Konzertübersicht der Fastenzeit 1816 in Prag (Teil 5 von 7)

Conzert-Uebersicht der Fastenzeit 1816.
(Fortsetzung.)

Den 8. April gab Hr. L. E. Czapek, Hörer der Rechte, eine große musikalische Akademie in dem Redoutensaale zum Besten des neuen Armenhauses. Es ist immer eine erfreuliche Erscheinung, wenn selbst gebildete Dilettanten ihre Kunstfertigkeit zum Besten der leidenden Menschheit verwenden, und wenn es gleich der Bescheidenheit einer Kunstkritik ganz zuwider laufen würde, eine förmliche Relation über eine solche Ausstellung zu liefern, so bleibt es doch immer eine angenehme Pflicht, einen so schönen Zweck, welchen auch Mad. Czegka und Hr. Clement durch ihre anerkannten Talente unterstützten, und seine Erfüllung anzuzeigen.

Den 9. April hatte der Hr. Doctor und Professor J. Chr. Mikan im ständischen Theater eine, mit einem Tableau verbundene, musikalisch-deklamatorische Akademie zum Vortheile des Ordens der Elisabethinerinnen veranstaltet. Die unermüdliche Sorgfalt, die Hr. Prof. Mikan alljährlich einem ähnlichen Institute weihet, setzt auch zugleich seine Erfindungsgabe das Publikum, nebst dem Bewußtseyn der Wohlthätigkeit, auf eine neue und anziehende Weise zu unterhalten und zu erfreuen, in rühmlich anzuerkennende Thätigkeit. Mit rastlosem Eifer setzt er alle Mittel in Bewegung, deren Begünstigung vom Publikum er gewiß zu seyn hofft, dem Freunde jeder Kunstgattung strebt er sein Theil zuzuwenden, und ihn lohnt einzig das Bewußtseyn, das Seinige zu einem schönen Zwecke, der Unterstützung der Nothleidenden, gethan zu haben, und die Erreichung desselben.

Eine kraftvolle, mit Instrumental-Effekten reich ausgestattete Ouverture von Bernhard Romberg eröffnete, gut ausgeführt, das Ganze.

2) Arie mit Chor* zu der Oper: Titus komponirt von Weigel, gesungen von Hrn. Ehlers war, so brav selbe ¦ auch ausgeführt wurde, von keiner sonderlichen Wirkung, und mußte es bey einem Publikum seyn, daß den Mozart’schen Genius zu sehr zu ehren weis, als daß es etwas ihm Angeklebtes sehr gut aufnehmen sollte. Obwohl mit aus dem Marsche entlehnten Ideen durchwebt, und mit dem Chor beschlossen, strebt dieses Musikstück vergebens sich das Bürgerrecht unter den übrigen zu erringen.

3) Doppelconzert für 2 Violinen , vorgetragen von Kalliwoda und Taborsky, Zöglingen des Konservatoriums der Musik. Wie immer eine höchst erfreuliche Erscheinung, die heute noch durch die Geistesgegenwart des ersten Spielers erhöht wurde, dem eine Saite sprang, und welcher ohne dadurch außer Fassung gesetzt zu werden, auf einer fremden Violine recht brav vollendete.

4) Die Kuh von Bürger, ein ziemlich sentimentales Gedichtchen, welches seinem Stoffe zufolge hier ganz an seinem Platze stand, und von Dem. Brand mit der höchsten Anmuth und Gemüthlichkeit vorgetragen wurde.

5) Duett zur Oper Titus, von Weigel, gesungen von Mad. Czegka und Hrn. Schnepf. Machte eben nicht mehr Glück als das Vorige. Mad. Czegka sang sehr brav, aber in Hinsicht auf Hrn. Schnepf wäre es sehr zu wünschen, daß dieser talent- und kenntnißreiche junge Mann, die Individualität seiner Stimme mehr ehren, und nicht seinen angenehmen Bariton in die höchsten Regionen des Tenors hinauftreiben möchte, wodurch er des höchsten Reizes und der Reinheit beraubt wird. Ueberhaupt vermißte Ref. das nothwendige Ensemble des Zweygesangs.

6) Psalm von Nägely. Ein schönes ernstes Musikstück von einer uns etwas fremden Art, wenn gleich in protestantischen Ländern heimisch und geliebt , wo es einen wesentlichen Theil der gottesdienstlichen Musik ausmacht.

7) Des Königs Ladislaus Wahl von Castelli, eines der besten Gedichte desselben, und von Hrn. Ehlers vortrefflich vorgetragen, der uns hier vor seinem Abschiede noch in einer neuen interessanten Beziehung erschien.

