Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
Wien, Montag, 25. Februar bis Mittwoch, 27. Februar 1822 (Nr. 6)

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An Frau

Carolina von Weber

Gebohrene Brandt.

Hochwohlgebohren

zu

Dresden

Altmarkt No 9.

Wenn die Mukkin in dem stillen Dresden sogar einen Tag abgehalten sein kann, mit der Männe zu plaudern, so ist es wohl noch verzeihlicher wenns dem leztern in Wien auch so geht. Vorgestern wie ich meine No: 5 absendete -- Störung -- 1/2 12 Uhr. -- hatte ich eine rechte Haz. früh viele Besuche erhalten, denn alle Künstler besuchen mich zuerst. dann in der Hofkapelle das Requiem von Mozart sehr gut gehört. dann zur Caroline Pichler gefahren. Mittag bei Mosel. da begegnete mir Griesinger und sagte er habe einen Brief für [mich], und ich könnte ihn zwischen 4 -- 6 Uhr holen laßen. ich glaube gewiß er sei von dir. sizze schon auf Nadeln bei Mosel bis 5 Uhr. dann nur fort auf den hohen Markt, da will Niemand etwas vom sächs: Gesandten wißen. Nun meine Angst, der Abgang der Post um 7 Uhr -- endlich erfrage ich ihn auf dem Hof, das hatte ich verwechselt mit hohem Markt, und was bekomme ich? einige Zeilen ohne Wichtigkeit von Freund Böttger. nun fuhr ich wie beseßen nach Hause, um nur meinen Brief noch auf die Post zu bringen. Dann gieng ich in Rombergs Konzert, das er mit der Administration im Theater gab, von der er 2000 f W: W: erhielt. und vom Kaiser einen schönen Brillant Ring. dann war das Spektakel Ballet, die Jungfrau von Orleans*. und wie ich nach Hause kam, war ich so müde daß ich gleich Betterl suchen mußte. Gestern früh rannte ich in aller Eile zu Romberg um Abschied zu nehmen, nun bleibt er aber, und giebt Morgen noch ein Concert für die Armen. Romberg trägt hier über 10000 f W. W. weg*. der kann zufrieden sein. dann machte ich die Bekanntschaft der ersten Klavierpsielerin hier Fr: v: Gibini. sie spielt wirklich vortrefflich. aber die Männe wird sich nicht fürchten. An Gelegenheit zum exerzieren fehlt es hier nicht, ich bin gut disponirt, die Instrumente sind vortrefflich. Die Leute verstehen und fühlen, also kann ich sagen, daß ich gehörig los orgele und einige Bewunderung sich regt. Von da gieng es ins WeltGericht. dann Mittag mit Künstlern bei Mihàlcowisc. wieder phantasiert. und einen Dilletanten gefunden der meine Sachen singt daß einem die Thrähnen in die Augen kommen. Dann gings in den Freyschüz. gepfropft voll, dann den Abend mit Grillparzer Haußaurek, Forti, Vogl, Daffinger pp zugebracht. Du siehst nur in den Hauptumrißen, was in einem Tage hier alles vorgeht. Die Euryanthe ist in die Zensur spaziert. Gott gebe es gnädig. wer sie noch gelesen hat, ist damit zufrieden.

Die Grünbaum ist recht unwohl. d: 5t März kann ich erst meine Oper dirigiren. wo manches wieder hergestellt wird*. und im Herbst will man suchen sie ganz an der Wieden zu geben*. Mein Concert wird vor dem 14t nicht möglich sein, und ich [muß] also gerade um 8 Tage länger ausbleiben als ich dachte. Eine Ewigkeit für mich, denn so viel herrliches und wahrhaft erhebendes es hat für einen großen Mann gehalten zu werden, und diese allgemeine enthusiastische Verehrung zu sehen, so viel beschwerliches ist auch damit verbunden, und ich lob mir mein stilles Stübchen mit der Mukkin, ohne die doch alles kaum halb Genuß ist. Ja mein geliebtes Leben, du weißt es wohl daß ich eigentlich nur in dir lebe, und daß alle meine Freude immer nur darin liegt wie es dich freuen wird. Dir werde ich recht viel zu erzählen haben, denn die andern | müßen schon für übertrieben halten, was kaum die halbe Wahrheit ist.      Ich kann mir wohl denken daß dir die viele Gesellschaft oft recht zur Last sein muß. ich erkenne aber doch mit Freuden wie gut es alle meynen. Gehe ja fleißig spazieren, das wird dir gut thun. wir haben herrliches Wetter, und ich bin recht wohl, bis auf den Schnupfen. ich kann Gott nicht genug danken, daß es dir so gut geht, und bitte ihn täglich innbrünstigst um deine Gesundheit.

