Carl Maria von Weber an Johann Friedrich Rochlitz
Dresden, Mittwoch, 7. Januar 1824

Warum sollte ich es dem vielfach erprobten treuen Freunde nicht gestehen? Ja, leider fühle ich mich verletzt, erbittert -- und kann mir doch selbst nicht recht sagen warum, zähle ich mir das viel Gute und Liebe vor, was ich erfahren, erinnere ich mich selbst daran, daß ich von Anfang an vorhersah, daß alles so kommen würde, so kommen mußte. Die Erwartungen waren so unmäßig gespannt auf etwas nie Erhörtes, blitzblau hinaus Leuchtendes, ganz Apartes, daß meine unverständigen Freunde wirklich meinen Feinden die Hand reichten. Die Ersteren forderten, die Euryanthe sollte -- ganz gegen ihre Natur und Intention -- ebenso volkstümlich sein als der Freischütz, und die Letzteren halfen sich mit dem schönen Satze: ja, seht ihr, das ist doch kein Freischütz.

Mit Schmerzen sieht man sich nun in solchen Fällen auch in jener Schwäche befangen, die man so oft an anderen mißbilligt, und dies ist eigentlich mir das Kränkendste an der Sache, daß ich mich darauf ertappe. Kann denn der Künstler mehr tun, als ehrlich seiner Überzeugung folgen und der Welt und Zeit das Richteramt überlassen? Habe ich nicht vor dem Freischütz fest geglaubt, er würde kein Glück machen? Hat mich bei seinem unerhörten Erfolg der Hochmutsteufel gekitzelt? Nein, gewiß nicht. Nun warum bin ich denn also jetzt unruhig, nachdem ich das Beste nach Überzeugung getan, das Wenigste ebenfalls gehofft habe? Ja, da sitzt’s! Da schlägt das empfindliche Fleckchen durch, das wir alle haben, und das sich nicht nennen läßt, sondern nur verstehen, wenn man es selbst hat.

Wie wohltuend, ermutigend und beruhigend ist es nun aber, wenn ein lieber Freund, dessen Urteil in der Schale so hochwichtigen Ausschlag gibt, einem treu die Hand entgegenstreckt und spricht, wie Sie, mein vielgeliebter Freund sprechen: so durch und durch vertraut mit der Sache und ihrer Stellung, so herzlich beruhigend, so ferne von allem, was wie Schmeichelei aussieht. Haben Sie innigen, tiefgefühlten Dank dafür. Ich will Ihnen folgen, Sie sollen mein treuer Alliierter gegen mich selbst sein, und hilft etwas, so ist es dieses gewiß.

Im ersten Akt habe ich in der Szene zwischen den beiden Frauen gekürzt und zusammengezogen, im 2t und 3t nur Weniges, aber Nützliches. Ihre Vielleichts sind mir sehr wichtig. Mich selbst überbieten habe ich wahrlich nicht wollen. Ich habe nichts gesucht. Der Gegenstand selbst gab mir, was mir notwendig schien. Ist es anders, habe ich’s freilich dumm gemacht. Was den Zeigefinger betrifft, möchte ich wohl alles verteidigen können; und lieb wäre mir, von Ihnen ausführlicheren Tadel zu hören. Der Chezy ihrem Gedicht ist man viel zu nahe getreten; dagegen hat sie sich gegen mich ganz verachtungswürdig benommen. Das klingt hart, ich kann es aber beweisen, und wir sprechen wohl einmal mündlich davon. Die hiesige Aufführung kann nun vor der Niederkunft der Devrient nicht stattfinden. In Berlin soll erst Spontinis Alcidor auf die Bretter. Dort wird’s der feindlichen Stimmen viele geben. Nun, es fehlt mir nicht an Gelegenheit, an meinen Wahlspruch zu denken und ihn fest im Herzen und Auge zu behalten.

Jetzt zu den Erfreulicheren, zu Ihren neuen Werken! Wie begierig bin ich darauf! Welchen Nutzen wird es verbreiten! Prinz Friedrich wird es sicher durch mich kennen lernen. Ich sehe ihn oft in unseren kleinen Abendmusiken und habe jederzeit die Freude, seinen reinen Blick und Gefühl da entfaltet zu sehen. Ich nehme mir dann da wohl auch die Gelegenheit, mit achtender Offenheit so manches zu berühren, was wohl sonst schwerlich so ungeschminkt an sein Ohr dränge. Miltiz ist Obersthofmeister bei Prinz Johann geworden, und so gestalten sich denn alle Aussichten erfreulich.

Unendlich beruhigend ist mir, was Sie von Ihrer Geistesheiterkeit sagen; erhört der Himmel die heiße Bitte eines treuen Freundes, so erhält er sie Ihnen, zu Ihrem, der Kunst und Ihrer Freunde Heil! Ich bin unglaublich angespannt, da Morlachi in Venedig und Schubert ohne Hoffnung der Besserung seit 2 Monaten krank liegt. Dabei ist es wirklich zu verwundern, daß ich mich so aufrecht erhalte. Im Mai gedenke ich aber an den Rhein zu gehen und dann nach dem Marienbade. Was haben Sie vor? Führt uns nicht einmal etwas ungestört zusammen? Ich komme dann zwar durch Leipzig, aber was ist so ein Tag, der sich zersplittert.

Die herzlichsten Grüße von meiner Frau und von uns beiden die besten Wünsche zum Jahreswechsel. Von mir aber die Bitte lieb zu behalten Ihren
Weber.

Apparat

Zusammenfassung

gesteht seine Verbitterung über die Reaktionen auf Euryanthe, etwa deren Vergleich mit dem Freischütz, die unrealistische Erwartungshaltung der Zeitgenossen; erwähnt vorgenommene Kürzungen; Dresdner Aufführung sei nicht vor Niederkunft der Devrient möglich, in Berlin solle erst Alcidor aufgeführt werden; lobt Werke von Rochlitz; eigene Arbeitsbelastung durch Ausfall der Kollegen, Pläne für den Sommer, Hoffnung auf ein Wiedersehen, Wünsche zum Jahreswechsel;

Incipit

Warum sollte ich es dem vielfach erprobten treuen Freunde

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

In Privatbesitz

Überlieferung

  • Henrici Kat. 114 (6./7. Dez. 1926), Nr. 595 (= Heyer I)
  • Boerner, C.G., Auktions-Kat. 104 (3.-6. Mai 1911), Nr. 1201; (3 S., eng beschrieben)
Weitere Textquellen
  • Kinsky, Georg: "Ungedruckte Briefe Carl Maria v. Webers" in: Zeitschrift für Musik, 93. Jg., Heft 9 (September 1926), S. 485–486;

Textzeuge

Kinsky, Georg: "Ungedruckte Briefe Carl Maria v. Webers" in: Zeitschrift für Musik, 93. Jg., Heft 9 (September 1926), S. 485–486;

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