Johann Friedrich Kind an Friedrich Rochlitz in Leipzig
Dresden, Dienstag, 23. Januar 1821

Sr. Wohlgeb.

Herrn Hofrath Friedrich Rochlitz

in

Leipzig.

Frei.

Mein geliebter Freund,

Dießmal stecke ich tief in Briefschulden bei Ihnen, und könnte mir es selbst nicht vergeben, hätte ich Ihnen nicht von Zeit gedruckte Zeugniße meiner Anhänglichkeit und Freundschaft gesandt. Doch diese können nicht länger gnügen; heute will ich durch einen recht langen Brief meine Unterlaßungssünden gut machen. – – –

Abends.

So weit war ich, als Maria v. Weber mich besuchte, mit dem ich über den skizzirten Plan einer neu beabsichtigten (heroischen) Oper sprach, die ich ihm zu Liebe (denn für sich selbst sorgt ein Dichter bei Opern nicht sonderlich) schreiben willT. Der Held derselben ist der Cid, großen theils nach Corneille, doch auch mit Benutzung der von Herder übersetzten Romanzen und der Johannes Müllerschen Abhandlung*. Aber alle diese Vorarbeiten geben nur wenig Ausbeute; es muß für die Oper vieles ganz anders werden. Wir wollen sehen! Des Stoffes ist genug, leider! für eine Oper fast zu viel*. – Unser Freischütze soll nun endlich im Mai zu Berlin auf die Breter kommen. Es wird Zeit. denn es haben ihn schon mehre Theater*. – Und nun zur Fortsetzung.

Vor allen Dingen meinen herzlichsten Dank für alle Güte, die Sie Herrn Siegel erwiesen haben und noch erweisen werden. Er selbst hat diese mir dankbar gerühmt, und ich hoffe, daß Sie in ihm einen würdigen und dankbaren Schützling finden werden. Er ist, so viel ich weiß, auch kein übler Sänger. Doch wünsche ich gerade nicht, daß er von diesem Talent anders, als etwa zur Unterricht-Ertheilung (falls er sich dazu eignet) Gebrauch machen möge. Er könnte sonst in Leipzig vielleicht auf Abwege gerathen, die ihn von seinen Haupt-Studien abzögen. Sie werden dieß beßer als ich, beurtheilen können.

Was Sie mir über Connewitz schreiben u sonst andeuten, hat mich sehr ergriffen. Ich habe noch nie ein Fleckchen Erde einer Hand breit mein eigen genannt, werde es auch schwerlich, obwohl ich es allenfalls, | taugt ich nur zu solchen Unternehmungen, könnte; allein ich kann es mir ganz denken, was es heißen mag, ein liebgewonnenes Plätzchen wieder aufzugeben. Wieland mußte, obwohl aus andern Gründen, so auch Haus u Garten verlaßen, weil Beides Göthen erstand. Ich habe den Kupferstich dieses Besitzthums (den ich in einiger Zeit mittheilen werde) mit um so tiefrer Wehmuth angesehen, weil ich mich dabei an Sie erinnerte.

