Freude bey dieser Ueberraschung kannst du dir denken, und erhöht wurde sie noch dadurch, daß die guten Jungen bis d: 10t blieben, aber dann mußten wir uns trennen, und auch Beer reißte d: 12t nach Mannheim dem Profeßor entgegen der seine Schwester besucht hatte*. Nun war ich also ganz allein mit Papa. d: 13t schikte ich einen Brief durch Fr: Paradis* an dich – und den 14t riß ich mich los von allem was mir lieb und werth war, und gieng nun ganz wieder unter Fremde Menschen. brachte in Frankfurt ein paar Tage zu, und reißte den 18t nach Giesen. eine Universität 18 Stunden von Frankfurt. ich wurde da erstaunt gut aufgenommen, und wie ein Wunderthier betrachtet, sehr gastfrey und Freundschaftlich behandelt. d: 22t gab ich mein Concert* was so voll war, daß niemand in Giesen sich errinnerte so eines gesehen zu haben, und wo ich circa 82 f  einnahm. da mir nun jeder Tag kostbar ist, so reißte ich troz aller Bitten meiner Freunde schon d: 23 wieder ab nach Hanau, sah da ein schlechtes Theater*, reißte d: 24 nach Aschaffenburg, und d: 25t hieher nach Würzburg. Gestern bin ich denn nun herum gestiegen und habe Visiten gemacht*. ich weiß nicht, aber ich glaube daß hier nichts zu machen ist. der Großherzog hört niemand der nicht an ihn empfohlen ist, und der KonzertMst: Krisi, ein Italiener ist eine falsche Canaille, der gerne alles von sich abwälzt. ich werde nun heute noch sehen was zu thun ist, damit ich wenigstens nicht lange aufgehalten werde und unnöthiges Geld verzehere. so viel ich Gestern Abend erfahren, ist auch ein kleiner Franzose* hier, ein Violinspieler, und auch die Mlle: Weber die Harfenspielerin, das ist nun freylich verdammt mit so vielen zusammen zu treffen, und ich muß nun abwarten wer das Feld behalten wird, ich oder Sie*. von hier gehe ich nach Bamberg, Augsburg, und München, von da über Leipzig, Berlin, Hamburg nach Kopenhagen. Gott weis wie es gehen wird, ich muß wirklich manchmal alle Vernunft zusammen nehmen, um nicht nachläßig und verdrießlich zu werden, denn giebt es etwas elenderes, als bey Fremden Menschen herumzulaufen, jedem etwas vorzududeln, damit er sieht daß man etwas kann, und unter 30 kaum auf einen zu stoßen, der Antheil nimmt, und thätig ist. an dem MusikProfeßor Fröhlich hier scheine ich doch so einen gefunden zu haben, wenigstens ist er gestern mit mir schon gleich herumgelaufen wegen einem Fortepiano – So eben erfahre ich daß es hier nichts ist. es ist [ein] junger Franzose Delain der auch Klavier spielt, und die Concert Erlaubniß schon hat, so daß ich 14 Tage hier zubringen müßte, daraus wird nichts. ich reise also überMorgen ab. ich war heute Früh beym Großherzog und wollte meine Opern anbieten*, die Audienz war aber schon vorbey. ich muß also sehen was in dieser Hinsicht binnen heut und Morgen noch zu thun ist.

Lebe wohl lieber Bruder, empfhele mich dem Gräflichen Hause* vielmals unbekannter Weise, und schreibe fleißig deinem dich herzlichst liebenden Freund vWeber.

Lieber Bruder

Triole.

Ein Oratorium von welchem ich die Worte vor kurzer Zeit vom Professor Schreiber aus Heidelberg erhielt und das bald in Berlin aufgeführt werden soll* macht mir so viel Arbeit, daß ich leider gar nicht an das Briefschreiben denken darf. Indeß will ich dir nur soviel sagen, daß ich deine Kühnleschen Lieder im Morgenblatt recencirt habe, und von deinem augsburgischen [unleserl. Wort] etwas im Freymüthigen* geschrieben habe.

Schreibe doch bald deinem beschäftigten Bruder MeyerBeer
Das beiliegende Circulair* mußt du nach Mannheim zurückschicken.

Apparat

Zusammenfassung

berichtet über Tätigkeit seit Weggang von Darmstadt, insbes. sein letztes Konzert ebd.; Konzert in Gießen u. Pläne in Würzburg; erwähnt Fröhlich als potentielles Mitglied des Vereins; Zusatz v. MB: Oratorium u. Rez. betr.;

Incipit

Dein Brief hat mir viele Freuden gemacht, indem ich deine

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Wien (A), Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Archiv (A-Wgm)
Signatur: Weber an Gänsbacher 8

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.)
Weitere Textquellen
  • Nohl 1867, S. 197–199
  • MMW I, S. 250–251
  • Becker (Meyerbeer), Bd. 1, S. 94 (nur Meyerbeers Nachschrift)

