Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
Ems, Samstag, 16. und Sonntag, 17. Juli 1825 (Folge 1, Nr. 7)

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An die Hochwohlgebohrene

Freyfrau Carolina von Weber.

im Koselschen GartenT.

zu

Dresden.

Laß Dich begrüßen mein geliebtes Leben, aus Ems. endlich bin ich glüklich und gesund mit den Meinigen Gestern Vormittag um 11 Uhr angekommen, und sizze hier in einem kleinen kleinen Stübchen, Parterre, am Garten, meine Bäder dicht neben an, in den 4 Thürmen, recht gut. d: 13t wo ich Dir zulezt schrieb, aßen wir, Gottfrieds und ich, fröhlich zusammen, wo Deiner und der Buben Gesundheit nicht vergeßen wurde.      Nachmittags sahen wir die herrliche Ariadne von Danneker*, und Abends den Othello, den Wild wirklich vortrefflich sang und ziemlich spielte.      Nach dem Soupér fuhren Webers nach Darmstadt, und ich pakte ein.      d: 14t früh 1/2 7 Uhr gings nach Wisbaden, wo ich Mittag blieb, Häser aus Stuttgart fand, und viele andere Bekannte.      Abends bis Schwalbach. auch ein Bad von schöner Laage; und endlich gestern d: 15t um 5 Uhr fort und um 11 Uhr hier.

Da fand ich denn gleich mehr Bekannte als mir lieb war. Bei Tische war es lustig mit an zu sehen, wie so einer dem andern ins Ohr raunte daß ich da sey, wie die Musik den Freyschützen verarbeitete, und endlich einige Enthusiasten meine Gesundheit ausbrachten, wodurch mein Bischen incognito vollends verlohren gieng. Das thut mir sehr leid, denn ich hatte großen Spaß in den Gesprächen über mich gehabt, die in meiner Nähe über mich geführt wurden, und in die man mich zum Theil verwikkelte.

In Wisbaden aber hatte ich wirklich eine rührende Szene der Art.      Es saß ein Dr. Horn neben mir, ein höchst gebildeter Mann und großer Musikfreund. Nachdem wir über Litteratur und viele Dinge recht intereßante Gespräche geführt hatten, und er bemerkte, daß ich aus Sachsen sei, und er früher in Leipzig studirt hatte, so frug er mich nach 1000 Dingen, Böttger pp. Die Tafel Musik brachte dann endlich auch das Gespräch auf den Freyschützen pp ich wich aufs Künstlichste allen Fragen die mich hätten verrathen können aus, bis denn endlich der Mann, ganz erstaunt mich in Allem so zu Hause zu wißen nach meinem Namen frug; nun, das ist ein ehrlicher Name, und ich konnte also nicht verschweigen daß ich Weber hieße. Weber? rief er, ganz gespannt, Gottfried W:? Nein! sagte ich; also aus Berlin? — der ist lange todt. also — mit einer Pause wie Jemand dem ein freudiger Schrek den Athem verhält, — doch nicht — Carl Maria v. W: sagte ich ganz ruhig in dem ich mir einschenkte. — Da hättest Du sehen sollen wie der Mann, wie vom Donner gerührt 5 Minuten unbeweglich still und starr saß, und endlich indem ihm die Augen feucht wurden, ganz andächtig stille sprach, — Was hat mich Gott für ein Glük erleben lassen. — Du weißt liebe Lina, daß die größten diksten Weyrauch Wolken weder meine Nase kitzeln noch meine Sinne affiziren . aber hier, ich gestehe es, mußte ich dem Schöpfer innig ergeben danken, daß er mir Macht gegeben, so tief eines guten Menschen Herz zu ergreiffen, und daß wohl kein beßerer Lohn mir je wieder geboten werden wird. |

Johann hatte angespannt. — ich mußte fort, und wir schieden beide mit dem schönsten Eindruk den der Himmel geben kann. — — — —

