Aufführungsbesprechung Dresden: April 1818, u. a. Erwähnung und Besprechung der Musikalischen Akademien von Franz Conradi am 3. April 1818 und Eugenie von Biedenfeld

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Korrespondenz-Nachrichten.

(Beschluß.)

Endlich sahen wir in diesem Monate im deutschen Hoftheater wieder einmal ein Schiller’sches Stück, nämlich Wilhelm Tell*. Voraus überzeugt, daß bey der übergroßen Masse von Rollen, die es enthält, die Besetzung desselben großen Schwierigkeiten unterworfen sey, hätten wir uns weit mehr auf ein anderes Kunstwerk dieses Meisters gefreut, und leider fanden wir unsre Besorgniß bestätigt. Den Anfang des Stücks, wo die treffliche Weber’sche Musik eintritt, und die Scene bey Tells Schuß nach dem Apfel abgerechnet, traten in meist alle andern störende Nebenpersonen ein, und zerrissen das Ganze. Dieß war besonders der Fall bey dem Tagen auf dem Ritli. Man sah das fleißige Bestreben der Regie in der Anordnung, aber die Ausführung leistete keine Genüge. So wollten auch hie und da die Dekorationen zu wenig zu Schweizer-Gegenden passen. Dagegen leistete in der Hauptrolle des Tell Herr Hellwig ungemein vieles Gute, und verdiente nicht nur den Beyfall, der ihm zu Theil ward, sondern hätte ihn in dem Monologe im vierten Akt noch weit mehr verdient. Auch Hr. Julius als Rudenz war lobenswerth. Hr. Kanow übertrieb leider als Melchthal, und Hr. Schirmer als Walter Fürst that seiner Rolle keine Genüge. Auch mit den Frauen waren wir nicht zufrieden, Schweizerinnen waren sie wenigstens nicht.

Das vorzüglichste Glück in diesem Monate machte die Familie Anglade, Schauspiel nach dem Französischen von Th. Hell*. Das Stück ist von der französischen Bühne her sehr bekannt, hat aber unter den Händen des Bearbeiters, durch Abkürzungen wie durch Zusätze, sehr gewonnen, und ist in recht fließendem Dialog – eine eben nicht so häufige Sache – übergetragen. Schon dadurch würde es angesprochen haben. Alle Schauspieler schien aber ein Feuereifer zu beseelen, durch kräftige Haltung der Charaktere und rasches, gediegenes Spiel, das Stück noch mehr zu heben. Wir wissen nicht, wen wir zuerst nennen sollen. Der schwierigste Charakter ist ohnstreitig der des Hrn. von Olsan, den Hr. Julius gab, und ihn mit einer furchtbaren Wahrheit darstellte. Neben ihn tritt Leon von Assandray, durch Hrn. Burmeister mit rauher Kälte und dann wieder mit inniger Herzlichkeit dargestellt. Lieblich und voll Gatten- und Mutterliebe erwärmte Frau Schirmer, als Angladens Gattinn, jedes Gemüth, und Frau Hartwig gab als Frau von Cerval besonders im dritten Akt, einen herrlichen Beweis ihrer Kunst. Hr. Hellwig als Anglade, in ruhiger, edler Haltung, Hr. Metzner als treuherziger Gärtner und Hr. Geyer als verschmitzter Bedienter verdienten die Auszeichnung, die ihnen zu Theil ward. Bey dieser gelungenen Darstellung schien sich bey der zweyten Vorstellung* dieses Stücks der Beyfall nur noch ¦ zu vermehren, und es dürfte sich längere Zeit auf dem Repertoir erhalten.

Neu war ferner, der Schiffskapitain, Lustspiel in drey Akten nach dem Französischen des Theaulon vom Freyherr v. Biedenfeld*. Eine recht gut gespielte Kleinigkeit, die nicht ohne Beyfall blieb, und ihn in höherem Grade erhalten haben würde, wenn noch einige allzuderbe Ausdrücke der sonst recht guten Uebertragung vermieden gewesen wären. Frau Schirmer war als Emilie allerliebst.