Textkonstitution

  • "sie": "Sie" überschrieben.
  • "empfhele": sic!
  • "von": Hinzufügung.
  • "die Worte": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • "Dein Brief": Den Eingang des nicht ermittelten Briefs vermerkt Weber im TB am 24. Februar in Aschaffenburg.
  • "Aufnahme bey Esterhazi": In den Denkwürdigkeiten erwähnt Gänsbacher die Reise nach Wien Anfang 1811 nur am Rande; ein Besuch im Hause des Fürsten Nikolaus Esterházy von Galántha in Wien ist dort erst im Januar 1812 vermerkt (vgl. ebd. S. 42).
  • "Abu Haßan dem Großherzog": Zur Widmung des Abu Hassan an Ludewig I. von Hessen-Darmstadt vgl. Tagebuch vom 14. Januar 1811 und Brief an Ludewig II. vom 14. Januar 1811.
  • "Concert d: 6 t Februar": Zu Webers Konzert in Darmstadt am 6. Februar 1811 vgl. Dok. D 1811-x01. [u.a.]
  • "für die Oper zum Praesent": vgl. TB 2. Februar 1811
  • "Weber und Dusch": Zum Besuch von Gottfried Weber und Alexander Dusch in Darmstadt vgl. TB 6.-10. Februar 1811.
  • "dem Profeßor entgegen … Schwester besucht hatte": Meyerbeers Erzieher Aaron Wolfssohn hatte seine Schwester in Burgkunststadt besucht, vgl. dazu Meyerbeers Brief vom 19. Januar 1811, Becker (Meyerbeer), Bd. 1, S. 91.
  • "einen Brief durch Fr: Paradis": Vgl. TB 12. Februar; der durch Therese von Paradies übersandte Brief an Gänsbacher ist nicht erhalten.
  • "d: 22 t … ich mein Concert": Zu Webers Konzert in Gießen am 22. Februar 1811 vgl. Brief an Gottfried Weber vom 20. Februar 1811 und Dok. D 1811-x03.
  • "ein schlechtes Theater": Laut TB vom 23. Februar eine Aufführung von Friedrich Schillers Wilhelm Tell.
  • "Visiten gemacht": vgl. TB 26. Februar 1811
  • "kleiner Franzose": Weber nennt in Z. 44■ als Namen dieses Violinisten und Pianisten Delain, dessen Alter er in Brief an August Konrad Hofmann vom 28. Februar 1811 mit 9 Jahren angibt. (Eine Verwechslung mit dem in Fröhlichs Bericht aus Würzburg genannten erblindeten Flötisten Friedrich Ludwig Dülon ist daher ausgeschlossen; vgl. Dok. D 1811-x04). Der Name Delain war bislang nicht zu ermitteln.
  • "ich oder Sie": vgl. dazu Z. 43–44■ bzw. TB 1. März
  • "wollte meine Opern anbieten": Vgl. TB 27. Februar 1811. Durch den Konzertmeister Grisi erhielt Weber am 1. März zunächst mit der abschlägigen Antwort bezüglich seines Konzertes die Nachricht, daß der Großherzog seine Opern Silvana und Abu Hassan kaufen wolle, am 4. März wurde dieser Ankauf bestätigt, und Weber beauftragte noch am gleichen Tag Carl Bode mit der Kopiatur der beiden Opern (vgl. TB; vgl. hierzu auch Brief an Attilio Grisi vom 4. März 1811 und Brief an Franz Joseph Fröhlich vom 30. März 1811).
  • "Gräflichen Hause": die Familie des Reichsgrafen Karl Anton von Firmian
  • "in Berlin aufgeführt werden soll": Die Uraufführung von Gott und die Natur fand am 8. Mai 1811 in Berlin statt [Rest ev. später!] (vgl. Faksimile des Programmzettels bei Reiner Zimmermann, Giacomo Meyerbeer, Berlin 1991, S. 47 und die Besprechung in: Königlich Privilegirte Berlinische Zeitung ? 14. Mai 1811). Weber selbst schrieb eine Besprechung für die AMZ, Jg. 13, Nr. 34 (21. August 1811), Sp. 570–572; vgl. dazu Brief an Gottfried Weber vom 14. September 1811. Auf die Vereinsmitglieder zurückgehen dürfte auch der Auszug aus der Vossischen Zeitung mit Huldigungsgedichten auf Meyerbeer und Schreiber im Badischen Magazin, Jg. 1, Nr. 75 (28. Mai 1811), S. 299. Eine kurze Erwähnung findet sich ferner im Journal des Luxus und der Moden, Bd. 26, Nr. 7 (Juli 1811), S. 458–459. 55: deine Kühnleschen Lieder im Morgenblatt] Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 5, Nr. 169 (16. Juli 1811), S. 676 (Dok. Br 1811-meyerbeer-02), vgl. Brief an Gottfried Weber vom 30. Januar 1811.
  • "deinem augsburgischen unleserl. … etwas im Freymüthigen": Meyerbeers auf Gänsbacher oder Augsburg bezogener Artikel war im Jg. 1811 des Freymüthigen nicht nachzuweisen.
  • "beiliegende Circulair": Brief an Triole vom 27. Februar 1811

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