Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Dresden, Dienstag, 28. Januar – Freitag, 31. Januar 1817

Guten Morgen mein geliebter Muks. Hast du gut geschlafen? bist du nicht mehr so traurig? was machts Zahnweh? Ach armer Notenbeispiel 1

Ist mir lange Zeit nicht so gut geworden früh mit dir plaudern zu können. Habe heute Nachmittag um ½ 3 Uhr Orchester Probe, und muß daher gleich ein bischen die Zeit für meinen Muks benuzzen, da ich Gestern Abend so fleißig gearbeitet habe, daß ich heute Vormittag wohl bald fertig sein werde mit meinen Aufsäzzen.* Muß also deinen Brief noch beantworten und nachsehen ob du noch andere Haue verdienst als du schon Gestern bekommen hast.      Du sagst ich sei aus dem Regen in die Traufe gekommen, da hast du nicht ganz Unrecht. aber es ist denn doch ein ander Ding. Dort war es ein ewiger Regen der nie aufhören konnte, aber wohl noch ärger werden wie es auch jezt ist, hier aber, wenn ich erst die Sachen in Ordnung* habe bleibt es auch auf LebensZeit so, und deßhalb muß man von Anfang an nichts versäumen, und sich die Mühe und den Verdruß nicht reuen laßen. Wird es mir aber zu toll, so kann es dann sicher nur ein elender Kerl aushalten, und ich gehe in Gottes Namen meiner Wege, und stelle Gottes Gnade und Vorsorge alles anheim, und du wirst sehen Er läßt brave Kinder nicht sinken.      Aber es ist hier auch noch gar nicht so weit, und sie würden sich sehr blamiren wenn sie mich gehen ließen. ich will ja nichts als was mir angeboten worden und ich angenommen habe, aber davon kann ich nichts abhandeln laßen, und am allerwenigsten unter H: Morlachi stehen. Deutsche und italiensche Kunst soll gleiche Rechte haben. erheben über ihn will ich mich eben so wenig. Die Welt wird wohl entscheiden welcher der erste ist.

Also den 2t Febr: wird meine Silvana losgelaßen. möchte sie wohl hören, und wie die H: Prager sie aufnehmen.* vielleicht haben sie jezt eine Art von Liebe zu mir bekommen. Mein Muks wird gewiß ein treffliches Waldteuferl sein,* wenn nicht gerade denselben Tag die 2t Vorstellung von Joseph angesezt wäre,* wer weiß was ich thäte. Was würdest du sagen wenn auf einmal Muks dirigirte und dich angukte? ich glaube wir sprängen zusammen du hinunter ich hinauf und bußten uns zur Freude aller Menschen. Ach! was helfen die schönen Träum et jeht nicht. – du! du! auf der Redoute hübsch aufgeführt, nicht getanzt. als was gehst du denn?      Ich wiederhole dir nochmals spaße nicht mit deinen GeldAngelegenheiten* und laße nicht eine unzeitige Großmuth eintreten, bedenke daß wir es brauchen können.      Nun, in der Leinwandt wirtschaftest du schön herum, wir werden ja proz reich werden. Du bist so fleißig und brav, und ich kann vor der Hand noch nichts thun, wills aber schon nachholen wenn einmal hier alles in Ordnung ist. –      Der Teufel hole alle Besuche[,] haben mir viele Zeit gestohlen und muß ich jezt an die DienstGeschäfte. Morgen mehreres mein vielgeliebtes Leben. Millionen Bußen.

Müde und matt komme ich nach Hause, um an meinen Muks zu schreiben. finde deinen Brief No: 24 vom 6, 7 und 28t sezze mich recht behaglich und erfreut hin, und, von Anfang hatte ich Lust, dich ein dummes Vies, oder Eßl etwas wenigers blos zu heißen, aber am Ende wurde ich wirklich traurig. Darf ich also in dem Strudel von Arbeit und Sorgen nicht kurz und trokken wie es mir die Zeit leider befiehlt, dir meine Meynung schreiben? muß ich sie verbrämen mit Millionen Versicherungen meiner Liebe und Verzukerungen? kennst du mich noch nicht genug? ist doch dir noch immer die RedensArt mehr als die Sache?

hast mir wieder einmal recht wehe gethan. Meine einzige Freude ist an dich zu schreiben und deine Briefe zu erhalten. das erstere wird mir so sauer gemacht und ich muß mich so dazu stehlen, daß ich nicht einmal Zeit habe die Briefe nochmals zu überlesen, die ich [in] mehreren Absäzzen schreiben muß, und nun fängst du wieder an zu wägen und zu kritteln, und ängstigst mich dadurch daß ich sehe daß du dich so leicht wieder verstimmen und ängstgen läßt. Was du mir von meinen Äußerungen über Strapazen und Geld schriebst, begreiffe ich vollends gar nicht. Wenn ich dir wiederholt wegen deiner Angelegenheiten mit der Liebich* geschrieben | habe, so geschah dieß blos weil ich weiß wie schwer du zu solchen immer unangenehmen Dingen zu bringen bist, und ich für dein Bestes sorgen muß.

