Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
München, Sonntag, 30. Juli 1815 (Nr. 12)

An

Mademoiselle

Carolina Brandt

Sängerin und Schauspielerin

des Ständ. Theaters

zu

Prag

gegen Recipisse

Meine geliebte Lina!

So eben erhalte ich deine lieben Worte vom 24 – 25t No: 11. das ist endlich einmal ein Brief der schnell gegangen, und dabey kann ich mich immer des Gedankens nicht erwehren, als ob er da noch inniger, wärmer, wäre, oder vielmehr es ist der Glaube, daß die Stimmung und Empfindung in der du ihn schriebst, noch dauere, daß ich dich im Augenblike des Empfangs noch eben so denken kann.      Wenn ich auch in ihm die Heiterkeit vermiße, die ich dir so vom Grund meiner Seele aus, wünsche, so ist er doch ruhiger als seine Vorgänger und nicht so peinlich ergreiffend und ängstend. Nein mein Mukkerl, das ist nicht der lezte Brief den ich hier von dir erhalte, aber wenige noch vergönnt das Schiksal mir. je näher diese Zeit rükt je inniger denke ich an dich, mögte ich gar nichts thun, als an dich schreiben.      Eine Frage meines lezten Briefes hast du schon in diesem beantwortet, – also unter Fremden soll ich zuerst dich wiedersehen? werde ich das ertragen können? werde ich […] selbst mit dem größten Vorsazz Faßung zu behalten meine Gefühle so beschränken können daß es die Umgebung achtet und berüksichtigt? – schwerlich – doch wie du willst. welche Art und Weise das wenigst schmerzliche für dich hat. aber ich bitte Dich befiehl mir, zwinge mich, halbe Äußerung wird meine Liebe sich zu Gunsten auslegen, und ihrem Drange folgen.

Dich blos als meine Freundin anzusehen, wird mir ewig unmöglich sein. Ewig wirst du vor meiner Seele stehen, als der schönste Theil meines Lebens, der alle meine Freuden umfaßte, und deßen beraubt ich still und einsam stehe, nichts hoffend nichts mehr fürchtend.

Liebe Lina, du erfindest dir manchmal Dinge die ich soll gesagt haben. nie habe ich in Bezug auf die Br: gesagt, jede Leidenschaft steigt bis auf den höchsten Punkt dann muß sie schwinden. obwohl dieser Saz mit Einschränkungen wahr ist, so konnte er doch durchaus nicht auf mich in Rüksicht der Brun: paßen. ja! um jemand zu haßen, muß man recht geliebt haben – mir ist die Brun: unendlich gleichgültig.

Die höchste Liebe aber, ist gewiß auch höchst weich und gut. du könntest mir thun was du wolltest, mein Schmerz würde mich nur noch mehr von allem Glauben an die Menschen losreißen und verdüstern, aber haßen könnte ich Dich nie. Nein bey Gott nicht.

Unendliche Freude hat mir deine Versicherung gemacht, daß du bey deinen Handlungen der treuen Warnungen deines Carls gedenkst. möge doch diese Errinnerung Gutes für dich mit sich bringen, und Du einstens doch mit dankbar liebender Errinnerung an dieses treue für dein Wohl schlagende Herz denken. |

du thust mir Unrecht geliebte Seele, wenn du in meinem Brief No: 9 etwas anderst, als das heißeste Bestreben dich zu beruhigen siehst.      Könntest du in mich hinein sehen, wie mitten unter allen Stürmen der Seele, nur immer die reinste Liebe zu Dir obenansteht.      auch ich bin beßer geworden. so weich. und lodert ja manchmal meine Heftigkeit auf, so möchte ich es mit Thränen in den Augen wieder gut machen. ich nehme mich aber sehr in acht, es thut so wehe hart zu sein. – –

Mein Concert muß viel ausstehen ehe es zu Stande komt, erst seit Gestern Morgen, ist es unabänderlich auf Mittwoch d: 2t August festgesezt. du kannst denken welche unendliche Schererey dieses ewige an und absagen für mich mit sich bringt.      Von Augsburg werde ich bestürmt hin zu kommen, und vielleicht gehe ich auf 3 Tage hinüber mit Bärmann, da alles schon zum Concert arrangirt ist.

An Ehlers würden wir auf jeden Fall eine beßere Aquisition machen als an H. Rosenfeldt.      Rhode und Fischer* hast du sehr richtig beurtheilt.      Wenn uns die Wiener nur nicht endlich die Grünb: wegnehmen. –

Für Heute muß ich schließen, Morgen vor Abgang der Post noch einen guten Morgen. ich küße Dich Millionenmal [Kußsymbol] ewig Dein treuer Carl.

Denselben Nachts 11 Uhr.