8) Chor zu dem Trauerspiel: Thamos, von Mozart. Eine herrliche, mächtige und edle Komposition, die gewiß an ihrem Platze die höchste Wirkung thun muß, und auch hier ergriff und erfreute.

9) Allegro für Blasinstrumente, ausgeführt von den Zöglingen des Konservatoriums der Musik, ging leider fast ganz verloren, da die Vorbereitungen zum Tableau sowohl das Herunterlassen mehrerer Vorhänge nöthig machten, theils die Erwartung des Publikums sich [sch]on durch einige Unruhe aussprach.

*10) Die Wunder-Rosen, Legende von J. Ch. Mikan, gesprochen von Mad. Sonntag. Der Dichter hat die schöne Sage von der Landgräfin Elisabeth, wie sie gegen das Verbot ihres Gemahls den Armen Speisen in einem Korbe zuträgt, von ihm angehalten, sagt: es seyen Rosen, er das Tuch vom Korbe wegreißt, – und durch ein Wunder die Speisen sich in Rosen verwandelt haben, zu einem erzählenden Gedichte benützt, welches zugleich zur Erklärung der beyden Momente des Tableaus diente, und von Mad. Sonntag mit einer Anmuth, Herzlichkeit und Wahrheit vorgetragen wurde, die uns einen neuen Beweis lieferte, welch eine schätzbare Acquisition diese denkende Künstlerin für unsre Bühne sey. Eingedrungen in Geist und Sinn der schönen Dichtung wußte sie durch Worte, die aus dem Herzen kamen, wieder zum Herzen zu sprechen, und ward mit enthusiastischem Beyfall des Publikums belohnt.

In den Tableau selbst stellte Dem. Böhler die Landgräfin Elisabeth vor, und gewiß entsprach ihre schöne und edle Gestalt, ihr zartes und frommes Antlitz ganz der Idee dieser herrlichen teutschen Frau des deutschen Alterthums. Hr. Polawsky zeigte mit Kraft und Würde den strengen Landgrafen, während die Gruppe auf der einen Seite durch die Frauen der Landgräfin (Mad. Clement und Junghans), auf der andern durch die Höflinge (Hrn. Löwe, Gerstel, Wilhelmi und Dorsch) vollendet und abgerundet wurden. Ein Adagio der Harmoniemusik, begleitete das Tableau. (Der Beschluß folgt.)

Apparat

Zusammenfassung

über zwei Konzerte der Fastenzeit, von Prager Musikliebhabern bzw. Dilletanten ausgeführt; 1. Konzert Czapek, 2. Konzert Mikan, beide zu wohltätigen Zwecken

Entstehung

14., 17. und 18. April 1816; 14. Mai 1816 (laut TB)

Verantwortlichkeiten

Überlieferung in 2 Textzeugen

  1. Kaiserlich Königlich privilegirte Prager Zeitung, Jg. 3, Nr. 139 (18. Mai 1816), S. 555

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Kaiser (Schriften), S. 82–85 (Nr. 86 und 87)
  2. Entwurf: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Mus. ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, (VI) Bl. 44a/r oben

    Quellenbeschreibung

    • keine Überschrift; Incipit: "D: 8t. Aprill gab H. Leopold Eustach Czapek, Hörer der Rechte, eine große musik. Akad."; keine Datierung in A
    • Bl. 1r oben von DBl. (Format 33,6x20,1 cm, grünliches Papier, WZ: bekröntes Ornament mit Horn, Gegenmarke: IFOM, Kettlinien ca. 2,4–2,6 cm); von Weber pag. S. 103; Text quer mit Blei gestrichen; Textinhalt des Entwurfs in der Formulierung abweichend vom ED

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • HellS II, S. 185–188
    • MMW III, S. 113f.

Textkonstitution

  • „daß“sic!
  • „… “Die folgenden letzten Abschnitte fehlen im Entwurf!!!
  • „den“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • „… 2) Arie mit Chor“Es handelt sich um eine Einlagearie von Weigl zur Oper Mozarts: Rezitativ und Arie (Titus, Chor): "Schweigt, genug, o Quiriten!" / "Glänzend am Himmelspole", Ex. erhalten in der Bayerischen Staatsbibliothek.