Wenn du nicht glaubst daß es der schönste sehnlichst erwünschte Augenblik für mich sein wird, dich zu sehen, so steht es schlim mit deinem Vertrauen, und deinem Glauben an meine Liebe, und der alte böse Geist erwacht wieder mit seinen Qualen und trüben Bildern.      Aus deinem Briefe zu urtheilen, sieht es aus, als ob ich ordentlich zurük gebebt wäre vor dem Gedanken dich zu sehen, und als ob ich Angst hätte du möchtest alle Augenblike kommen. Daß dieß fast unmöglich ist, weis ich so gut als du, und es gehört gewiß unter das trübste was ich weis.      Liebe gute theure Lina, hüte dich ums Himmels und unsrer Ruhe willen vor der Rükkehr jenes Dämons – Zeige dich standhafter und Gott vertrauender bei diesen Augenblikken wo die heitere Sonne die uns seit der Abreise von Prag leuchtete, sich etwas hinter den Wolken verbirgt.      Von Anfang war ich nur ein bischen böse, gegen die Mitte des Briefes zu lachte ich schon wieder, und wollte dir blos Haue geben, aber das Ende das Ende. – Nun, ich will still sein, und es deinem eigenen Gefühl überlaßen. – – –

Nachdem ich d: 28t viel von Besuchen geplagt worden und endlich mit Mühe und Noth meinen Aufsaz über Joseph fertig gebracht, entstand eine Confusion in der Drukkerey die mich viel Laufen und besorgen machte, denn da wäre der Aufsaz einen Tag später als die Oper erschienen. brachte es aber doch in Ordnung, aß geschwind ein paar Bißen, und hatte Orchester Probe von ½ 3 bis gegen 6 Uhr. brachte dann zu Hause mehreres in Ordnung, und gieng dann ins Theater, um mit dem Grafen zu conferiren wegen neuen Pulten und 1000 Dingen. Dann noch etwas zu meinem Geheimen Rath Schmidl, der mir wirklich recht freundschaftlich nüzlich ist. müde und abgetragen, bald in Bett. d: 29t von 7 Uhr Correcturen besorgt* um 9 Uhr ins Theater und von 10 bis 2 General Probe. um 3 Uhr wieder Probe mit dem Harfenisten*, dann umgezogen, ins Theater, um pflichtschuldigst H: Morlachis Barbier von Sevilla zu hören, indem ich wirklich recht viel Schönes und Lobenswerthes fand. der Mensch hat wirklich viel Talent, aber wenig Ökonomie, weil er zu wenig gründliche Kenntniße besizt. Aber viele Ideen, und besonders sehr gut Karakterisirte komische Sachen. Von da zum Preußischen Gesandten, Ball, wo ich mich aber um 11 Uhr drükte.      Heute abermals General Probe die sehr gut gieng. Mitttag im Engel, und nun hier am Schreibtisch.

Meine Aufsäzze haben schönen Lärm schon erregt, die Italiener wollen bersten vor Verdruß und Furcht, denn sie sind nicht gewohnt daß jemand so fest und öffentlich auftritt.      Jezt werde ich mich bald ins Theater verfügen, und in einer Stunde geht es los. Gott gebe seinen Seegen. Geht es so wie in den Proben, so haben die Dresdener nie ein ähnliches Ensemble gesehen. Heute Abend erfährst du schon den Erfolg. Nun? ich muß wohl wieder gut sein? ja ja, hab ja niemals böse von meinem Mukel scheiden können. Komm her abscheulicher Pumpernikel, hab dich doch lieb. Millionen Bußen mein geliebtes Leben.

adio.