Der arme ditte Ali. es würde mich sehr schmerzen ihn zu verliehrenT. Du hast sehr recht gehabt den Brief von Fritz zu öffnen. hat er denn das Geld bekomen?* Spare nur nicht, alte Weibe, laß immer aufgehn was nöthig ist. Das Concert muß das alles wieder einbringen. Mein Aufenthalt hier, kostet mich verhältnißmäßig sehr wenig, außer Trinkgelder, und Fiaker wenn der Herr sich schonen will. Das mit der Chezy ihrem Quartier wird wohl nicht gehen*T. es ist ja in diesem milden Winter nicht zu erheizen gewesen, wie soll es da im strengen werden? auch ist es zu klein für uns. Nun, besieh dir nur es recht ordentlich. Die Küche raucht auch. Grüße Sie übrigens bestens von mir.

Jezt Puntum für heute. 100000 gute Bußen dem geliebten Herzens Weib, und die Versicherung der unwandelbarsten heißesten Liebe Ihres alten treuen Hamsters Carl.

d: 27t früh. Schönsten guten Morgen, Frau von Dikkerl*. gut geschlafen?

ich vortrefflich, nach dem ich Gestern Abend noch deinen lieben No: 4 erhalten, und daraus Gottlob deine Gesundheit gesehen hatte. Das ist ja eben schön und recht, daß du mir alles schreibst, ich mache es ja eben so, so gut es möglich ist. und so einander folgen können, Schritt vor Schritt, kann allein einigermaßen ein Surogat sein, für das peinliche der Trennung. Also d: 21t war die Alte ungezogen. Ey Ey!!! Haue, Haue! abermals eine unnüzze Ahndung, denn d: 21t Abends spielte ich viel Klavier bei der blinden Gräfin Mnizek.

Was du von meinem Bilde sagst, ist ganz wahr, nehmlich in so weit daß es einen nicht ansieht*. Aber gewiß ist es mir das Unähnlichste auf Erden, wenn es gegen dich gleichgültig aussieht. Aber ich kenne schon die Madam. sie hat ein Talent, -- Ein Talent!!! -- nun -- ich schweige. Meine Briefe werden nun schon deine Fragen beantwortet haben. Es Allen recht zu machen ist schwer. aber doch hat noch Niemand so allgemein gefallen als ich. und da die Leute sehen daß ich deßhalb auch anderes zu schäzen weiß so steigt nur ihre Achtung und Anhänglichkeit.

d: 25t aß ich bei Kastelli. da plauderten wir was rechtes zusammen. dann besuchte ich noch Biedenfeldt und Seyfriedt. fuhr dann wieder in die Stadt hörte Milton von Spontini, und das schöne Ballet Lodoiska*. dann gieng ich zur Baronin Wezlar die herrlich singt. und mit der berühmten Graßini die jezt hier ist, ein Duett sang. daß der H: Carl phantasieren mußte versteht sich. Das sezt recht in Übung.

Gestern d: 26t Wie gewöhnlich von 8 Uhr an große Cour am Weberschen Hofe. dann selbst zur Weißenthurn pp um 12 Uhr in einer Prob: des großen Musik vereins, und das Finale aus Silvana gehört*. dann in das 6t Concert das Romberg gab, aber für die Armen. dann | ein entsezliches Diner bei Sonnleithner, mit Salieri, Grillparzer, Mosel, Umlauf pp pp darauf Rombergs an den Wagen begleitet. die dich noch 10000 mal grüßen. eben so Grünbaums. sie ist noch immer unwohl. ich werde ja nun sehen ob du Recht hast. dann ging ich in den Barbier von Sevilla von Roßini. der sehr brav gegeben wurde*. dann nach Hause. wo mich dein herzlieber Brief erfreute, und ich mich recht ärgerte ihn nicht gleich beantworten zu können, da ich ein fehlendes Stük in das Finale der Silvana aufschreiben mußte, das man heute Morgen abholen will*. darüber saß ich bis 12 Uhr. speißte einige Rettige, und ging in Bett, wo ich der Mukkin Brief noch einmal durchlas und ihr gute + + + gebend, einschlief.

Gestern war auch die alte Lang bei mir. die jezt hier von Lektionen geben lebt. die hat mirs recht in die Seele gebunden dich von ihr zu grüßen. Die Künstler hier beschämen mich wahrhaft durch ihr zuvorkomendes Benehmen. es ist keiner fast, der nicht zuerst zu mir gekommen wäre. ich habe aber auch noch so viele aufzusuchen -- 2 mal zu Jemand zu kommen ist fast nicht möglich. die Entfernungen sind so groß, daß selbst gefahren, doch große Zeit darüber hingeht. Jezt herzliebste Weibe, will ich an H: v: Könneritz schreiben, wegen der 8 Tage die ich länger wegbleibe. Giebst du mir denn auch so lange Urlaub? Weißt du daß ich mich schon geängstiget habe, daß, wenn ich d: 20t oder 21t nach Hause komme, die Mukkin vor Freude in die Wochen kommen könnte. o ich kann auch allenfalls mir dumme Gedanken machen. Etwas muß man doch von einander profitiren.

Grüße mir alle bestens. kann ich so lege ich dir 2 Zeilen für Böttger bei. Den guten Ali und Schnuff buße auch für michT. und Mariechen* gieb + + + so wie ich dich in Gedanken innigst umarme, Gottes Seegen für dich erbitte, und mit treuster zärtlichster Liebe immer und ewig bin und bleibe dein* Carl Millionen Bußen [Kußsymbol]

Den Brief an Böttiger siegle zu.

