Carl Maria von Weber an Johann Friedrich Rochlitz in Leipzig
Hosterwitz, Freitag, 24. Juli 1818

Ach! Mein herzlieber Freund, so gut ist mirs lange nicht geworden daß mir Jemand gesagt hätte er sei mir einen Brief schuldig, und auch dießmal kann ich das nicht annehmen was nur Ihre zu große Freundlichkeit sich selbst zur Last legen will.

Wie alle Ihre Briefe, hat doch besonders dieser lezte mich erfreut, erhoben, ja selbst durch manches Trübe gestärkt. Es ist ganz eigen wie sehr ich mich und mein bestes Wollen so ganz immer in Ihnen, nur reiner und klarer wieder tönend, wiederfinde: und ich bin denn auch kek genug gar viel Gleiches in unsrem Leben, Schiksale und Wirken finden zu wollen, woraus ein so vollkommnes gegenseitiges Verstehen entspringt das sich auf allen Punkten begegnet, und das ich in diesem Grade nie einem Andern gegenüber gefühlt habe. Der anmaßenden Foderungen an uns sind wir beyde gewohnt, das praktische wie das kritische Kunstleben steht vor unsern Blikken, und im redlichen Wollen; Ey da laße ich mich unbedingt nicht aus dem Felde schlagen. Gehörig verkannt sind wir ja auch genug worden – was wollen Sie mehr. Also wiederhole auch ich mit vollem Herzen, es bleibt beim Alten. und meine gute Lina ruft dazu „deß seyd auch Ihr gut persuadirt“.

Da ich gerade in der Stadt Ihren Brief erhielt, so rannte ich gleich nach dem Convers: Lex: und schlug Ihren Artikel auf.* habe mich weidlich darüber geärgert, über die bequem vornehme Kürze besonders. das ist eigentlich das allerheilloseste und recht den zugleich lebenden Berichterstatter bezeichnend der schon all sein Wißen auch bei der Nachwelt voraussezt.      Getröstet dabey hat mich halb, Kinds eben so kurz abgefertigter Artikel,* und ganz, – die Ueberzeugung daß Mit und Nachwelt Sie gewiß tieferfühlend anerkennt, und anerkennen muß.      Auch giebts ja wohl noch andre Federn die bleibendere Denkmäler stiften können.

Gott erhalte nur den guten Muth.

Hier folgt eine Portion für die M: Z: die ich bitte so bald als nur immer möglich dem Publikum vorzusezzen. zur Beruhigung Feskas, der wohl glaube ich nun zufrieden sein kann. Ich wünsche daß manches darin ein Wort zu seiner Zeit sein möge, ich glaubte mich zunächst dazu berufen, es auszusprechen, da ich eben so gut Parthey als Richter bin, und | in beiden Beziehungen dem Publikum gegenüber stehe.

Uebrigens pakt mich oft keine geringe Ungeduld und Ärger, wenn ich sehe wie die herrliche Zeit die ich hier zu hoffentlich länger lebenden Arbeiten hätte benuzzen können, auf so manch andre unvermeidliche Dinge drauf geht.      So habe ich z: B: eine kleine Kantate für 6 Stimmen, aus 9 Stükken bestehend zum 3t August geschrieben. gewiß mit vollem Herzen für den Gegenstand aber doch nur für einmal. So werde ich wohl auch zum Jubiläum beschäftigt werden.*      der HauptGewinn meines Landlebens wird aber doch hoffentlich das Vollenden aller alten rükständigen Werke und Briefe sein, so daß ich als ein neuer Mensch in die Stadt zurükkehre. die mich umgebende Ruhe wirkt unbeschreiblich wohlthätig auf mein Wesen, und die herrliche Gesundheit meiner kleinen Frau erhebt Ihren Frohsinn und den meinigen oft bis zum Kindischen. aber das ist schon gut, und daß Sie es eben so gut haben, ist meine große Freude. Genießen Sie es nur recht im Kreise der Ihrigen den Sommer über, und kommen Sie hübsch den Winter wieder mit her.      das wäre herrlich. Kunstneuigkeiten giebt es nicht viele.      Bärmann und Harlas haben hier mit Recht bey Hofe und in der Stadt Furore gemacht.      Mlle: Funk ist zurük, und H: Morlachi ist in der Stadt und ich auf dem Land, und so bleibe es. ganz so wie Sie ausgesprochen haben, und ich früher schon that. Habe überhaupt ein viel beßeres Fell bekomen, und laße meine Ruhe nicht so leicht trüben.      Seine Boadicea hat er gar nicht erst mitgebracht, und den Gianni di Parigi behauptet er nicht geben zu können. – – –

