Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
München, Donnerstag, 6. Juli und Freitag, 7. Juli 1815 (Nr. 6)

An

Mademoiselle

Carolina Brandt

Sängerin und Schauspielerin

des Ständischen Theaters

zu

Prag.

Gegen Recipisse.

Meine geliebte Lina.

Wie ungerecht ist doch immer der Mensch, und wie gern findet er an Andern tadelnswerth was er bey sich für ganz recht erkennt. so eben finde ich an mir dieß bewährt und bin auch ehrlich genug es sogleich meinem Mukerl zu beichten. Kannst du glauben daß ich ein bischen /: aber nur ein bischen :/ böse war über den Anfang deines lieben Briefes vom 1t huj: der mich des nachläßigen Schreibens etwas bitter beschuldigt? – und doch sind es kaum ein paar Stunden daß ich aus demselben Grunde ungehalten auf dich, zuerst, und dann besorgt für Deine Gesundheit war, da der Posttag vergieng ohne einen Brief von Dir. So eben komme ich aber nach Hause und finde daß ich Unrecht hatte, daß du Unrecht hast, und daß wir beyde ewig so ganz ein und daßelbe sind. ich habe Bärmann und die Harlas ins Theater geschikt um mit meiner Lina plaudern zu können, und dann durch Sie gestärkt zur Arbeit zu gehen.

Es ist aber auch arg, ja unbegreifflich, daß du am 1t huj: noch nicht meinen Brief vom 26t Juny hattest. gieb ja auf allenfallsige Schleichwege Achtung. ich recomandire alle meine Briefe, und Numerire sie auch seit dem lezten.

Ich habe schon ein paarmal die liebe Bemerkung gemacht, daß wir meistens an einem und demselben Tage an einander schreiben. Der Gedanke ist mir höchstwohlthuend dich vielleicht in derselben Stunde mit mir an dem wohlbekannten Schreibtische beschäftigt zu sehen. schreib doch auch künftig die Stunde zu dem Datum. dich kann ich mir nun wohl denken, aber du weißt nicht wo ich sizze. nimm deine Phantasie zu Hülfe und ich will dir hier mein kleines Zimmerchen zeichnen.

Skizze des Zimmers von Webers Hand
  • a.  das Fenster
  • b.  der Tisch an dem ich jezt schreibe
  • h.  der Stuhl auf dem ich sizze
  • d.  das Fortepiano das halb die Thüre
  • e   im Bärm: Zimmer verdekt. und dem Stuhle
  • c.  kaum Plaz gönnt.
  • F.  eine Komode
  • g.  eine Thüre aufs Vorhaus
  • K.  der Ofen. vor dem meine Koffer
  • m   stehen.
  • l.  ein Waschtischchen. dann
  • i.  das Sopha auf dem Abends mein Bett gemacht wird.

Du siehst daß wenn ich im Zimmer auf und abgehen will, einige Geschiklichkeit dazu gehört sich durchzuwinden und sich nicht anzustoßen. Könnte ich dir doch auch ein so treues Bild meiner Seele geben, die nur du allein erfüllst. Es ist höchst seltsam | ja beinahe oft schauerlich wunderbar, wenn ich so in deinen Briefen lesend, sehe, daß wir oft zu gleicher Zeit dieselben Empfindungen durch ganz gleiche Weise äußern. ist diese unendliche Gleichheit der Gefühle nicht vielleicht eben unser Unglük? warum bin ich nicht sanft, duldend, ruhig tragend, oder du heiter, froh offen und arglos? So unendlich seelig uns oft diese Uebereinstimmung machte, so sehr möchte sich mir doch manchmal die Bemerkung aufdrängen, daß zum heitern ruhigen LebensGenuß eine gewiße Verschiedenheit der Charaktere nöthig ist, die die verschiedenen Leidenschaften in ein gewißes Gleichgewicht bringt. Freylich werden solche Seelen, nie sich zu der Höhe des Gefühls heben können, aber in höchster Liebe uns umfaßend, vernichten wird uns auch, einander auflösend, aufreibend. O! wie deutlich kann ich mir dein Gefühl denken, wie du mich zu sehen glaubtest, wirkt doch jeder Brief von dir, indem ich ihn nur in die Hand nehme so auf mich, daß ein fieberhaftes Klopfen, alle meine Pulse jagt, und ich lange Zeit brauche, ehe ich nur einigermaßen wieder meiner mächtig werde. Du fragst was mir Ruhe giebt? lieber Gott, bin ich denn ruhig* ich wäre sehr unglüklich wenn ich dich so ruhig wie mich glauben müßte, denn, umgeben von Menschen die alles aufbieten mich zu erheitern, gefeyert und verehrt, ja belagert genug, um zu Kunstleistungen angespornt zu werden, – erlahmt alles Streben an mir. Nur mit höchster Anstrengung kann ich meine Gedanken zuweilen zur Arbeit zusammenhalten, und was mich dieß kostet, zeigt mir meine daraus folgende Erschöpfung. – Wie Gott will. ich kann wohl sagen ich trage wie ein Mann.