Sehr begierig bin ich, wie sich Ihre „Freunde“ in Leipzig und Weimar machen werden. Mir scheint es, das deutsche Publicum hat für zarte Zeichnungen keinen Sinn mehr, ja, selbst die Schauspieler wißen sich nicht, in so etwas zu finden. Göthes Geschwister* wurden hier so-so d. h. künstlich genug, einstudirt, vor dem Spiegel geprobt, aber nicht frisch, nicht duftig – italienische Blumen! gegeben, u hätte man nicht Göthes Namen gescheut, man hätte wohl von langer Weile gesprochen. Gestern war ich in der Iphigenia, die mich immer beim Lesen entzückt, die mir nebst Tasso, das Beste von Göthe geschienen hat. Die (jezt sehr beleibt) Werdy, vormals Voß, der es Göthe einstudirt haben soll, gab die Heldin. Auf mich machte es keinen andern Eindruck, als den, daß die Priesterin Dianens eine gewaltige Schwätzerin sey. Ich komme nie wieder hinein, u würde es noch 20. mal gegeben, was keine Noth haben wird, da das Haus - bei der zweiten Vorstellung - gewaltig leer war und nur 3. oder 4. Officialhände, zum Theil vom Parterre ausgelacht, sich dann und wann regten. In der Ab. Zeit.* werden Sie dieß freilich anders lesen. - Nächstens kommt der Kaufmann von Venedig* auf die Breter. Tiek hat es bei Könneritz (dem neuen Direkteur) den Schauspielern vorgelesen – wie ich gehört habe, keineswegs zu derselben Ergötzlichkeit, die hierin einen gewaltigen Eingriff in ihre Rechte, eine ungemeine Kühnheit erblicken sollen. Sie meinen, wer Genie habe – u das haben bekanntlich Alle in ihrer Meinung – bedürfe es nicht. dem Ungenialen könne es nichts fruchten. Werden Sich auch nicht sonderlich er|hitzen – ni fallor. – Da ich einmal beim Theater bin, gleich noch Einiges: Gerstäckers Bleiben scheint ungewiß. Er wollte lebenslänglichen Contract u soll dabei ungeheuer Foderungen gemacht haben. Man ist dabei nicht auf Einzelnes eingegangen, sondern es ist nur gesagt worden, es solle weiter unterhandelt werden. Nun hat er - so sagt man - Alles dem Könige anheimgestellt; allein diese Erklärung will Niemand Sr. Maj. vortragen. Ich glaube gewiß, er ging nach Wien, hätten sich nicht dort die Umstände sehr verändert. Denn eines Theils ist Wild wieder dort, andern Theils ein neuer, sehr junger Tenorist – ich glaube, Roßner – zum Vorschein gekommen der furore macht. Hier scheint G. von Cantu, der auch viel jünger ist, überflügelt zu werden. – – Toussaint (gerade keine Perl) ist entlaßen. – Die Haase (vormals Zucker) hat einen Blutsturz gehabt; wer weiß, ob sie wieder singen kann. - Wie es scheint, wird mit der deutschen Oper nicht viel werden, u Weber – der sich mit höchst Mittelmäßigen nicht befriedigen kann, giebt am Ende noch die deutsche Oper auf. Wie die Sachen hier stehen, kann schwerlich deutsche u welsche Oper neben einander in Flor bleiben. – –

Die neue Aufl. des Van Dyck* anlangend bin ich – über die zugezogene Erkältung halb erfreut, halb sie bedauernd – fast ganz Ihrer Meinung. Erklären Sie die Veränderungen für Verbeßerungen, so rufe ich bene! optime! Der Kirchhof ist eine dramatische Elegie, die ich eigentl. gar nicht fürs Theater bestimmt habe. In Hamburg, wo das Nachspiel aus Mißverständniß mitgegeben wurde, that es viel; dieß vermochte mich, es hier auch einmal, doch am folgenden Tage geben zu laßen. Man hörte sehr aufmerksam zu. Theatralischen Effect kann es schwerlich machen. Ich habe es – zu Ihnen gesagt – nur ge|schrieben, weil die 3. Prinzessinnen – damals war die Toskanerin noch hier, die vielleicht auch wieder her kommt – mir über Vandycks Treulosigkeit u Lenchens Opferung Ausstellungen machten. Diese sind höchst geistreich u liebenswürdig, wie überhaupt die ganze Familie, so bald man sie näher kennt; auch die jetzige Spanische Königin trat, mit einer gewißen Energie, ihren Schwestern bei. Da versprach ich denn meine Vertheidigung u gab sie durch den Kirchhof in der Ab. Z.* – In Betreff der Vorrede gebe ich gern zu, daß Manches darin ist, was auch wohl hätte wegbleiben können. Allein, dieß gilt nur im Allgemeinen, nicht für Dresden, nicht in meiner besondern Stellung. Ich bin hier vielleicht der einzige Freie auf den man etwas giebt; ich kann, unbekümmert um Gunst, die Wahrheit sagen, u fühle mich daher auch dazu berufen. Und so stecken – manche Dornen unter den Rosen, die nur der bemerkt, der in die Mysterien des hiesigen Künstlerwesens eingeweiht ist, u so mag wohl dem Entfernten manches sehr überflüßig scheinen, was ich mit großer Mühe, wie zufällig, dem Ganzen einfügte. – Einige Gereiztheit gegen voreilige, grundlose, doch mit großer Miene vorgebrachte Klatzschereien mag meinetwegen auch hie u da hervorleuchten; aber der Teufel – nun, ich will nicht fluchen – also, der Geyer mag immer kalt bleiben, wenn die Künste in den Tag hineinschwatzen u doch weder Gix noch Gax von der Sache verstehen! Mehr als ich gethan, konnte ich mich warlich nicht mäßigen; auch habe ich Vieles noch weit beßer durchgelaßen, als ich der strengen Wahrheit nach hätte thun sollen. In der ersten Handschrift sah Manches gar anders aus. – Endlich, was die Eintheilung anlangt, | kann ich die zweite Abtheilung nicht aufgeben, aber dieß schriftlich nicht ausfechten. Hier nur so viel, daß die allgemeine Bedeutung des Malerischen (nach Adelung) sie rechtfertigt, u daß man auch Maler-Biographien nicht ohne die Umgebungen derselben darstellen kann, wodurch auch jene oft im engern Sinne malerisch werden müßen. Ich habe dieß in der Abhandlung selbst schon einigermaasen angedeutet. –

