Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
London, Montag, 20. März und Dienstag, 21. März 1826 (Nr. 12)

A Madame

Madame la Baronne de Weber

a

Dresde.

en Saxe

No: 12.

O du garstiger Mops! du fauler Schreiber. was helfen mir alle deine Talente als FinanzMinister wenn du nicht schreibst. ist das wohl recht? 8 Tage sind nun verfloßen ohne ein Brief von dir. ich sollte zwar eigentlich noch nicht schelten, denn vielleicht kommen 2 miteinander; aber ich fürchte du hast das Ersparungs System eingeführt, und willst nur alle Wochen einmal schreiben. ach! lieber Gott, thue das ja nicht, ich brauche wirklich zu alle meinen Freuden hier, wirkliche Erheiterung und Stärkung, und das komt alles nur von Haus. ich kann mir wohl denken daß du auch nicht viel Stoff zum schreiben haben wirst, aber jede Küchenklatscherey von Haus intereßirt mich mehr, indem sie mich zu Euch versezt, als um mich herum wirklich wichtige Dinge, so ist der Mensch; und es ist gut daß er so ist, denn es sichert ihm seine Anhänglichkeit an sein Familienleben, was doch seine erste und ursprüngliche Bestimmung ist.       Hier sind nun alle Theater und öffentlichen Concerte geschloßen. was nur irgend kann, fliegt aufs Land um Kräfte zu der brillanten Season zu sammeln, die nach Ostern losgeht. ich benuzze die Zeit zum arbeiten so gut es geht. Gestern habe ich das Finale des 3t Aktes beendiget. heute hoffe ich die Arie für Braham zu entwerfen*, und wenn da ein gutes Briefel von der Mukkin mir heitern Sinn geben wollte, so wäre es recht schön. nun, wer weiß, der Tag ist lang.      der arme Fürstenau ist nun ganz melancholisch vor Sehnsucht nach Hause, und das ist bei ihm doppelt begreifflich. erstlich versteht er die Sprache gar nicht, und Französisch sehr wenig. so gesucht wie ich ist er natürlich auch nicht, und da fühlt er sich gar traurig. ich suche ihn überall einzuführen wo ich kann, aber da ist denn aus obigen Gründen auch nicht viel Freude für ihn. Wenn er aber nur Geld verdient, und was nach Hause bringt, so ist ja der Zwek der Reise erfüllt. Mit mir scheint es gut in Zug zu kommen. binnen 3 Tagen verdiene ich 60 Guineen. Doch zur Ordnung im Erzählen. bin ein paar Tage abgehalten worden mit der Mukkin zu plaudern, das Feuer brennt mir aber nach gerade auf die Nägel, die Leute sind so freundlich mich nicht im geringsten zu drängen, aber desto mehr fühl ich die Verpflichtung die Sache zu beendigen, und dann auch selbst wieder einmal frey aufathmen zu können. Daher wirst du vor der Oper dich auch nur mit kurzen Lebens und Gesundheitszeichen begnügen müßen.       d: 17t wo ich No: 11 abschikte, aß ich ganz allein zu Hause. um 4 Uhr dirigirte ich in dem lezten Oratorium, zum 4t mal den Freyschützen, bei immer gleichem Enthusiasmus. Jubel Overture da Capo. und somit waren die ersten 100 £ verdient. d: 18t um 11 Uhr ins Theater wegen verschiedener Arrangements. dann zum 1t  mal zu Fuße nach Hause gegangen, weil das Wetter so schön war. Die Fiakker kosten mich allein viel Geld, sonst habe ich eben keine Ausgaben, aber die Wagens freßen manchen Tag 2 – 3 Thaler. Die Entfernungen sind gar zu groß, und meißt auch Ost Wind der mir wie du weißt nichts taugt, daher hätschle ich mich dann und sehe die paar Thaler nicht an. Wie ich nach Hause kam, hatte ich eine rechte Freude, den Göttinger Würsten ähnlich. ein Deutscher, Weiß, Fabrikant von Chirurgischen Instrumenten, schenkte mir aus seiner Fabrik in höchst elegantem Kästchen 7 herrliche Rasirmeßer, aus reiner Freude über meine Anwesenheit in England. das hat mich denn recht herzlich ergözt, besonders da ich sie auch gut brauchen kann. Abends war Fawcetts Benefice, wo ich ihm die Overture aus dem Freyschütz /: zur Abwechslung :/ dirigirte. Ungeheurer Lärm, so wie ich mich nur sehen laße. Da Capo. dann zum Dinér 1/2 8 Uhr. bei Ward, recht angenehm, und um 12 Uhr schon im Bett. Gestern d: 19t Sonntag, um 2 Uhr Session in der Philharmonischen Gesellschaft. Mittag 7 Uhr bei Bell, und um 10 Uhr Musik Parthie bei Mad: Coutts. ich akkompagnirte einiges, Fantasierte viel, und 30 Guineen oder 210 rh: waren verdient. Wo kann man das in Deutschland? oder irgend einem Land? als hier. Dienstag habe ich eben solche Parthie, und wenn das alle Wochen 3 bis 4 mal geschieht, so siehst du wohl daß man hier erwerben kann, durch die persönliche Anwesenheit, wofür ich zu Hause manchen Monat sizzen und arbeiten müßte. –