Morgen früh muß ich um 8 Uhr schon zum Minister, dann zu den Majestäten fahren, und da könnt ich nicht mehr mit meinem Mukkerl plaudern, ich muß ihm also wenigstens noch eine gute Nacht sagen. Vorgestern d: 28t habe ich den Hausfrieden gesehen. Das Stük hat hin und wieder mich sehr ergriffen. es enthält ungemein viel wahres und greifft so ins Leben ein. unwillkührlich macht man Beziehungen und Anwendungen. ich war ohne alle Stimmung dafür, hinein gegangen, aber besonders Wohlbrüks vortreffliches Spiel interreßirte mich bald sehr.

Gestern war italienische Oper im Vorstadt Theater, und Heute, der lustige Schuster, den ich gar zu gern gesehen hätte, […] um dir vielleicht etwas gutes neues davon mittheilen zu können, | aber die heillosen Laufereyen und Rüksichten, Errinnerungen, Bestellungen, Aufmerksamkeiten ppp erlaubten mir erst um 8 Uhr ganz erschöpft ins HofTheater zu gehen. geschweige denn an die Reise zum Isarthor zu denken. –

Mit Schrekken sehe ich die langsam rükende Zeit, doch oft wieder Riesenschritte machen. Jeder Tag entfernt dich mehr von mir. und ich habe eine so gefällig peinigende Phantasie – – wenn ich nach Hause in mein stilles Stübchen komme, so mahlt sich mir dein Bild, wie Du mir oft so froh und heiter auf den Zehen entgegen kamst, voll des unendlichen Liebreizes. wenn du nach Tische dich an mich kuscheltest, so herzlich innig gut. – wie furchtbar öde und todt wird alles künftig in Prag um mich sein. Das lezte Band, die innige Sprache meines Herzens zu dir auf dem Papiere, wo ich dich noch mein nennen darf, wird bald zu Ende sein. und die Mauren denen ich so oft mein Glük vertraute, jede Stelle meines öden Zimmers wird mich bitter und qualvoll an meinen Verlust errinnern.

Diese freundlichen Zimmer werden die Kerker werden, in denen ich als Sklave der Arbeit verbrüten werde. O meine theure Lina, wie manche Thräne wird mein Kißen nezzen. welche unvergeßlich schönen, welche schreklichen Errinnerungen werden sich in diesen Zimmern mir erneuern. Muß nicht die Wiederkehr der Tage die jedem andern Menschen festlich mir herzzerreißend sein? –

Verzeihe geliebte Lina, ich bin wieder recht weich und trübe geworden, statt dir nur erheiternde Bilder zu geben. Nein, ich werde recht gefaßt sein, ich will deinen Schmerz nicht nähren, oder gar vergrößern, ich werde viel, viel arbeiten, ich habe viel nachzuholen, viel vorzuarbeiten. Es wird mir manches sauer werden, ich fühle das, denn ich bin recht untauglich für die eigentliche Welt geworden, aber die kann auf Rechnung der Künstler Launen schreiben, was tief im Innern nagt und zehrt.

Nun gute Nacht. gute gute Nacht. von einer fernen Ekke rufe ich es dir zu, aber eben so warm, eben so innig, als damals wo ich es noch von deinen Lippen nahm. schlafe wohl und süß, träume freundlich von Deinem Carl, und mache daß die Errinnerung an ihn unter die lieben deines Lebens, und nicht unter die gefürchteten gehöre. Inniger, treuer, liebt dich kein Wesen wieder so wie Dein Carl, und unaufhörlich wird er Dir dieß zurufen. Gute! gute! Nacht.

Apparat

Zusammenfassung

Auseinandersetzung mit Caroline; berichtet über erneutes Verschieben seines Münchener Konzertes auf den 2. August; teilt mit, daß er möglicherweise mit Bärmann nach Augsburg fahren werde; betr. Verpflichtung von Sängern für die Prager Oper; berichtet über Theater- und Opernbesuche.

Incipit

So eben erhalte ich deine lieben Worte

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. II A. a. 1. 9

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
    • Siegelloch
    • PSt.: a) R. 4. MÜNCHEN / 31. JUL. 1815; b) Chargé
    • Auf Bl. 1r oben rechts von Jähns mit Bleistift: München; auf Bl. 2v unten links: Carl Maria von Weber an seine Braut. Eigenhändig.
    • Rötelmarkierung von MMW

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Bartlitz (Muks), S. 173–177 (Nr. 29)

Textkonstitution

  • „[…]“Gelöschter Text nicht lesbar.
  • „[…]“Gelöschter Text nicht lesbar.
  • „Wesen“über der Zeile hinzugefügt.

Einzelstellenerläuterung

  • „… Rosenfeldt . Rhode und Fischer“Möglicherweise Friederike Fischer gemeint, da Weber mit ihr Engagementsverhandlungen für Prag geführt hat.

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