Die Weihnachtfestlichkeiten sind bei uns hergebrachter Weise nach begangen worden, u der Christbaum darf nie fehlen. –

In Ihre Mittheilungen werde ich recht gern etwas liefern, sobald ich etwas Taugliches dazu habe. Freilich wird bei mir immer das Gras schon gehauen, wenn es nur heraus ist. Doch der gute, der beste Wille ist da, u so kommts auch wohl einmal zur Erfüllung. – Haben Sie einmal etwas für mein Taschenbuch*, oder die Muse*, nun so werden Sie mir es auch geben.

Bei der Muse habe ich das Publikum, wie ich es kenne, möglichst ins Auge gefaßt. Vielseitigkeit ist eine Hauptsache, soll eine solche Anstalt bestehen. Die Gelehrten kaufen wenig, also muß man auch die Menge herbeiziehen. – Webers Bruchstücke* – es folgen von Zeit zu Zeit mehre, ob ich schon aus mancherlei Rücksichten vor der Hand nicht Alles geben kann - sind allerdings etwas wild; aber ich mochte von ihrer Eigenthümlichkeit nicht mehr verwischen, trotz der mir gegebenen Erlaubniß. –

Über Byron bin ich ganz Ihrer Meinung u habe schon manches Gefecht deshalb bestanden. Höchstgeniale u dichterische An|lagen gnügen nach meiner Ansicht nicht zum vollendeten Dichten. Ein blinder Raphael - wohl! er sey das größte malerische Genie - aber ein Maler ist [er] doch bei Gott nicht, wollen wir nicht mit Worten spielen. –

Sie werden von der Muse stets die Hefte zugesandt erhalten; sollte eins ausbleiben, so laßen Sie es in Beziehung auf mich abfodern.

Die beigelegte Ankündigung habe ich mit Vergnügen gelesen u werde sie sehen in einige Hände zu bringen, wo es nützen kann. Begierig bin ich, was Sie auswählen, was zurücklaßen werden? Wahlen dieser Art sind schwer. Manchem Freunde, manchem geachteten Wesen hat das zugesagt, manchem das andre; bei dem Dichten sind selbst die Stunden nicht gleich; was mir heut gut scheint, find’ ich morgen kaum leidlich; manchmal ist die Anlage sehr gelungen, manchmal das Einzelne trefflich – gnug es ist ganz so, wie es Kotzebue in seinen Hussiten* u Mahlmann karrikirend geschildert hat. – Doch Glück zu! Es wird gewiß ein herrliches Werkchen, auf das ich mich sehr freue, so wie auch das Porträt. Von wem ists gemalt? von wem gestochen? – Mich hat jetzt Geyer gemalt und getroffen. (wo das fünfte Buch meiner Gedichte, das größtentheils Erste u. sonstige Gelegenheitssachen enthält) wer es stechen wird, weiß ich noch nicht.*

Und nun vale, vale, meque amare perge!Kind.

