Über das schweizerische Musikfest zu Schaffhausen 1811

Correspondenz-Nachrichten.

Nachdem ich einige sehr angenehme Tage bey dem Baron Hoggier auf dem Wolfsberg zugebracht, und mich an der einzig schönen Aussicht auf den Bodensee mit seinen freundlichen Umgebungen, die ich als einen schönen Vor-Geschmack auf die mich in der Schweiz erwartenden Genüsse ansah – gelabt hatte, kam ich den 19. August in Schaffhausen an. Das Zuströmen der Menschen von allen Seiten war so groß, daß, obwohl ich die Vorsicht gebraucht hatte, ein Quartier zu bestellen, ich doch nur in einem Nebenhause des Gasthofes zur Krone, untergebracht werden konnte. Der Grund dieses hier unerhörten Lebens und Webens ist aber auch in der That so einzig in seiner Art, daß er verdient, Freunde aus allen Gegenden herbey zu locken. Die große Schweizerische Musikgesellschaft hatte für dieses Jahr Schaffhausen zu ihrem Sammelplatz erwählt, um da mit vereinten Kräften die Aufführung einiger Meisterwerke zu veranstalten. Ich muß gestehen, daß das Ganze meine Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich zog: der kühne einzige Gedanke, alle Musikfreunde und Ausüber eines Landes aus allen Teilen desselben, zu einer bestimmten Zeit in einer jährlich neu zu wählenden Stadt zu versammeln, und hier an der Aufführung eines großen Werkes sich gegenseitig zu erfreuen, zu belehren, und Proben der während dieser Zeit gethanen Fortschritte abzulegen, konnte nur von Herzen und Männern geboten werden, die mit warmer Liebe für die Kunst und dem vollendetsten Eifer für sie, auch Einigkeit genug besitzen, keine Aufopferung zu scheuen, um zum Wohl des Ganzen zu wirken. Jeder ist verbunden, auf seine Kosten zu reisen, nur in der Stadt selbst ist ein Ein-Quartirungs-Bureau errichtet, von dem er die Weisung erhält, in welchem Privat-Hause er Wohnen könne; und freudig wird jeder solcher Gast von dem Hausherrn empfangen. Auf die Ausführung selbst war ich sehr begierig. Leute, die sich nicht kennen, ein Direktor, der nur Wenige ihren Fähigkeiten gemäß kennt, und daher auch dem Zufall überlassen muß, ob die Würdigsten an den wichtigsten Stellen stehen etc., und zu alle dem, um die Kosten für die Mitglieder nicht zu bedeutend zu machen, nur eine einzige Probe – wahrhaftig, wenn ich alles dieß zusammen rechnete, schien mir ein trauriges Facit zu resultiren.

Desto angenehmer wurde ich vom Gegentheile überrascht, und ich muß gestehen, daß ich nie geglaubt hätte, daß nach allen dem, was ich voraus geschickt habe, ein solches Ensemble zu Stande zu bringen wäre. Hrn. Dollmann aus Mannheim, gegenwärtig Musikdirektor in Basel, gebührt vor Allem ein ausgezeichnetes Lob wegen seiner fleißigen und feurigen Leitung des Ganzen. Nächst ihm verdienen Mad. Egli, eine schätzbare Dilettantin aus Winterthur (die vor Kurzem noch in München sich aufhielt, und dort zu ihrem Vortheil den Unterricht der Mad. Harlas genoß) und Mad. Egloff, aus Schaffhausen selbst, rühmlichst genannt zu werden. Die Chöre waren sehr brav besetzt, und vom Hrn. Musikdirektor Auberlen in Schaffhausen den anwesenden Liebhabern fleißig einstudirt. Es mochten etwas über 100 Sänger und circa 130 Instrumentisten seyn. Manche waren wegen der Entlegenheit der Stadt von ihren Wohnorten abgehalten worden. Das große Conzert ging den 22. August vor sich. Gegeben wurde die Simph. aus C-Dur von Beethoven, ¦ und Himmels Vater Unser im 1sten Theil; im 2ten der Frühling und Sommer aus den Jahrszeiten von Hayden, und das herrliche Gloria aus C-Dur aus Abbé Voglers Messe aus C-moll. Den Tag darauf war wieder ein Conzert, in welchem einzelne Liebhaber in Arien etc. etc. auftraten und das sich sehr gut zur Aufmunterung für keimende Talente eignet. Im ersten Conzert waren gewiß über 1500 Zuhörer, im zweyten bedeutend weniger, weil viele Fremde wieder wegeilten. Das Lokale selbst, (wenn ich mich recht erinnere die Kreuzkirche) war nicht sehr günstig für Musik, indem sie sehr nachhallte, welches den ersten Tag durch die große Anzahl Zuhörer gemildert, aber den zweyten Tag desto merkbarer wurde, besonders da Conzerte etc. etc. sich nicht für ein so großes Lokale eignen, in dem nur Musikstücke von großen Massen Effekt machen.