Könnte nicht ruhig schlafen wenn ich dem H: v: Schneefuss nicht sagte wie es abgelaufen ist, nehmlich – – – Vortrefflich, und ich habe einen schönen Triumph gefeiert. alles ging sehr gut, so daß ich selbst zufrieden war, und was darum gegeben hätte, wenn du da gewesen wärest. es war zum brechen voll, gefiel sehr, und am Ende wurde unmenschlich aplaudirt, und dann noch einmal wo alles bravo. Weber schrie. Der König war äußerst sehr zufrieden, und sagte ehe es angieng zum Grafen Vizthum, nun wenn | die heutige Vorstellung glüklich abläuft, so hat Weber schon viel geleistet und alle Ehre davon. zulezt aber sagte „er“ daß alles seine Erwartung bei weitem übertroffen habe. der Jubel auf dem Theater und im Orchester war sehr groß, und alles überhäufte mich mit Dank und Erstaunen, in dieser Zeit so eine Vorstellung zu liefern. ich war dabei ganz ruhig, und freute mich recht herzlich daß alles so gut gegangen. Schmidls ganz außer sich. da habe ich dann noch gepabelt bis jezt und mir Anektoden erzählen laßen. Nun will ich aber in Bett gehn, denn ich bin doch ein bischen müde, wenn gleich nicht schläfrig, ich weiß nicht ich schlafe seit einiger Zeit sehr schlecht. wird auch wieder kommen. nun gute Nacht mein geliebter Muks, du garstiger Schwarz Mops, wenn du doch hättest da sein können, das wäre ein Jubel für dich gewesen. Gute gute Nacht. schlafe wohl, heiter und froh, und träume nicht wieder so dummes Zeug, sonst – – – – – – ) ) ) ) gute gute Nacht, ewig Dein

Carl.

d: 31t Einen schönen guten Morgen lieber Muks. Muß nun deine Briefe nochmals durchlesen und beantworten damit dieser auf die Post spaziren kann. Höre Mukin, schreibe nicht mehr so tief in die Nacht hinein, das kann dir schaden, schlafe hübsch ordentlich bei der Nacht, und pabse am Tage mit deinem Carl.      Was hast du denn dem heiligen Michael versprochen? bin zwar nicht neugierig, aber wißen möchte ich es doch gern. Warum unterstreichst du denn jezt immer so entsezlich behalte mich lieb, hältst du das jezt wieder für nothwendig? du! du! nim dich in Acht!!

Dein Arrangement mit der Liebich ist recht gut, halte nur ordentlich darauf.

Du bist ein dumer Kerl mit deiner Milder. bin im Ganzen 4 mal bei ihr gewesen, und jezt habe ich von Direktions wegen an sie geschrieben, weil sie Gastrolliren will.*      Kom nur kom, sollst sehen wie kurios dein Muks lebt. laße meinen Brief nur Jungh lesen, der wird nicht so durch die trübe Brille sehn wie du.

Ich hoffe daß die arme Jungh jezt wieder ganz wohl ist, denn sie ist ein treffliches Weib, und kann man sich schon ein Muster an ihr nehmen. An dem Unglük der guten Desfours nehme ich herzlichen Antheil, und werde ihr darüber schreiben, sie ist auch von denen die troz aller Mühe auf keinen grünen Zweig kommen können.      Apitz ein Millionär, oho, gratulire, wenn es ihm nur nicht geht wie dem Milchmädchen –      Das ist brav meine liebe Lina daß du auch allen Schein meidest, aber du sollst dabei nicht ängstlich sein, und noch weniger so aussehen. Sei heiter und froh und glaube daß jeder fröhliche Augenblik den du genießest für mich eine doppelte Freude ist. Mit den Theaterleuten sich wenig einlaßen ist freilich das beste. aber alles mit Maaß und Ziel. von Gned habe ich Antwort von Grünbaums noch nicht, woran mir doch viel gelegen. Grüße sie von mir.

Mit Hellwig kome ich recht gut aus, er ist voll Eifer, versteht auch sein Fach, und übrigens habe ichs ihm schon abgewonnen. deinem H: Burmeister habe ich gleich Gestern in die Garderobe deine Grüße und Entschuldigung gebracht. es ist ein recht lieber stiller Mann.      Hier ist der Zettel von Gestern. Hellwig war wirklich trefflich. Wilhe[l]mi und Schubert recht brav. Bergmann that sein möglichstes, und die Chöre giengen – Nun – das Orchester – gehorsamer Diener! Kurz ich war zufrieden.      Ich bin schon ganz wüthend vor Eifersucht auf Musje Triebensee,* Muks wenn der mich ausstäche bei dir? – – Sonntag werde ich fleißig an Euch denken.