Poz Blitz! da hätte ich bald eine Hauptsache vergeßen. Rhode soll die gestochene Arie aus Ines de Castro mit den Orchester Stimen so schnell als möglich schikken. sie muß unter dem Pak rechter Hand auf dem NotenTische liegen. die Grünbaum will sie in meinem Concerte singen*.

Editorial

Incipit

Wenn die Mukkin in dem stillen Dresden

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz

Tradition

  • Text Source: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Shelf mark: Mus.ep. Weber, C. M. v. 155

    Physical Description

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.), Siegelrest und -loch
    • am linken unteren Rand der Adressenseite von fremder Hand: “mit Recepisse” und unter dem Siegel: “v. Weber. St. N. 838.”
    • Rötelmarkierungen von Max Maria von Weber

    Commentary

    • “… Ballet, die Jungfrau von Orleans”Johanna d’Arc, pantomimisches Ballett in vier Aufzügen nach Schiller von Jean Pierre Aumer, Musik von Gallenberg, Choreographie von F. Taglioni, Vorstellung in der Hofoper (Kärntnertortheater).
    • “… 10000 f W. W. weg”Die Familie hielt sich seit Anfang Januar in Wien auf; zu Bernhard Rombergs ersten drei (von insgesamt sechs) dortigen Konzerten gemeinsam mit Sohn Carl und Tochter Bernhardine vgl. Allgemeine musikalische Zeitung mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat, Jg. 6 (1822), Nr. 2 (5. Januar), Sp. 15, Nr. 4 (12. Januar), Sp. 25–27, Nr. 12 (9. Februar), Sp. 89–93.
    • “… wo manches wieder hergestellt wird”Bei der Aufführung am 7. März erklang erstmals in Wien die Romanze Nr. 13 des Ännchen ohne Strich der Arie (“Trübe Augen”).
    • “… an der Wieden zu geben”Die Aufführung im Theater an der Wien fand bereits am 5. Juni 1822 statt, allerdings erlaubte die Zensurbehörde nicht, die Oper in der Originalform zu geben. Die Aufführungsgenehmigung wurde lediglich in der Form erteilt, “wie sie bisher in dem Hoftheater […] stattgefunden habe”; vgl. Weber-Studien, Bd. 8, S. 467.
    • “… er denn das Geld bekomen?”betrifft die von Fridolin von Weber vermittelte Honorierung der Freischütz-Partitur für das Hamburger Theater (vgl. WeGA, Ser. III, Bd. 5b, S. 516.).
    • “… Quartier wird wohl nicht gehen”Offenbar suchten die Webers bereits zu diesem Zeitpunkt nach einem neuen Quartier.
    • “… guten Morgen, Frau von Dikkerl”Caroline von Weber war im 7. Monat schwanger. Max Maria von Weber wurde am 25. April 1822 geboren.
    • “… daß es einen nicht ansieht”Gemeint ist das 1821 entstandene Weber-Porträt von Caroline Bardua, das Weber seiner Frau am 19. November 1821 geschenkt hatte.
    • “… und das schöne Ballet Lodoiska”Beide Werke wurden in der Hofoper (Kärntnertortheater) gegeben.
    • “… das Finale aus Silvana gehört”Probe zum Musikvereins-Konzert am 3. März 1822; vgl. Tagebuch.
    • “… der sehr brav gegeben wurde”Vorstellung in der Hofoper (Kärntnertortheater); die Besetzung war: AlmavivaRosner, BartoloSeipelt, RosineSchütz, FigaroForti, BasilioGottdank, MarcellineKatharina Vogel. Im Tagebuch werden Forti und Mad. Schütz positiv hervorgehoben.
    • “… man heute Morgen abholen will”Das der Wiener Aufführung zugrundeliegende Manuskript vom Finale II der Oper (Nr. 15) war unvollständig kopiert worden, weshalb Weber die fehlenden 12 Takte (T. 281–292) aus dem Gedächtnis rekonstruieren musste; vgl. WeGA, Bd. III/3c, S. 629f., 679, 701f.
    • “… für mich . und Mariechen”Kosename für das ungeborene Kind, Max Maria von Weber wurde am 25. April 1822 geboren.
    • “… ewig bin und bleibe dein”dreifach unterstrichen.
    • “… sie in meinem Concerte singen”In einigen Ankündigungen zu Webers Konzert am 19. März 1822 ist die Weber-Arie noch angezeigt, wurde dann aber laut den Konzertberichten durch die Arie der Donna Anna Nr. 23 “Crudele! Ah no, mio bene” / “Non mi dir, bell’idol mio” aus Don Giovanni ausgetauscht. Im Brief an seine Frau vom 7.–9. März 1822 äußerte sich Weber angesichts der Weigerung der Sängerin, seine Arie zu studieren, verärgert über die zusätzlichen Mühen und Kosten, die durch den Versand des Materials entstanden waren.

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