Sie wollten mir ja einmal einige Liedlein schikken, wie steht es damit, und wächst der alte Sonderling gehörig, der uns so tief ergriff, den schönen Abend bey Ihren lieben Kindern?*

Ihre Grüße habe ich nach Zeit und Gelegenheit ausgerichtet, und bestens erwiedert erhalten.      die herzlichsten aber nur von meiner Lina und mir, an das ganze Konnewitzer Haus, und gedenken Sie alle so oft in Liebe unsrer als wir es Ihrer thun so behalten Sie gewiß in frischestem Andenken Ihre

Sie treu achtend und liebenden
Webers.

Apparat

Zusammenfassung

über das Gefühl der Seelenverwandtschaft mit Rochlitz; Ärger über einen biogr. Rochlitz-Artikel; übersendet Text zu Fesca; berichtet über Komponieren in der wohltuenden Hosterwitzer Ruhe; einige Kunstneuigkeiten aus Dresden;

Incipit

Ach! Mein herzlieber Freund, so gut ist mirs

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

London (GB), London British Library (GB-Lbl)
Signatur: Add. 47843, f.48 (a u. b)

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (2 b.S. o.Adr.)
  • X: Weberiana Cl. II B, S. 567-568, Nr. 13; / Foto: Weberiana Cl. VIII, Heft 3, Nr. 13

Textkonstitution

  • "nur": Hinzufügung.
  • "zur Beruhigung Feskas, … zufrieden sein kann.": Hinzufügung am Rand.
  • "23": überschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • "… und schlug Ihren Artikel auf.": Artikel Rochlitz im Brockhaus-Conversations-Lexicon, 2.(-4.) Auflage, Bd. 8, Altenburg und Leipzig 1817, S. 358f. Vgl. dazu auch Weberiana 17, S. 43f.
  • "… eben so kurz abgefertigter Artikel,": Artikel Kind im Brockhaus Conversations-Lexicon, 4. Auflage, Bd. 5, Altenburg und Leipzig 1817, S. 342f. vgl. dazu auch Weberiana 17, S. 44f.
  • "… auch zum Jubiläum beschäftigt werden.": 50jähriges Regierungsjubiläum des Königs am 20. September 1818. Weber komponierte zu diesem Anlass die Jubel-Kantate, die Jubelouvertüre und die Musik zu „Liebe um Liebe“ von Karl August Rublack-
  • "… bey Ihren lieben Kindern ?": Mit dem „alten Sonderling“ meint Weber eine Sammlung von Erzählungen von Rochlitz: Der erste Zyklus daraus („Aus den Papieren eines alten Müßiggängers“) war bereits 1817 im Frauenzimmer Almanach zum Nutzen und Vergnügen für das Jahr 1818, Leipzig [1817] erschienen; die Fortsetzung gab Rochlitz im nächsten Jahrgang (für das Jahr 1819, erschienen 1818) unter dem Titel „Aus dem Tagebuche eines alten Müßiggängers“ heraus. Die erwähnte Lesung bei der Familie Gutschmidt ist wohl mit Webers Tagebuch-Notiz vom 18. Mai 1818 in Verbindung zu bringen.

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