Piattis haben mich hier gar herzlich empfangen*.      Meine Wirthin die erst gar nicht Lust hatte mich aufzunehmen, hätte lieber alle Menschen zum Hause hinausgeworfen wie sie hörte wen sie beherberge.      Wie innig wünsche ich dich da an meine Seite, Du würdest manchen Genuß haben, von komischer und schöner Gattung.      Gestern Abend hatte ich schon ein Ständchen. H. Dr: Vogeler giebt mir die besten Hoffnungen. Heute früh habe ich schon mit 3 Bechern angefangen. Da komt auch wieder ein hübscher Becher mit.      Aber theuer ist es — — na! ich darf gar nicht daran denken so stehen mir die Haar gen Berg.      Sonst hielt ich immer die Xer Länder für so wohlfeil, aber auf dieser Reise werde ich eines anderen belehrt.

Der Prinz Friedrich von Preußen hat sogleich mich ihm vorstellen laßen, und war ungemein freundlich. erzählte mir auch daß hoffentlich Spontini nicht wiederkomme, da er alles in Berlin verkauft habe, und seine Frau äußerte, ihr Mann fange an sich in Berlin zu ennuyieren. —

Hoffentlich komt Morgen ein Brieferl von Dir. Heute und Gestern habe ich vergeblich darnach gefragt.      Wie lange ich hier bleiben werde, kann sich erst nach ein paar Wochen entscheiden.      In Frankfurt wollen sie durchaus bei meiner Rükreise Euryanthe geben.      Morgen komt der Kronprinz /: und Frau :/ von Preußen hier an.      Es ist erstaunt lebendig und gesellig. Das Eßen sehr gut.      Das Wetter herrlich. — was will ich mehr.

und nun ade für heute. ich küße Mutter und Buben herzlichst.
Gott segne Euch! — seid brav, sonst seztes Haue und in Bett.
ade! ade! ade!

d: 17t 11 Uhr.

Nachdem ich gut geschlafen, heute Morgen aber wieder recht krampfig hustete, welches sich sogleich beim Brunnen trinken legte, dann um 8 Uhr Meße gehört*, und 3 Taßen Kaffee nebst 2 Hörnerln verspeißt hatte, kam Dein lieber No: 3 vom 9t und 11t aus dem zu meiner unendlichen Beruhigung und Freude ein recht heiterer Geist spricht. Habe herzlich gelacht über das schöne freundliche Gesicht, und Deine Neuigkeiten gleich allen Dresdnern mitgetheilt. Nun ist mir aber gewaltig bange vor Deinem nächsten Briefe, denn da wirst Du meine Weymarsche Speyerey* erfahren und nicht eher ruhig werden, bis der Bruder Gelnhauser ankomt.      7 Tage geht ein Brief hieher. eine lange Zeit.      Rolla hat schon lange einen Pik auf M: Nun, untereinander mögen sie sich auffreßen bis auf — — wenn sie nur mich ungeschoren laßen.      Der alte Seconda hat es also nicht erwarten können — | schade um das Mädchen wenn ihr Talent nicht gehörig reif werden kann*. Beral ist also nicht gekommen. — Meinen Sattler Boße hätte ich sehen mögen mit H: Lütgen:

O Du heilloser Schelm; mit Deinem nur!! wie schlecht deklamirt doch die Boßheit. hast Du das bei mir nicht beßer gelernt?

Der alte Hempel und Blumenfeld haben mich überrascht, besonders aber lezterer.

Mein guter Maxel! küße ihn recht herzlich von mir! und wie ich mich freue, daß er brav sei.      Mit Deiner Ahndung d: 10t Abends hast Du Dich wieder blamirt, da war ich in Fulda ganz fidel mit Varnhagens.

