Carl Maria von Weber an Hinrich Lichtenstein in Berlin
Dresden, Sonntag, 4. September 1825

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S. Wohlgebohren

dem H: Profeßor Dr: Lichtenstein

Director des zoologischen

Museums pp

Berlin

Zwey liebe Briefe von dir, mein theuerster Freund und Bruder habe ich zu beantworten. den vom 18t Jul: erhielt ich seiner Zeit in Ems, und den vom 16t August fand ich zugleich mit Brühls Einladung bei meiner Ankunft hier d: 1t 7ber.      Endlich also soll es Ernst werden. Nun, Gott gebe sein Gedeihen. ich werde aber höchstens auf 10-12 Tage hinkommen können, da ich jezt 2 Monate weg war, und im März nach London gehe.      Wie ich mich drauf freue dich wieder einmal umarmen und sprechen zu können, kann ich dir nicht genug ausdrükken; und die Ungeduld erfaßt mich jezt schon beim Schreiben.      Welche Hinderniße hat der gute Graf noch zu besiegen gehabt. — ich möchte nur wißen ob der F: Wittg: überhaupt gegen mich ist, oder ob diese Handlungsweise in seiner Stellung liegt.

So erwünscht mir nun aber die ganze Sache ist, so sehr stört sie mich wieder von der andern Seite.      bis Ende Februar muß der Oberon fertig sein, noch steht keine Note auf dem Papier. das wär noch so arg nicht, aber — der Dienst und die 10000 Störungen von Außen, und auch wohl mitunter von Innen. Nun, Gott wird ja helfen.      Ems hat mir wohl gethan, ich bin heiterer und muthiger wenn gleich weder Heiserkeit noch Husten gehoben sind.      Kemble war mit dem Sir George Smart dem Direktor der Philarmonischen Concerte, bei mir in Ems, aber — die mündliche Verhandlung brachte uns keinen Schritt weiter. Er blieb bei seinen 500 £ stehen. das ausführlichere darüber mündlich. ich verspreche mir aber überhaupt von London viel, und gehe also jedenfalls hin.

CastilBlaze hat nun auch die Euryanthe für Paris verlangt. in Frankfurt haben sie sie mir zu Ehren bei meiner Durchreise gut aufgeführt*. das weitere wirst du aus den Zeitungen sehen, denn ich bin nun schon auch in den Politischen ein stehender Artikel geworden.      das dumme Geschwäz von meinem Tode* hat meiner arme Lina 2 entsezliche Tage gekostet, da unbegreifflicher Weise, eben auch meine Briefe sich um 1 Tag verspäteten.

Zu Hause habe ich nun alles gar Munter und gediehen gefunden. Und ich hoffe zu Gott zu bekomst deine gute Victoire auch wieder recht frisch und gesund aus dem Bade zurük.      Noch können wir nicht einig werden ob meine Frau mit nach Berlin kommt oder nicht. die Jahreszeit und die Kinder sind gewaltige Hemmketten.

Die Kerll habe ich täglich in Ems gesehen, ohne mich eben ihres Umgangs zu erfreuen. ich weiß nicht, sie ist so borstig geworden, und gar so berlinisch —. dein Freund laCroix hat sich nicht in Ems sehen laßen, und somit bin ich um seine Bekanntschaft gekommen. doch dünkt mich ich kenne ihn schon von Berlin aus.

So viel für Heute. habe einen ganzen Stoß Briefe vor mir die beantwortet sein wollen, und ist dieser Berg nicht abgetragen, kann ich nicht freyen Gemüthes an den Oberon gehen.
Lina grüßt innigst mit mir, Victoire und dich und die Kinder.
Gott erhalte Euch gesund. Ewig in treuster Liebe dein Weber

Editorial

Summary

hat Briefe und Brühls Einladung erhalten und will nur für einige Tage nach Berlin zur Aufführung der Euryanthe, da ihm die (wohltuende) Kur viel Zeit gekostet habe und nun die Arbeit am Oberon dränge; erwähnt Kembles und Smarts Besuch in Ems und Schwierigkeiten mit Honorarfestlegung; Aufführung der Euryanthe in Frankfurt am Main und Opern-Bestellung für Paris; erwähnt falsche Nachricht von seinem Tod; gemeinsame Bekannte

Incipit

Zwey liebe Briefe von dir, mein theuerster

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Leipzig (D), Leipziger Stadtbibliothek – Musikbibliothek (D-LEm)
    Shelf mark: PB 37, Nr. 76

    Physical Description

    • 1 Bl. (2 b. S. einschl. Adr.)
    • Papiersiegelrest
    • PSt: DRESDEN | 5. Sept. 25

    Corresponding sources

    • Rudorff: Westermanns illustrierte deutsche Monats-Hefte, 44. Jg. (1899), 87. Bd., S. 392
    • Rudorff 1900, S. 239–241

    Commentary

    • “… bei meiner Durchreise gut aufgeführt”Vgl. den Bericht in der Didaskalia vom 4. September 1825.
    • “… dumme Geschwäz von meinem Tode”Vgl. dazu u. a. die Nachricht in der Magdeburgischen Zeitung vom 10. September 1825 sowie das mit „Mainstrom, den 31sten August“ datierte Dementi in der Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, 1825, Nr. 206 (5. September 1825): „Die in einigen Zeitungen befindliche Nachricht von Carl Maria von Weber’s Tode ist ungegründet. Er befindet sich in Frankfurt und wurde am Schlusse seiner am 25sten daselbst aufgeführten, vom Kapellmeister Guhr geleiteten Oper Euryanthe mit rauschendem Beifall gerufen. Hierdurch wird das zu leicht aufgenommene Gerücht seines Todes zur Freude aller Kunstfreunde widerlegt.“
    • zurecte “Du”.

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