Außerdem haben wir nichts Neues, wohl aber mit Vergnügen unter andern die Wiederholung des Johann von Paris* gesehen, in welchem die italienische Sängerinn Signora Sandrini die Rolle der Prinzessinn von Navarra übernommen hatte. Zu lebhaft war noch die Erinnerung an den Meistergesang der Frau Grünbaum, die im vorigen Jahre diese Parthie sang, als daß Signora Sandrini, aller lobenswerthen Anstrengung ungeachtet, großen Beyfall hätte davon tragen können. In Troubadour übertraf sich Fräulein Julie Zucker selbst, und ward stürmisch applaudirt. Fährt sie auf diesem Wege fort, so darf die deutsche Oper sich viel von ihr versprechen. Hr. Hellwig gab dießmal den Seneschall, schien uns aber zu wenig Komik in diese Rolle zu legen. Wir sehen ihn auch lieber in Darstellung ernsterer Charaktere, wo er Studium mit Gefühl und den reichsten Naturgaben vereint.

Gern gesehene und brave Vorstellungen waren außerdem noch: die Waise und der Mörder; das Dorf im Gebirge; die drey Wahrzeichen; Vandycks Landleben und die beyden Klingsberg*, dagegen Sorgen ohne Noth, und der Wirrwarr*, worin ein Hr. Schulz nicht eben aufs Beste als Hurlebusch debütirte, wenig ansprachen.

In der italienischen Oper war am 29. April Paolo e Virginia neu. Die Musik ist von Guglielmi, und hat besonders im zweyten Akt sehr gelungene Parthien, wie sie sich denn überhaupt dem mehr idillischen Gange des Ganzen freundlich anschmiegt. Virginia ward von Signora Benelli recht gut gespielt und mit Fleiß gesungen, auch Signora Miksch war als Paul eine angenehme Erscheinung. Die Duetts der beyden Liebenden, und die Arie Virginiens im zweyten Akt wurden lebhaft beklatscht. Man kann sagen, daß die Oper dem kleinen Publikum, das hier die italienische Bühne besucht, gefiel, und dieses wird jetzt immer seltner, ob es schon die Sänger und Sängerinnen nicht an Fleiß fehlen lassen. Die Schiffbruchs-Scene im letzten Akt schien uns nicht gut geordnet zu seyn, sie machte wenigstens durchaus keinen Eindruck.

Das Konzert, das der blinde Virtuos aus München, Paul von Conradi, gab, war sehr besucht, und er leistete auf der Violine wirklich viel. Vorgestern gab Frau v. Biedenfeld, welche unsre Bühne verlässt, zum Abschied eine musikalisch-deklamatorische Akademie im Theater, wo sie ihre Virtuosität als brave Sängerinn nochmals zeigte*. Frau Hartwig trug das Trompeter-Schlößchen von Th. Hell, Hr. Julius die Resignation von Schiller mit Beyfall vor. Eben so Hr. Hellwig den Taucher mit recht braver melodramischer Musik-Begleitung von Fr. Uber, der jetzt Musik-Direktor an der hiesigen Stadtschule zum heil. Kreuz geworden ist. Enthusiastischen Beyfall aber zollte man den Variationen für die Violine, vom Konzertmeister Hrn. Polledro komponirt und gespielt, in denen er aber auch in der That die höchste Meisterschaft auf seinem Instrument bewährte.

Apparat

Zusammenfassung

Übersicht über aktuelle Vorstellungen in Dresden (sowohl Schauspiel als auch Oper); weiterhin eine Erwähnung des Konzerts von Franz Conradi am 3. April 1818 und eine Besprechung der musikalisch-deklamatorischen Akademie von Eugenie von Biedenfeld am 1. Mai 1818.

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Jakob, Charlene

Überlieferung

  • Textzeuge: Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 12, Nr. 142 (15. Juni 1818), S. 568

    Einzelstellenerläuterung

    • „… 'sches Stück, nämlich Wilhelm Tell“Aufführung am 21. April 1818.
    • „… Französischen von Th . Hell“Premiere am 13. April 1818.
    • „… sich bey der zweyten Vorstellung“28. April 1818.
    • „… Theaulon vom Freyherr v. Biedenfeld“Premiere am 2. April 1818.
    • „… Wiederholung des Johann von Paris“16. April 1818.
    • „… Landleben und die beyden Klingsberg“Vorstellungen der fünf genannten Werke (in Reihenfolge der Nennung) am 5., 7., 9., 12. bzw. 14. April 1818.
    • „… Noth , und der Wirrwarr“Vorstellungen der beiden genannten Werke am 20. bzw. 27. April 1818.
    • „… als brave Sängerinn nochmals zeigte“Die Konzerte fanden am 3. April (Conradi) bzw. 1. Mai 1818 (Biedenfeld) statt.

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