Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
Wien, Sonntag, 28. September bis Montag, 29. September 1823 (Nr. 6)

An die Hochwohlgebohrne

Freyfrau Carolina von Weber

zu

Dresden.

Schönen guten Morgen, meine vielgeliebte Weibe. hast du gut geschlafen, und der kleine Unruh dich einmal nicht gequält? Ich bin denn natürlich alle Abend liederlich, da das Theater erst um 10 Uhr aus ist, und man nur ein Supperl verschlukken darf, so ist es ½ 12. demohngeachtet bin ich um 7 Uhr von der Matrazze -- aus den Federn kann ich ja nicht sagen -- und ordne mein Tagebuch, und was den Tag über geschehen soll, und plaudre mit der Mukkin, das ist die Hauptsache. Als ich Vorgestern Freytag, d: 26t meinen Brief an dich geschloßen hatte, ging ich zum Schwan, zum Mittageßen, was gewöhnlich erst gegen 3 Uhr geschieht. trug dann Brieferl auf die Post und gieng mit Buch und Parthie der Euryanthe zur Sonntag. las es vor und sang es vor. Mutter und Tochter waren wirklich äußerst ergriffen. es fehlte nicht an Thränen und Feuer. ich hoffe das wird gut werden. auch mich närrischen Esel, der doch das Ding gemacht hat, rührte es aufs neue, und ich war recht müde wie ich in die Oper kam, / Cenerentola / da ich von 5-8 Uhr mich abgeredet und gesungen hatte. Die Cenerentola war wieder vortrefflich von Lablache, Dandini, und Ambrogi, Baron. Die Rubini Gomelli, ist ein etwas dikkes fettes Aschenbrödel, singt aber auch brav, obwohl es neben diesen Trefflichen, verschwindet. darauf trank ich ein warm Bier, und ging in Bett. Sonntags grüßen bestens, sie wollen auch wieder fort, da die Mutter gar nicht beschäftigt wird. Das habe ich ihr in Prag voraus gesagt.

Gestern früh nun, habe ich erst ordentlich ausgepakt und meine Sachen geordnet. ich habe ein himlisches Ouartier*. Die Aussicht über die ganze Bastei, die Wieden, die Wien pp vor mir liegen, man kann kein schöneres Panorama haben. Abends erscheint es wie eine feenhafte Beleuchtung. Benedikt, der sich empfiehlt ist ganz außer sich, und kann die Contenançe gar nicht wieder finden. ich bewege mich sehr behaglich in der großen Stadt, denn ich kann ich nicht läugnen, daß ein so großartiges Treiben mir angebohren ist, und ich mir darin wie der Fisch in seinem Elemente vorkomme. dann kam Schwarz, und wir traten die Reise zu der Schröder an. die wird ganz schlank und verjüngt. wohnt sehr schön, hat einen Garten am Hause, wo wir die Trauben vom Geländer aßen. Die Geschichten mit Daffinger sind nicht wahr, sie lebt jezt ein wahres Klosterleben. -- sagt man.

d: 29t Früh. bin Gestern durch Besuche gestört worden, und heute soll dieser auf die Post, ich fahre daher in meinem Tagebuche fort. Mittags d. 27t war ich bei Grünbaums, wo auch Wilhelmis und der alte Papa Müller war. du kannst denken daß da viel von dir gesprochen wurde und die alten Prager Zeiten hevorgesucht. nach Tisch kam ein klein 10 Monat altes Mädchen von Wilhelmi. Sie schrie, und ich allein konnte sie wieder beruhigen,ich mußte sie nemmen, und an wen ich da dachte, weißt du wohl, und daß ich sie also herzte und hätschelte. ach meine gute Mäzze, kann ich dich nur erst wieder auf meinen Schooß heben. Nun ist er schon 17 Monate alt, und wird 1 ½ Jahr sein, ehe ich ihn wieder sehe. da ist er schon ein alter Herr, und wird mir wohl entgegen reiten? -- Geduld, Geduld! -- Von da gieng ich über die Leopoldstadt wo sie den WaldGeist und den Barbier gaben, ein schlechtes Ding wo ich Langeweile hatte. dann wurde die erste Versammlung wieder in der Ludlams HöhleT gehalten, so eine Art von Liederkreis, aber ohne Vorlesen und mit solidem Eßen. wo Kastelli, Schwarz, Lembert, Mailath, Saphir pp. sich treffen. das dauerte bis ½ 1 Uhr, besonders auch weil der Maultrommel Virtuose Koch spielte, was recht artig war. Gestern nun, Sonntags. bin ich den ganzen Vormittag von Gegenbesuchen geplagt gewesen. habe Mittags bei Holtei gegeßen, und bin dann mit ihm, seiner Frau und dem Dichter Seidl nach Präzelsdorf* gefahren, wo ein schöner Garten mit herrlicher Aussicht über Wien ist, das Wetter war und ist ganz prächtig, so warm wie im Sommer, du wirst wohl auch fleißig auf die Brühlsche gehen? Holteis werden wohl in Dresden gastiren, und ich will dir sie hiemit im voraus empfohlen haben. Ihn kennst du ja schon, und sie ist ein nettes munteres hübsches Weibchen, die recht brav spielen soll, und hier recht gefallen hat. dann gieng ich in die lezte ital. Oper*. Donna del lago. der rasende Aplaus des Publikums war wirklich eine Komödie in der Komödie. So oft ein Italiener den Fuß herausstrekte wurde er empfangen, und nach jedem Abgange 3 - 4 mal hervorgerufen. am Ende natürlich mehreremal Alle. dabei war es aber nicht sehr voll. Die armen Sänger mußten nun nach der Vorstellung abreisen, um in 10 Tagen in Neapel zu sein. Die Sonntag war allerliebst als Donna del lago. die ist jugendlich frisch, und die Geläufigkeit bedeutend. im Spiel schien sie etwas kalt zu sein, die Mutter schob es aber auf die fremde Sprache, in der sie sich doch unbequem bewege.

