Caroline von Weber an Friedrich Wilhelm und Ida Jähns in Berlin
Dresden, Donnerstag, 25. Februar 1836

Tausend Tausend Dank, gute, guter Jähns für all die Freude die Sie mir bereiteten. Für die Gedichte, für die Compositionen, für Ihr freundliches Andenken, für Alles, den innigsten, wärmsten Dank. Doppelte Freude empfand ich diesmal beim Fempfang Ihres Briefs, denn lassen Sie mich es nur gestehen, ich fing schon an recht bösen Zweifeln, und hässlichen Gedanken Raum zu geben. Wie beschämt musste ich mich daher fühlen als ich sah, dass Sie, während ich Ihnen im Herzen recht weh gethan, Sie nur darauf dachten mir eine recht heilige wehmüthige Freude zu bereiten. - Ich habe mein misstrauisches Gemüth aber auch recht tüchtig ausgescholten und es hat versprochen nie mehr solch böse Streiche zu machen. Ueberhaupt habe grade ich ja gar nicht das Recht über saumselige Schreiber zu klagen, denn wer bedarf denn in dieser Hinsicht mehr der Nachsicht als eben ich? Ja stünden die Briefe gleich alle so auf dem Papier wie ich sie in Gedanken schreibe, so würden weder Sie noch meine andern Freunde sich beklagen können; aber ich kann Ihnen nicht sagen wie das Mechanische bey der Sache mir zuwieder ist, und wie vertriesslich es mich macht, wenn ich meine Gedanken und Gefühle | sich auf dem todten Papier so ganz anders gestalten sehe wie sie mir in der Seele leben; ja, wenn ich mir sagen muss, dass diesem schwarzen Gekritzel erst die Stimmung des Lesers eine gute oder böse Seele einhauchen kann -. Nun, ich hoffe Freund Sie lesen diese Zeilen zu einer heitern Stunde, und Ihr Herz und Phantasie helfen der ungeschickten Schreiberin das Fehlende ergänzen.

Dass Sie durch zu viele Arbeit abgehalten waren uns ein Lebenszeichen zu geben, ist mir in doppelter Hinsicht gar nicht recht. Ich habe nehmlich bey einem so jungen kräftigen Manne gegen die Arbeit nichts, nur das geisttödtende Stundengeben, in solcher Masse, will mir nicht gefallen. Wie schade ist es bey einen so lebensvollen Manne, wenn er seine schönste Zeit so hingeben muss; wie ermüdet an Geist und Körper komen sie dann an die wichtigeren Arbeiten, und wie anstrengend und aufreibend ist eine dan nothwändig, gewaltsame Aufregung -. Ich kann es Ihnen nicht genug aus tiefster Seele zurufen "Schonen Sie Ihre Gesundheit mein junger Freund! ohne sie giebt es keine Freude auf dieser Welt.["] Nach dem Erfolg der Euryanthe in Berlin, schrieb mir Weber den andern Tag. "ich bin so ermattet und abgespant dass mir eher zu Muthe ist als sollte ich morgen geköpft werden aber nicht wie einem der einen solchen Erfolg gehabt hat.["]* Auch über den stärksten Geist übt der Körper | eine Thiranische Macht. Darum nochmals denken Sie an Weib und Kinder*, und schonen Sie sich für die. Dass der junge Hausvater gern viel Geld verdienen mag, kann ich mir wohl denken und es freut mich auch dass es so gut geht, aber ich sorge für Sie weiter. Nur selten gedeiht der schaffende Künstler, bey solchen Frohndienst. Da nun aber einmal das viele Geld im Hause ist, und man fürchten muss, es mögte bald kein Behältniss geben all die Schätze zu bewahren, so habe ich mich schnell daran gemacht in alle Eille einen solchen Geldsack zu fertigen, und wenn all die guten Wünsche erfüllt werden die ich hinein gehäkelt habe, so wird es sicher ein Fortunatus Säckel sein*.

Dass der Polterabend schön war kann ich mir denken, gebe nur Gott dass im ganzen Leben bey Euch kein anderes Gepolter laut wird*.

Haltet ja treu und fest aneinander meine Lieben, und lasst nicht allzu schnell vom Strudel des Lebens den schönen Blüthenstaub der ersten heiligen Liebe verwehen. Ich, meine Theuren, habe ganz das Glück einer guten Ehe empfunden, und fühle es jetzt nur zu schmerzlich dass dieses Glück durch nichts zu ersetzen ist und dass mit einen Verlust wie der Meinige ein tiefer Schatten auf das ganze Leben niedersinkt - - - |