doch! Oberon ruft, und ich muß gehorchen. ade, ade, geliebtes Herz. Morgen des weiteren. |

1/2 5 Uhr Nachmittag. Da ist einer! Heisa! So oft an das Hausthor geklopft wurde horchte ich erwartungsvoll, denn jeder Stand hat hier seine eigene Art zu klopfen, daß man gleich weiß wer es ist. endlich höre ich 2 Schläge, der Briefträger – Geld zur Erde werfen, – /: was man immer thut um zu prüfen ob es ächt ist, – :/ und endlich Tritte auf meiner Treppe, – richtig, Musje 6 von der Mukkin. da wird der Oberon bei Seite geschuppst, der Brief einmal verschlungen, einmal gelesen, und nun gleich beantwortet. Meine Pariser Briefe hast du ja recht schnell erhalten, freilich ist dann leider die Pause desto länger, denn die Reise hieher, und daß nicht gleich die Post gieng wird eine ganze Woche, und vielleicht noch länger dich haben warten laßen. Doch du versprichst so ernstlich brav zu sein, daß ich auch gar zu gerne glaube. Sey ruhig liebes Herz, ich glaube ich habe dir schon geschrieben daß ich mich durchaus in nichts binden laße. ich will diese Zeit über meine Pflicht gehörig thun, dann aber auch ruhen. den dummen Husten möchte ich gerne hier laßen, wenn er will, ich werde ihn nicht halten. vielleicht thut der Frühling etwas.       Ballabenes Unglük schmerzt mich immer noch sehr. hast du schon etwas angeordnet wegen den Zinsen? Ganz glüklich macht es mich zu hören, daß dein Husten nachläßt und die Kinder so munter sind. kann mir wohl denken, wenn sie so zu meinem Bilde kommen. – – Auch die Beßerung von meinem lieben Roth ist mir ein großer Trost. hoffentlich bist du nun über die hiesigen Mittel beruhigt. ich habe gar keine Ursache mich zu ärgern, man thut alles was man mir an den Augen absehen kann, Orchester und Chor werden verstärkt u: s: w: und es ist hier keine Berliner Wirthschaft, sondern Ernst, Ordnung und Achtung.       Was fällt dir ein von 6 Monaten zu faseln? freilich wäre es thörigt hier weg zu gehen so lange die Guinen Quellen fließen, so bald sie aber nur einigermaßen stokten, gehts fort, und in Paris werde ich das schöne englische Geld nicht unnüz erst verzehren, und es also so kurz machen als möglich.