Mittags.

Nach abermaligen Stöhrungen mußte ich ausgehen, lief da auch zu Steiner, und siehe da, die faule Mukkin hat wieder nicht geschrieben. ich sollte also auch es wie sie machen und nur die 2 Hauptposttage halten, denn zu schreiben weiß ich eigentlich auch nichts, aber ich bin nun einmal so ein gutes Thier, und weiß auch daß jeder Brief doch wieder ein kleiner Trost ist für die Weibe, also will ich in Gottesnahmen ihn fortschikken. Einestheils kann ich aber froh sein daß du nicht öfter schreibst, denn das wolltest Du ja nur thun wenn was Extras paßirte. Nun liebe ich aber das Extrae nicht, /: ausgenommen dich : / es müßte denn ein Großkreuz eines Ordens, oder gar ein Bakenzahn von Mazi sein, das wäre was anders.

Also lebt wohl und fröhlich wozu ich Gottes Seegen täglich erflehe + + +. Grüße meinen lieben Roth und die Fräuleins herzlichst, und behalte lieb, deinen dich über alles liebenden alten Bären
  Muh!      
[im Kußsymbol]: Millionen
Bußen für
Mutter und Kind

Ist noch nichts wegen Gänsbacher entschieden?T

Apparat

Zusammenfassung

hat mit Mutter u. Tochter Sontag Euryanthe besprochen; Besuch der Cenerentola; über sein neues Quartier; Besuch bei der Schröder; 29.: Besuch bei Grünbaums, über die Versammlung der Ludlams-Höhle; Besuch bei Holtei, der in Dresden gastieren wolle; letzte ital. Auff.; Besuch bei Steiner; Privates;

Incipit

Schönen guten Morgen, meine vielgeliebte Weibe

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Mus.ep. Weber, C. M. v. 165

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)
  • Siegelspur und -loch
  • PSt: WIEN
Weitere Textquellen
  • Reisebriefe, S. 23–26;
  • Worbs 1982, S. 106–109;

Textkonstitution

  • "ich": überschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • "… ich habe ein himlisches Ouartier": Weber war laut Tagebuch am 26. September aus dem Hotel „Ungarische Krone“ (Himmelpfortgasse, Haus Nr. 961, heute Nr. 14) umgezogen in das Haus Nr. 1038 (später Kärntnerstr. 42) kurz vor dem Kärntnertor, direkt neben dem Kärntnertortheater.
  • "… dem Dichter Seidl nach Präzelsdorf": gemeint ist Petzelsdorf (Pötzleinsdorf) (Adolf Schmidt: Wien’s Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise. Nach eigenen Wanderungen geschildert, Bd. 1, Wien 1835, S. 86)
  • "… in die lezte ital. Oper": Die italienische Stagione am Kärntnertortheater dauerte 1823 vom 14. April bis 28. September; vgl. den Bericht zur Abschiedsvorstellung mit Rossinis Donna del Lago in: Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens, hg. von Adolf Bäuerle, Wien, Jg. 16, Nr. 123 (14. Oktober 1823), S. 490.

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