Daß die Musikgesellschaft mir gleich nach ihrer ersten Sitzung die Ehre anthat mich zu ihrem außerordentlichen Ehrenmitgliede zu ernennen, sey Ihnen nebenher gesagt; mich aber interessirte es besonders auch dadurch, daß ich Gelegenheit hatte, Ihren Sitzungen beyzuwohnen. Zum Präsidenten für künftiges Jahr wurde durch absolute Stimmenmehrheit neuerdings W.Nägeli, als Verleger, musikalischer Schriftsteller und Componist gleich der musikalischen Welt bekannt, – erwählt; so wie auch Zürich zum Versammlungs Ort für künftiges Jahr erwählt. Ich bedaure, daß mir der Raum nicht gestattet, Ihnen etwas ausführlicheres über die Verfassung der Gesellschaft zu schreiben. Gewiß ist es, daß dieser Verein die wohltätigsten Folgen für die Erhebung des Kunstsinns im Allgemeinen haben muß.

Daß es nebenher an Vergnügungen aller Art nicht fehlte, können Sie denken. Die Stadt Schaf[f]hausen that Alles, um die sie besuchende Gesellschaft zu erfreuen. Besonders zeichnete sich darin die geschlossene Gesellschaft im Fäsen Staub aus. Bälle, Feuerwerk, Illumination, Alles drängte sich, und herzlich ergriffen mußte jeder von dem freundschaftlichen, fröhlichen Tone werden, der sich bey den Mahlzeiten der Musikgesellschaft, so kräftig und bieder äusserte. National Lieder von dem ehemaligen Präsidenten Häflinger, dem eigentlichen Stifter der Gesellschaft, und Hebel in schweizerischem Dialekt wurden gesungen etc. etc. und froh trennte sich jedes Mitglied von dem andern, in der Hoffnung, sich das nächste Jahr froh wieder zu sehen. Auch ich verließ Schaf[f]hausen den 24. und gab im Winterthur und Zürich Conzerte zur Zufriedenheit des Publikums, bestieg den Rigi, labte mich an dem Ueber-Blick von 13 Seen, und bin nun hier in Solothurn, um bald meinen Stab weiter in das Berner Oberland, oder nach Genf fortzusetzen.

Carl Maria v. Weber.

Apparat

Zusammenfassung

namentlich unterzeichnete Besprechung des Musikfestes, das Weber während seines Schweiz-Aufenthaltes besuchte; die Schweizerische Musikgesellschaft verleiht ihm die Ehrenmitgliedschaft

Generalvermerk

Entstehung

11. September 1811

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Solveig Schreiter

Überlieferung

  1. Gesellschaftsblatt für gebildete Stände, Jg. 1, Nr. 75 (21. September 1811), Sp. 607–608

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Kaiser (Schriften), S. 23–27 (Nr. 33)

Textkonstitution

  • „Häflinger“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • W.recte „H. G.“.

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