Gratulire von Herzen zu dem geplazzten Ueberbein, das dumme Ding wurde recht groß und unbequem. siehst du, wie gut es uns in Allem geht. Meine LebensOrdnung, gute Weibe, ist freilich fast jeden Tag anders, in der Regel aber folgende. Um 8 Uhr, auch wohl zuweilen 1/2 9 Uhr steht die Männe auf, trinkt ihre langweilige Turkey, geht dann –, und dann zu Smart, wo wir besprechen was den Tag vorher paßirt ist, und den heutigen Tag paßiren soll. gegen 10 Uhr bin ich auf meiner Stube, und arbeite, empfange Besuche pp trinke mein Selterwaßer pp gegen 12 komt Fürstenau und erkundigt sich was ich mache. um 1/2 2 Uhr eße ich ein Beefsteak oder Cottlet, oder nur eine gute Suppe, nachdem ich spät eße. um 6 oder 7 Uhr geht es dann gewöhnlich zu einem Dinér, und nach 10 Uhr in Gesellschaft bis gegen 1 Uhr. Proben sind meist von 12 – 3 pp doppelte Toilette, alle Tage, Morgens in Stiefeln, buntes Halstuch pp zu Tische und in Gesellschaft immer in Schuhen. es ist eigentlich wie zu Hause, nur daß ein Nachteßen hier das Mittagseßen heißt.       das ist wirklich recht freundlich von Lüttichau daß er dich so oft besucht. von Ihrem Befinden hast du mir nichts geschrieben.       deine Sorgfalt wegen dem Gelde ist zu loben, aber ich muß doch herzlich darüber lachen, sei deßhalb nicht böse, guter Schatzmeister. Daß das Geld fliegt, weiß ich wohl, Du glaubst es nur immer nicht so. Gottlob daß du keinen Verdruß hast und die Leute brav sind. der Himmel erhalte das alles so.

jezt muß ich mich anziehen, und sage also ade. ich umarme dich in Freuden mein geliebtes Leben, daß es Euch allen so gut geht, und ihr heiter seid. wenns nur auch recht wahr ist. doch ja. gelte? ade, ade, ade!

d: 21t Morgens. Guten Morgen, gutes Herzlieb. hast du auch so gut geschlafen wie ich? wie ein Sakk bis 1/2 9 Uhr. Gestern Mittag war Fürstenau und ich, bei Boode. nach Tische wurde Musik gemacht, die Tochter spielt sehr gut. Pianof: Fürstenau blies, und ich mußte endlich auch dran. das dauerte bis 1/2 1 Uhr.       ich wollte du könntest einmal die Pracht und den Luxus eines solchen großen Hauses sehen. es geht wirklich über alle Begriffe, von welcher Kostbarkeit die aller gewöhnlichsten Dinge sind. gleich im Hausflur ein brennender Kamin, von dem herrlichsten Marmor und Stahl. daneben große Lehnstühle mit Saffian pp überzogen für den Portier und die Bedienten. Das ganze Haus mit den kostbarsten Teppichen. die Treppengeländer, Mahagoni und Rosenholz mit Bronce Verzierungen. | blühende Blumen, überall. Die Fenster Spiegelscheiben, oder matt geschliffen in Arabesken. Die Zimmer nun im Verhältniß zu diesen Vorhäusern. bei Tisch ein Uebermaß von Silberzeug, das Erstaunen macht. Es wird alles in Gängen servirt. und alle Schüßeln sind mit großen Silber Glokken bedekt, die großen Steinbutten die oft über eine Elle breit sind, und die enormen Stükken Fleisch erfodern also Glokken von einer unmäßigen Größe, so daß der Reichthum der Besizzer sich gehörig entfalten kann. übrigens ist die Zahl der Schüßeln nicht sehr groß, und es mag zufällig sein, aber überall fand ich dieselben Speisen, mit denselben Saucen, dieselben Kuchen pp Das liebste dabei sind mir die Spargel, die ganz vortrefflich von Geschmak sind, und die ich fleißig zu mir nehme. Gewiße Ostindische Gerichte aber, z: B: Hühner in Madera mit cayenne Pfeffer geschmort und Reiß, verehre ich nur von weitem, da ich sie einmal kostete, und ein gut Theil Ale nach gießen mußte um das Brennen wieder zu vertreiben. wunderlich genug macht mich selbst so etwas nicht husten, dieser Patron folgt ganz seiner eigenen Phantasie. Möge er mich haßen und fliehen! – – – Wenn ich nach Hause komme will ich dir auch alle Marktpreise erzählen. alles ist enorm theuer im Durchschnitt. Manches wieder wohlfeil. z: B: meine Wäsche kostet mich kaum so viel als in Dresden. Halstücher und dergl: werde ich wohl auch hier kaufen, sie sind ungleich wohlfeiler, als in Dr: das muß man eben erst alles nach und nach lernen. und wenn erst meine Oper vorbei ist, werde ich mich schon herumtreiben und sehen und hören. besonders da ich mich doch kräftiger fühle, obwohl es damit sehr langsam geht, und dann nicht immer zu fahren brauche.       Heute will ich nun noch  Brahams Arie im 3t Akte vollenden*. um 4 Uhr eße ich tete a tete mit Smart, und um 10 Uhr habe ich eine Musik Parthie die wieder ihre 30 Guin: bringt*.

