Pius Alexander Wolff an Friedrich Ludwig Schmidt in Hamburg
Berlin, Freitag, 1. Juni 1821

Der ungewöhnliche Beyfall und grosse Zulauf, den mein neues Schauspiel Preciosa auf der hiesigen Bühne hatte, giebt mir die Veranlassung es Ihnen mitzutheilen, und anzufragen ob Sie solches nicht auf Ihrer würdigen Scene zur Darstellung bringen wollen. Wir haben in Kurzer Zeit 6 Vorstellungen davon bey gedrängt vollem Hausse gegeben*, und hätten ungesäumt fortgefahren, wenn nicht die Krankheit eines Schauspielers der eine Hauptrolle darin zu geben hat, und die Proben der Olimpia uns unterbrochen hätten, doch fahren wir künftige Woche damit fort. Sie haben einen Jugendentwurf desselben Namens vor mehreren Jahren den ich Ihnen mittheilte aufführen lassen*, allein beyfolgendes Schauspiel enthält Keine Zeile von jenem, und es ist ganz neu gedichtet, auch haben die Theater in Dresden und Leipzig wo früher auch jener mangelhafte Versuch dargestellt war*, diese neue Dichtung von mir gefordert, und wird dort ehestens so wie in Cassel zur Darstellung kommen*, den anderen Bühnen ist es noch nicht mitgetheilt. Die Musik von Carl Maria v Weber ist vortrefflich und enthält 12 Stücke, weil die letzten Scenen melodramatisch behandelt sind; ich habe aber die Partitur des Portos wegen noch nicht beygelegt*, weil ich erst Ihre Antwort abwarten will, und der ClavierAuszug, welcher bereits im Stechen ist, erst in einigen Wochen fertig wird. Das Stück ist ohne allen Aufwand in Scene zu setzen, und die Künstlerin welche Preciosa darstellt findet Gelegenheit sich auch im Gesang und Tanz zu zeigen, wenn sie will, aber Bedingung ist keineswegs, das Lied das sie zu singen hat* ist so einfach componirt das es nicht die mindeste Schwierigkeit hat, auch kann es hinter der Scene gesungen werden, oder ganz weg bleiben, da es in die Handlung | nicht eingreift. Das Costüm der Zigeuner war bey uns aus der spanischen Nationaltracht componirt, etwas fantastisch angewendet, aber durchaus nichts neu dazu gemacht, ausser Preciosa’s Kleidung, welche in einem einfachen weissen Rocke mit bunter Verzierung eben solchem Leibchen und einem orientalischen Bande mit Federn bestand, ihre zweite Kleidung ist noch einfacher. Mad. Neuman welche eine Darstellung hier gesehen, könnte es Ihnen ausführlicher beschreiben. Die Zigeuner sind alle braun, Preciosa weiss von Gesichtsfarbe.

Sie hätten mein Manuscript früher schon erhalten, aber Esperstädt war so sehr beschäftigt, und ist krank. Ich habe nur die Bitte es sobald als möglich zu lesen, und falls Sie es für Ihre Bühne nicht annehmbar finden, mir das Manuscript gleich wieder zu senden, weil ich der Abschriften bedürftig bin. Mit C. M. v. Weber habe ich eine Uebereinkunft getroffen, und der Preiss des Stückes mit sammt der Partitur ist 15 Fried.d’or*. Unser neues Theater ist endlich glücklich eröffnet*, aber noch immer viel daran zu thun, wir können zur Zeit nur ein paarmal noch darin spielen. C. M.v Webers Oper: Der Freyschütz, wird in 10 Tagen in Scene gehen*, eine Oper die überall gefallen wird, sehr anziehender Stoff und treffliche Musik.

Mit wahrer Hochachtung Ihnen bestens mich empfehlend Wolff
Regisseur d. K. I.

Apparat

Zusammenfassung

fragt an, ob Schmidt seine Preciosa, über deren Berliner Erfolg er berichtet, geben wolle; es sei eine komplette Überarbeitung seines gleichnamigen Jugendversuchs; das Stück mit Musik Webers sei ohne Aufwand in Scene zu setzen, das Lied der Preciosa könne auch hinter der Scene gesungen werden oder wegbleiben; über die Kostüme; bittet, das Manuskript sonst bald zurückzusenden; Preis mit Partitur 15 Fried.dor; erwähnt die Eröffnung des neuen Theaters u. Freischütz

Incipit

Der ungewöhnliche Beyfall und grosse Zulauf, den mein neues

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Hamburg (D), Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, Handschriftenabteilung (D-Hs)
Signatur: (Nachlaß Fr. L. Schmidt, Bl. 561)

Quellenbeschreibung

  • 1 Bl. (2 b.S. o.Adr.)
  • Brief in lateinischer Schrift, jedoch größtenteils mit U-Bogensetzung
Weitere Textquellen
  • vermutlich: Hamburgische Nachrichten 1872
  • tV: Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen (= Spenersche), Jg. ?, Nr. 350 (19. Oktober 1872), 1. Beilage, Morgenausgabe; siehe dazu: Weberiana Cl. II B, S. 837!!!

Textkonstitution

  • "dort": Hinzufügung.
  • "Berlin d ": Gelöschter Text nicht lesbar.
  • Unleserliche Stelle

Einzelstellenerläuterung

  • "Wir haben in … vollem Hausse gegeben": Die Uraufführung in Berlin fand am 14. März 1821 statt, weitere Vorstellungen bis zum Briefdatum waren: 19./26./30.3., 11.4., 6.5.
  • "Sie haben einen … mittheilte aufführen lassen": Aufführungen der 1. Fassung der Preciosa (ohne Weber-Musik) in Hamburg sind für 17. und 20. September 1813 nachweisbar.
  • "… jener mangelhafte Versuch dargestellt war": Neben den gemeinten Aufführungen der Erstfassung des Schauspiels durch die Secondasche Gesellschaft in Leipzig (EA 7. Mai 1812) und Dresden (EA 3. November 1812) gab es auch Einstudierungen in Wien (EA 19. Oktober 1812) sowie Magdeburg (EA Herbst 1814, inkl. Abstecher nach Halberstadt); vgl. WeGA, Bd. III/9, S. 215f. sowie Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger, Jg. 4, Nr. 44, S. 176.
  • "… in Cassel zur Darstellung kommen": Die Erstaufführung der Neubearbeitung in Kassel fand am 19. August 1821 statt, die EA in Dresden erst am 27. Juni 1822, in Leipzig am 23. Dezember 1822.
  • "ich habe aber … noch nicht beygelegt": Weber sandte die Partitur im Auftrage Wolffs nach Hamburg; vgl. Brief von Weber an Schmidt vom 1. August 1821
  • "… das sie zu singen hat": Nr. 7 „Einsam bin ich nicht alleine“
  • "… der Partitur ist 15 Fried.d'or": letztendliches Honorar vgl. Brief von Schmidt an Wolff zwischen 1. Juni und 1. August 1821
  • "Unser neues Theater … endlich glücklich eröffnet": Das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt wurde am 26. Mai 1821 eröffnet.
  • "… 10 Tagen in Scene gehen": Die UA in Berlin verzögerte sich bis zum 18. Juni 1821; zu den Gründen für die Verzögerung vgl. Brief von Weber an Könneritz vom 20. Mai 1821, Brief von Weber an Kind vom 27. Mai 1821, Brief von Weber an Könneritz vom 10. Juni 1821 sowie TB Mai/Juni 1821.

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