     

Nun muß ich schließen denn ich bin schon 10mal unterbrochen worden, von 1000 Glükwünschenden pp. ich drükke dich innigst an mein Herz. behalte du mich lieb, und sei brav. Grüße meine lieben Junghs 100mal alles Schöne an die Mutter, dir Millionen Bußen von deinem dich ewigherzlichst liebenden Muks. |

Apparat

Zusammenfassung

Privates; betr. seine Stellung in Dresden: er könne nicht akzeptieren, unter Morlacchi zu stehen; betr. Aufführung der "Silvana" in Prag; Unstimmigkeiten mit Caroline; betr. Aufsätze Webers in der Abend-Zeitung; Tagebuch 28.-30. Januar: berichtet über Proben u. Aufführung des "Joseph"; muß Caroline wieder mal ins Gewissen reden wegen ihres letzten Briefes; Tb 28. u. 29. 01., Generalprobe zu Joseph, Bericht über Aufführung von Morlacchis Barbier von Sevilla; sein Aufsatz zu Joseph ist erschienen und hat "Lärm erregt". Um 1/2 12 schließt er noch einen Bericht über die sehr erfolgreiche Aufführung des Joseph an. Die Erwartungen des Königs wurden bei weitem übertroffen. 31.01.: Gastrollen Anna Milder; erhofft Besserung der kranken Frau Jungh;

Incipit

Guten Morgen mein geliebter Muks. Hast Du gut geschlafen?

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Signatur: Mus.ep. Weber, C. M. v. 78

Quellenbeschreibung

  • 2 Bl. (3 b.S. o.Adr.)
  • Vermerk am Fuß von Bl. 2r von Jähns "(gehört zu No 22. Dresden: 28. Jan. 1817.)"
Weitere Textquellen
  • Muks, S. 331–337 (unvollständig)
  • tV: AMZ, Neue Folge, Jg. 3, Nr. 33 (16. August 1865), Sp. 546–548;

Textkonstitution

  • "Ach armer ": durchgestrichen.
  • "doch": durchgestrichen.
  • "z": "siehst" durchgestrichen.
  • "und alle Ehre davon": Hinzufügung.
  • "d": "z" überschrieben.

Einzelstellenerläuterung

  • "… sein werde mit meinen Aufsäzzen.": Gemeint sind Webers Aufsätze An die kunstliebenden Bewohner Dresdens, Dramatisch-musikalischen Notizen und die Dramatisch-musikalischen Notizen zu Méhuls Joseph, die zur Eröffnung des deutschen Departements am 30. Januar bestimmt waren und im 1. Jg. der Dresdner Abend-Zeitung, Nr. 25 (29. Januar 1817) erschienen; vgl. dazu auch TB 26–28. Januar 1817.
  • "… erst die Sachen in Ordnung": Zu Webers Anstellung vgl. Themenkommentar.
  • "… die H: Prager sie aufnehmen.": Zur Prager EA der Oper vgl. Themenkommentar.
  • "… gewiß ein treffliches Waldteuferl sein,": Caroline Brandt trat, wie schon bei der Frankfurter Uraufführung, in der Titeltolle des „stummen Waldmädchens“ Silvana auf.
  • "… Vorstellung von Joseph angesezt wäre,": Die beiden ersten Aufführungen von Méhuls Joseph fanden am 30. Januar und 2. Februar 1817 unter Webers Leitung statt; vgl. dazu auch Themenkommentar.
  • "… spaße nicht mit deinen GeldAngelegenheiten": Vermutlich sind hier die Probleme durch die Unsicherheiten über den Fortbestand der Prager Bühne nach dem Tod des Theaterdirektors Liebich gemeint.
  • "… deiner Angelegenheiten mit der Liebich": Liebichs Witwe Johanna versuchte die Theaterangelegenheiten zu regeln und übernahm im März selbst die Leitung.
  • recte "wird": in der Vorlage "wirst"
  • "… von 7 Uhr Correcturen besorgt": Vermutlich zu den Orchesterstimmen des Joseph, da im TB am 29. Januar von „Orchester geordnet“ die Rede ist.
  • "… wieder Probe mit dem Harfenisten": Eine Harfe wurde im III. Akt des Joseph für die Cantique Nr. 9 („Aux accens de notre harmonie“) benötigt. Harfe und Posaune waren laut einer Eingabe Vitzthums vom 24. Mai 1817 nicht besetzt und mußten daher gesondert engagiert und honoriert werden (Dresden HSA, Loc. 15146, Bd. 20, f. 171–174).
  • "… geschrieben, weil sie Gastrolliren will.": Pauline Anna Milder-Hauptmann, an die Weber laut TB am 23. Januar geschrieben hatte, hatte in Prag u.a. in der Erstaufführung der Kantate Kampf und Sieg mitgewirkt. Weber hatte im Dezember 1816 während seines Berliner-Aufenthalts, wo sie gleichzeitig gastierte, die Einlage-Arie zu Lodoiska „Was sag ich? Fern von ihm“ (WeV D.8) für sie skizziert und sie in diesem Zusammenhang auch besucht.
  • "… Eifersucht auf Musje Triebensee ,": Josef Triebensee, der seit 1. Oktober 1816 als Nachfolger Webers Opernchef in Prag war, leitete die dortige Aufführung der Silvana

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