Apparat

Zusammenfassung

berichtet über den Plan zu einer neuen Oper (Der Cid) zusammen mit Weber; bedankt sich für Rochlitz' Einsatz für Siegel; bedauert Rochlitz wegen seiner Hausangelegenheit; resümiert über verschiedene Theateraufführungen; über die Verhandlungen des Tenors Gerstäcker und andere Theaterinterna;

Incipit

Mein geliebter Freund, Dießmal stecke ich tief in Briefschulden bei Ihnen,

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: Weberiana Cl. V [Mappe IA], Abt. 3, Nr. 18a

Quellenbeschreibung

  • 2 DBl. (7 b. S. einschl. Adr.)
  • auf 2. DBl. Siegelspur u. -loch
  • mit mehreren Eintragungen mit Bleistift und Unterstreichungen mit Rötel von Jähns
  • PSt: DRESDEN | 24. Jan. 21

Textkonstitution

  • ",": durchgestrichen.
  • "d. h. künstlich … – italienische Blumen!": Hinzufügung am Rand.
  • "i": "I" durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • "… der Johannes Müller schen Abhandlung": Johann Gottfried Herder, Der Cid. Nach spanischen Romanzen besungen, Tübingen: Cotta, 1805, mit einer historischen Einleitung von Johannes von Müller
  • "Oper fast zu viel": Vgl. auch Brief von Weber an Kind vom 27. Mai 1821
  • "Theater": Die UA des Freischütz fand erst am 18. Juni 1821 statt. Grund dafür war die aufwendige Inszenierung von Spontinis Olympia, vgl. Briefe von Weber an Könneritz vom 20. Mai 1821 und an Kind vom 27. Mai 1821.
  • "Göthes Geschwister": Die Geschwister, Schauspiel in einem Akt von Johann Wolfgang von Goethe
  • "Ab. Zeit.": Dresdner Abend-Zeitung, die Kind von 1817 bis 1826 zusammen mit Theodor Hell redigierte.
  • "Kaufmann von Venedig": Das Schauspiel hatte am 1. Februar 1821 am Dresdner Hoftheater Premiere.
  • "Van Dyck": Van Dyks Landleben, Schauspiel von Friedrich Kind, erstmals 1817 bei Göschen in Leipzig veröffentlich, erschien in der 2., verb. u. verm. Aufl. ebd. 1821.
  • "Ab. Z.": Dresdner Abend-Zeitung
  • "Taschenbuch": Seit 1815 redigierte Friedrich Kind das „Becker’sche Taschenbuch“.
  • "Muse": 1821 bis 1822 redigierte Kind die Monatsschrift „Die Muse“.
  • "Bruchstücke": erschienen in Die Muse. Monatsschrift für Freunde der Poesie und der mit ihr verschwisterten Künste, hg. v. Friedrich Kind. Leipzig: Georg Joachim Göschen, 1821 u. 1822, unter dem Titel: Bruchstücke aus: Tonkünstlers Leben. Eine Arabeske von Carl Maria von Weber., im 1. Bd., 1. Heft (Januar 1821), S. 49–72 und im 3. Heft (März 1821), S. 79–98.
  • "Hussiten": Die Hussiten vor Naumburg im Jahr 1432. Ein vaterländisches Schauspiel mit Chören in fünf Acten.
  • "… wird, weiß ich noch nicht.": Ein Stich von Friedrich Fleischmann nach Ludwig Geyers Kind-Porträt erschien 1825 als Frontispiz in Bd. 5 der Kindschen Gedichte in der zweiten verbesserten Auflage bei Georg Joachim Göschen in Leipzig (=Friedrich Kind’s neuere Gedichte, Bd. 1).

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