Aber wie, mein Freund, Sie können denken dass Ihr jugendlich schöner Enthusiasmuss für Weber und seine Schöpfungen nicht unendlich freut? war es denn nicht das erste Band was schon den Jüngling an uns fesselte? So ausgesprochen, so gefühlt ist ja jede Aeusserung meinem Herzen wohlthuend, und macht Sie das immer werther. Nein, nein Sie wunderbarer Zweifler, entziehen sie mir die Sprache Ihres Herzens nicht, und fahren Sie fort die frischen Blüthen Ihrer jugendlichen Liebe auf des Meisters Grab zu streuen. - Doch nun zur Beantwortung Ihrer Fragen. Leider guter Jähns, kann ich Ihnen nur diese eine Sonate schicken, denn Webers Freunde und Kunstschätzer haben mich so ausgeplündert dass mir nur noch sehr wenig von seinen Handschriften geblieben ist. Eine von den Sonaten hat mir ein Engländer (Sir Gorge) abgebettelt, der leider mit seiner ganzen Familie bey der Ueberfahrt ertrunken ist, die andere bekam ein ganz intimer Freund Webers in Prag, und die Dritte ist nach Paris gewandert* Dauerte es Ihnen nicht zu lange, so könnte ich die Prager mir schicken lassen.

Für sie schike ich hier etwas Anderes mit, denn was sollten Sie eigendlich mit dem Chor. Das Erste was Webers Ruf begründete, lege ich in Ihre Hände*, und ge-|be ihm meinen Seegen für Sie mit.

Ueber die verschiedenen Angaben von Webers Geburtstag wollen Sie Aufschluss?T ach bester Freund dass ist eine lange Geschichte, die fast aussieht wie ein Roman, und noch dazu ein recht schlecht erfundener, doch wird Sie das Sonderbare dabey interessieren.

Von meiner frühsten Kindheit an wurde mein Geburtstag den 18. Dezember gefeiert und als ich Weber ano 13 kennen lernte, und ihm schon ein kleinwenig gut war, hörte ich von ihm mit Freuden dass er mit mir an einem Tage geboren sey. Als später, nach langer Prüfung, die Zeit unserer Verbindung heran kam, und die Taufzeugnisse verschrieben wurden, wiess es sich leider aus, dass meine guten Eltern den Geburtstag meiner ältern Schwester als den meinigen gefeiert hatten, und ich den 19. Nov. geboren sey. - Ich war untröstlich, und Weber war böse dass man nicht einmal meinen Geburtstag ordentlich gewusst. - Aber, nun kam Webers Taufzeugnis auch an, und denken Sie sich mein Staunen, meine Freude, auch er ist nicht den 18. Dezember sondern den 19. Nov. geboren. Nun was sagen Sie dazu? klingt das nicht fabelhaft? - - ja ja! er war für mich geboren!!! Versöhnen Sie sich immer mit den 19. mein Freund, ich lasse mir ihn nun nicht wieder nehmen.

Nun noch etwas von den Kindern. Max ist | allerdings recht gross und stark geworden und Sie werden ihn kaum wieder erkennen. Ich schrieb Ihnen schon, dass er 71 Zoll misst und jetzt ist er wieder bedeutend gewachsen. Ja Sie werden das Kind als jungen Mann wiederfinden. Zu Ostern kommt er auf das Polytechnische Institut. Eben jetzt ist er daran seine Prüfungs-Arbeiten zu machen, so bald die beendet sind wird er Ihnen schreiben. Alex ist nun auch eine Classe höher gerükt, aber fast fürchte ich der arme Knabe hat zu viel Stunden, denn wenn er 7 Stunden in der Schule gesessen hat, ist’s mit dem Klavier nicht viel mehr, so dass ich finde er kommt jetzt wenig vorwärts. er meinte "ja wenn ich nur nicht so viel Märsche in die Schule machen müsste so sollte der gute Jähns wohl ein haben, so aber muss er warten bis die Tage ein bischen länger werden, dass ich früher aufstehn kann. Aber böse mögten Sie ja nicht auf den armen Schelm sein.

Doch nun zur Hauptsache. Ist es denn wirklich wahr lieben Freunde dass Ihr diesen Sommer sicher kommen wollt?* wie werden wir uns freuen Euch Beide zu sehen!! und denken Sie nur, auch Lichtenstein will kommen!! Nun das wird doch einmal ein Sommer auf den man sich freuen kann! Doch still!! Das muss man ja nicht laut sagen sonst wird am Ende aus der | ganzen Freude nichts. Aber bitte, bitte! keine Ueberraschung! Die kann ich gar nicht leiden. ich will wissen wann Ihr kommt, damit ich mich schon lange lange vorher darauf freuen kann. Nicht wahr lieben Kinder, Ihr schreibt mir Tag und Stunde?

Doch nun auch genug für heute, mir schläft die Hand ein, und Ihr schlaft am Ende wohl auch bey der ewig langen Epistel. So lebt denn wohl! lebt froh und glücklich. Gedenkt meiner, und schreibt baldEurer
Carolina v. Weber.