Lesarten

  • Textzeuge 1: Es ist immer eine erfreuliche Erscheinung, wenn selbst gebildete Dilettanten ihre Kunstfertigkeit zum Besten der leidenden Menschheit verwenden, und wenn es gleich der Bescheidenheit einer Kunstkritik ganz zuwider laufen würde, eine förmliche Relation über eine solche Ausstellung zu liefern, so bleibt es doch immer eine angenehme Pflicht, einen so schönen Zweck, welchen auch Mad. Czegka und Hr. Clement durch ihre anerkannten Talente unterstützten, und seine Erfüllung anzuzeigen
    Textzeuge 2: Der lobenswerthe Zwek lobe auch zugleich die Mittel. Mad. Czeka und H: Clement halfen durch Ihre anerkannten Talente ihn erreichen, und dankend muß jederzeit ähnliche Unternehmung aufgenommen werden
  • Textzeuge 1: Doctor und Professor
    Textzeuge 2: Prof.
  • Textzeuge 1: des Ordens
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: der Wohlthätigkeit
    Textzeuge 2: wohlthätig zu sein
  • Textzeuge 1: eine neue und anziehende
    Textzeuge 2: neue anziehende
  • Textzeuge 1: Mit rastlosem Eifer setzt er alle Mittel in Bewegung, deren Begünstigung vom Publikum er gewiß zu seyn hofft, dem Freunde jeder Kunstgattung strebt er sein Theil zuzuwenden, und ihn lohnt einzig das Bewußtseyn, das Seinige zu einem schönen Zwecke, der Unterstützung der Nothleidenden, gethan zu haben, und die Erreichung desselben.
    Textzeuge 2: Den Freunden jedes einzelnen Kunstzweiges strebt er seinen Theil zuzuwenden, erreicht daher sicher seinen Zwek, wenn auch ein etwas buntes Ganze daraus hervor geht. Mit rastlosem Eifer sezt er alle Mittel in Bewegung deren Begünstigung vom Publikum er gewiß zu sein hofft. ihm lohnt dafür einzig das schöne Bewustsein das seinige im vollsten Maaße gethan zu haben.
  • Textzeuge 1: so brav selbe auch ausgeführt wurde, von keiner sonderlichen Wirkung, und mußte es bey einem Publikum seyn
    Textzeuge 2: ohne sonderliche Wirkung, besonders bey einem Publikum
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: von Eck
  • Textzeuge 1: höchst
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: ersten
    Textzeuge 2: einen
  • Textzeuge 1: erhöht wurde
    Textzeuge 2: Text nicht vorhanden.
  • Textzeuge 1: welcher
    Textzeuge 2: der
  • Textzeuge 1: gesetzt zu werden
    Textzeuge 2: gebracht zu sein
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: – erhöht wurde
  • Textzeuge 1: ein ziemlich sentimentales Gedichtchen, welches seinem Stoffe zufolge hier ganz an seinem Platze stand, und von Dem. Brand mit der höchsten Anmuth und Gemüthlichkeit vorgetragen wurde.
    Textzeuge 2: gesp. v. D: Brand.
  • Textzeuge 1: Machte eben nicht mehr Glück als das Vorige. Mad. Czegka sang sehr brav, aber in Hinsicht auf Hrn. Schnepf wäre es sehr zu wünschen, daß dieser talent- und kenntnißreiche junge Mann, die Individualität seiner Stimme mehr ehren, und nicht seinen angenehmen Bariton in die höchsten Regionen des Tenors hinauftreiben möchte, wodurch er des höchsten Reizes und der Reinheit beraubt wird. Ueberhaupt vermißte Ref. das nothwendige Ensemble des Zweygesangs.
    Textzeuge 2: weder als Musikstük noch hinsichtlich des Vortrags rühmenswerth. Ref: vermißte das nothwendige Ensemble des ZweyGesangs. H. Schnepf schraubte seinen angenehmen Bariton in die höchsten Regionen des Tenors, und beraubte ihn dadurch des grösten Reizes, und der Reinheit. so vereinzelt konnte Mad. Czeka nicht genug wirken.
  • Textzeuge 1: Ein schönes ernstes Musikstück von einer uns etwas fremden Art, wenn gleich
    Textzeuge 2: Chor. Eine Musikgattung die uns eben so fremd ist als sie
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: wird
  • Textzeuge 1: es
    Textzeuge 2: sie
  • Textzeuge 1: eines der besten Gedichte desselben, und von Hrn. Ehlers vortrefflich vorgetragen, der uns hier vor seinem Abschiede noch in einer neuen interessanten Beziehung erschien.
    Textzeuge 2: gesp: von H: Ehlers.
  • Textzeuge 1: Eine herrliche, mächtige und edle Komposition, die gewiß an ihrem Platze die höchste Wirkung thun muß, und auch hier ergriff und erfreute.
    Textzeuge 2: herrlich, mächtig und edel. gewiß an seinem Plazze von großer Wirkung.
  • Textzeuge 1: ging
    Textzeuge 2: ward
  • Textzeuge 1: verloren
    Textzeuge 2: unhörbar
  • Textzeuge 1: Text nicht vorhanden.
    Textzeuge 2: Hierauf das Tableau. mit einem Adagio von BlasInstrumenten begleitet. pp

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