Gehe ja auch fleißig spazieren meine Alte, das thut dir gewiß gut. das Nähen ist eine schöne Sache, Du stichelst aber gar zu emsig drauf los und vergißt alles darüber.       Wenn du nur erst in Hosterwitz bist, aber freilich fürchte ich dann wieder, du wirst dir dort gar zu sehr allein überlaßen sein und brüten. deine AbendGesellschaften kö[nnen] auch nicht zu dir kommen, und da gehst du wohl mit den Hühnern [schlafen?]* Wenn du zufällig Carry siehst, so grüße ihn bestens. sein Schwager hat gestern das Bild der Mad: Carry abgeholt. Das ist ein recht trokner Engländer, der gar nichts mit der Anmuth seiner Schwester gemein hat, die Mutter und alle sind wohl.       Mein englisch läuft vortrefflich vom Munde, und die Engländer freuen sich erstaunt darüber. ja, ja, lernst du was, so kannst du was. – du könntest immer unterdeßen ein bißel das Französische versuchen. was meinen Ihro Gnaden?

Doch nun genug gefraubaaßt. Ich segne Euch vom Grund des Herzens, ihr Theuren, Vielgeliebten + + +. Gott erhalte Euch Gesund und heiter. ich bin es Gottlob auch, und nur die Sehnsucht nach Euch betrübt mich, doch wird auch diese Zeit vorüber gehn, und wir uns hoffentlich nie mehr trennen, ewig in Treuster Liebe, dein dich über Alles liebender Carl.

alles herzliche an die Freunde.

Apparat

Zusammenfassung

Privates; Heimweh Fürstenau; Arbeit am Oberon; berichtet ab 17.3.: letztes Orat.konzert, Oberon Arrangements u. Visiten, erwähnt eigene Fantasie über "God save"; sein Tagesablauf; beschreibt prachtvolle Ausstattung bei Boode u. die englische Küche; über Preise in London; Privates;

Incipit

O du garstiger Mops! du fauler Schreiber

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN - Mus.ep. C.M.v.Weber 219

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.), Siegelloch
  • PSt: [Rundst.:] F 26 / 10
Weitere Textquellen
  • Reisebriefe 1823/1826, S. 118–125;
  • Worbs 1982, S. 136–141;
  • Adolph Kohut: Carl Maria von Weber als Humorist. Mit einem ungedruckten Brief Weber's, in: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst u. öffentliches Leben, Berlin, Bd. 39, Nr. 9 (28. Februar 1891), S. 131-133 [in Auszügen];
  • Adolph Kohut: Carl Maria von Weber als Humorist. Mit einem ungedruckten Brief des Komponisten, in: Rheinische Musik- u. Theater-Zeitung, Köln, Jg. 6, Nr. 15/16 (22. Juli 1905), S. 344-347 [in Auszügen];

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… Arie für Braham zu entwerfen": Weber meint Huons Rondo (Nr. 20) im III. Akt des Oberon, weitere Arbeiten daran erfolgten am 23. und 24. März 1826; vgl. TB dieser Tage.
    • "… Arie im 3t Akte vollenden": Weber vollendete den Entwurf vom Rondo (Nr. 20) erst am 23. März, die Instrumentierung nahm er am 24. März 1826 vor; vgl. TB.
    • "… wieder ihre 30 Guin: bringt": vgl. TB unter 21. März „zu Marquis Hatford Phantasirt.“ Weber meint hier vermutlich den „Marquess of Hertford“, einen erblichen britischen Adelstitel, nach der Stadt Hertford in England, benannt.
    • "… wohl mit den Hühnern schlafen?": Textverlust durch Siegelloch

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