Apparat

Zusammenfassung

dankt ihnen für Weihnachts-Geschenke (Kompositionen, Gedichte u. a.), warnt ihn vor Überarbeitung, zitiert eine Briefstelle Webers nach der EA der Euryanthe in Berlin. Bedauert, daß sie ihm nur eine Sonate schicken kann, da sie von Freunden und Verehrern ausgeplündert worden sei und sie nur noch wenige Handschriften besitze. Eine sei mit einem Engländer ertrunken, eine bekam ein intimer Freund in Prag, die dritte ist nach Paris gewandert. Die Prager könnte sie sich für ihn schicken lassen, schickt ihm ein Autograph mit "das Erste was Webers Ruf begründete". Dann lange Erörterung über den Geburtstag Webers und ihren eigenen. Max kommt Ostern auf das Polytechnische Institut. Freut sich über die Besuchsankündigung von ihm und Ida, auch Lichtenstein will kommen. Möchte aber den genauen Termin vorher wissen.

Incipit

Tausend Tausend Dank, guter, guter Jähns

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz

Überlieferung

  1. Dresden (D), Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (D-Dl)
    Signatur: Mscr. Dresd. App. 2097, 9(7), Nr. 10

    Quellenbeschreibung

    • 7 Bl.

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • (Auszug in:) Vermächtnis der Witwe Webers. Zwei unveröffentlichte Briefe Caroline von Webers , in: Dresdner Nachrichten , Nr. 321 (Dienstag, 19. November 1940), S. 3

Themenkommentare

Textkonstitution

  • „Sie“über der Zeile hinzugefügt.

Einzelstellenerläuterung

  • „… solchen Erfolg gehabt hat. "“Falls es sich tatsächlich um ein Originalzitat Webers handeln sollte, dann müsste es dem heute nicht mehr überlieferten Blatt 2 des Briefes vom 24. Dezember 1825 entnommen sein (möglicherweise enthielt das Blatt, abgesehen von der Adresse, auch eine Nachschrift dieses Inhalts). Allerdings spricht der Wortlaut eher gegen Webers Autorschaft, war dieser in seinen Briefen an die Ehefrau doch meist darum bemüht, seinen gesundheitlichen und seelischen Zustand besser darzustellen, als dieser tatsächlich war.
  • „… Sie an Weib und Kinder“Dem Ehepaar wurde am 18. April 1837 das erste Kind, der Sohn Max, geboren.
  • „… sicher ein Fortunatus Säckel sein“Bezogen auf Fortunatus und sein Wunschhütlein; den Stoff dieses Volksbuches hatte u. a. Tieck aufgegriffen; vgl. den 1816 erschienenen Bd. 3 seines Phantasus.
  • „… kein anderes Gepolter laut wird“Friedrich Wilhelm und Ida Jähns hatten am 1. August 1835 geheiratet. Zum Polterabend am 31. Juli mit Preciosa-Anklängen vgl. das Familiengemälde von Max Jähns (S. 124).
  • „… Dritte ist nach Paris gewandert“Diese Auskunft zu den Autographen der Klaviersonaten beruht partiell wohl auf Erinnerungsfehlern. Die autographe Reinschrift von Nr. 1 hatte Weber selbst (wohl 1813) an Rochlitz verschenkt, jene von Nr. 2 muss sich noch (oder wieder?) in Familienbesitz befunden haben, denn sie wurde 1839 von Caroline von Weber an Sophie Kaskel verschenkt, jene von Nr. 4 ging zu unbekanntem Zeitpunkt als Geschenk der Witwe an Friedrich Wilhelm Brauer (möglicherweise übersandte Caroline von Weber dieses Autograph zur Ansicht). Die autographen Entwürfe zu Nr. 3 befanden sich später im Besitz von Marie Hoffmeister. Unbekannt ist der Verbleib der autographen Reinschrift von Nr. 3; ebenso bleibt ungewiss, ob sich im Nachlass noch mehr autographe Entwürfe als nur jene zu Nr. 3 befunden hatten.
  • „… lege ich in Ihre Hände“1829 hatte Caroline von Weber das unvollständige Autograph des Schlusschores zum Ersten Ton in der ersten Version von 1808 (Autograph heute in D-B, 55 MS 207) an Jähns verschenkt. Im Austausch gegen dieses Original übersandte sie nun das Autograph der Lieder und Chöre aus Leyer und Schwert (Heft 1 und 2) (heute in D-B, Weberiana Cl. I, Nr. 12a); vgl. das Familiengemälde von Max Jähns (S. 44) sowie den Brief von Jähns an Goltermann vom 20.-23. August 1865.
  • „… diesen Sommer sicher kommen wollt?“Zur Dresdenreise des Ehepaar Jähns im Juli/August 1836 inklusive Ausflügen nach Böhmen vgl. das Familiengemälde von Max Jähns (S. 132–134).

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