Du hast – schließe ich aus deinen Äußerungen, ein Mädchen angenommen. hast du dich dabey einer unsrer Gespräche über diesen Gegenstand errinnert? der Himmel schenke dir Freude in ihr, aber erwarte und fodre nichts.

ich arbeite jetzt eine Sonate für Bärmann und mich. ich möchte dem guten Menschen doch in etwas meinen Dank zeigen.

d: 3t verbrachte ich zu Hause. las mit Wohlbrük und Poißl die Oper von Gubitz durchT, und machte dann einen großen Spaziergang im englischen Garten mit eben denselben.

d: 4t versuchte ich zu arbeiten. gab um 1 Uhr Lection bey Wiebeking. blieb den Mittag da. spielte nach Tische, und sah dann im Theater das Schloß Montenero, eine Lieblings Oper von mir, herzlich schlecht. Eine Mlle. Muk, sang und spielte gräßlich.

d: 5t früh gearbeitet. 12 Uhr Lect: bey Wiebek: Mittag zu Hause, Nachtische zum Minister Mongelas gefahren. großer | Cercle, Abends zu Hause Klavier gespielt.

Heute d: 6t früh gearbeitet. Lection gegeben. Mittag bey Frau v: Flad mit Sterkel. da gespielt, und viel unverdientes Enthusiastisches Lob geärndet. und jezt?! mit meinem Mukkerl ehrlich und offen geplaudert.

an Liebich habe ich ja den 28t Juny geschrieben. was soll ich denn schreiben. es meint es ja doch kein Mensch gut mit mir. im Dienst werde ich nichts vernachläßigen und damit gut. – –

Nun gute Nacht, mein liebes theures Leben, denke mit Liebe und Ruhe an Deinen Carl, und erfreue dich in der wahren Ueberzeugung daß ein Wesen lebt, was nur in dir lebt. Gute Nacht, ich küße Dich Millionenmal. [Kußsymbol]

Guten Morgen, theure Lina.

es ist trübes häßliches Wetter und ich habe eine unruhige Nacht gehabt, weil ich wahrscheinlich zu früh schlafen gieng. ich habe deinen Brief noch einmal durchgelesen. du böser Mukel, wem sollst du denn Klagen wenn du mir es nicht thust, dieß theure Recht glaube ich mir wohl erworben zu haben. eigentlich müßte ich immer deine Briefe beynah ganz abschreiben und daneben die Wiederlegungen und mit unter auch das Zanken, stehn. doch ich zanke nur mehr mit mir selbst, und da habe ich ja Stoff genug meine Paßion auszulaßen. ich bin unbeschreiblich reizbar und weich, aber ich gebe mir alle Mühe die Äußerungen des einen und des andern zu unterdrükken, und somit wird es mir wohl gelingen als ein scheinbar fühlloser Klotz unter den Menschen herumzuwandeln. Ja, der Kaffee ruft, und dann muß der Brief in die Stadt auf die Post. Könnte man doch so einem Blatt Flügel geben, aber so kömt die Antwort immer so spät und erst dann wenn die Stimmung die man beim Schreiben des Antwortverlangenden Briefes hatte längst wieder vergeßen oder verlohren hat.

Guten Morgen, guten Tag, gutes Leben. grüße mir die Mutter, denn sie ist ja freundlich gegen dich. Lebe wohl und vergiß nicht Deinen ewig unveränderlichen Carl.

Apparat

Zusammenfassung

beschreibt sein Münchener Zimmer; Privates; teilt mit, daß er an einer Sonate für Bärmann und sich arbeite.

Incipit

Wie ungerecht ist doch immer der Mensch

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN - Mus. ep. C. M. v. Weber 56

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
  • PSt: a) R. 4. MÜNCHEN / 7 JUL. 1815; / b) Charge
Weitere Textquellen
  • Bartlitz (Muks), S. 145–150 (Nr. 23)
  • [MMW I, S. 482 (nur Auszug)]

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… Gott, bin ich denn ruhig": dreifach uinterstrichen

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