Ja eßet Pillen nur

das ist die beste Kur*. — heißt es bei Dir.      Ich schreibe Dir ganz ordentlich wie es mir geht. Der Husten war ganz weg, seit ein paar Tagen aber ist er wieder da, in seiner alten Art, Morgens. hoffentlich sind das seine lezten Anstrengungen wenn er das Feld räumen muß. — so eben hat mir Dr: Vogeler eine kleine Fontanelle auf der Brust applizirt.      Die Flechte auf dem Rükken ist noch da; die auf der Brust aber nicht wied: gekommen. Den warmen Keßelbrunnen* trinke ich mit Ziegenmilch. schmekt wohlthätig und lindernd.      Also Lex wird bald No: 2* haben? ist er gar nicht krank dabey? Das ist doch ein großes Glük. Es beruhigt mich sehr daß die Mädchen dir keinen Verdruß machen. Laß die Unverträglichkeit der Lene nur gar nicht Wurzel faßen und sei darin streng.      An meinen guten Roth, Kellers pp alles herzliche.      Nun muß ich putze putze machen, und mich anziehen. heute wird es schreklich voll werden hier.

Brennende Holzstöße auf den Bergen, ein E mit 1000 Lampen pp sind parat*.

Gott segne Euch ihr Lieben + + +. ich küße Euch von Grund des Herzens. bleibt Gesund und brav, und behaltet lieb Euren nur Euch in der Welt liebenden treuen Vater Carl. [im Kuss-Symbol:] Millionen
gute Buße.

Apparat

Zusammenfassung

beschreibt sein Zusammentreffen mit Dr. Horn in Wiesbaden, dem er sich erst nach und nach zu erkennen gab, erste Eindrücke von Ems, Wirtin, Arzt, Behandlung, berühmte Gäste, kann nicht incognito bleiben

Incipit

Laß dich begrüßen mein geliebtes Leben

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus. ep. C. M. v. Weber 190

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
    • Siegelloch

    Provenienz

    • Weber-Familiennachlass

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • / tV: MMW II, S. 608–609
    • Joachim Veit, Eveline Bartlitz und Dagmar Beck (Hg.), „...die Hoffnung muß das Beste thun.“ Die Emser Briefe Carl Maria von Webers an seine Frau, München 2003, S. 51-53 (mit Faks.)

Textkonstitution

  • „und“über der Zeile hinzugefügt
  • „mir“unsichere Lesung
  • Lütgen:unsichere Lesung

Einzelstellenerläuterung

  • „… die herrliche Ariadne von Danneker“Danneckers Marmor-Statue der Ariadne auf einem Panther (1803), war 1816 durch Simon Moritz von Bethmann erworben worden und wurde im sogenannten Odeon präsentiert (heute, nach kriegsbedingter Beschädigung restauriert, im Liebighaus, Frankfurt/Main).
  • „… mich hier gar herzlich empfangen“Das Ehepaar logierte laut Kurliste (1825, u. a. Nr. 8 vom 3. bis 9. Juli, S. 77) im Nassauer Hof.
  • „… um 8 Uhr Meße gehört“In der katholischen Martins-Kirche „auf dem Spieß“.
  • „… wirst Du meine Weymarsche Speyerey“Krankheitsschub auf der Hinreise nach Ems laut Tagebuch am 6./7. Juli 1825.
  • „… nicht gehörig reif werden kann“Die 21jährige Sophie Seconda hatte am 9. Juli am Dresdner Hoftheater als Gast ohne Erfolg die Agathe im Freischütz gegeben; vgl. u. a. die Berichte im Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 19, Nr. 190 (10. August 1825), S.760 und in der AmZ, Jg. 27, Nr. 42 (19. Oktober 1825), Sp. 701.
  • „… das ist die beste Kur“Im Dorfbarbier (3. Szene) heißt es richtig: „O esset Schinken nur, | Das ist die beste Kur.“
  • „… wied: gekommen. Den warmen Keßelbrunnen“Gemeint ist das Heilwasser aus dem Kesselbrunnen im Zentrum des Kurhauses.
  • „… Lex wird bald No: 2“Gemeint: den zweiten Zahn.
  • „… 1000 Lampen pp sind parat“Zum Empfang des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 17. Juli 1825; vgl. die Beschreibung im Brief vom 19./20. Juli 1825.

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